4. Generation Ost: Unsere Eltern verloren ihre Jobs. Wir erbten die Brüche


„Oh, bitte nicht“: Das ist der Gedanke, den ich am ehesten mit den Tagen nach einer Wahl verbinde. Wenn am Sonntag die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern gewesen ist und ab Montagfrüh die Analysen in den westdeutschen Newsrooms losgehen, werde ich ihn wohl wieder im Kopf haben.

Ich bin 1991 in Wolgast geboren und vor allem in Greifswald aufgewachsen. Die beiden Orte liegen ungefähr eine halbe Autostunde voneinander entfernt. Besonders Wolgast ist den meisten Menschen am ehesten vom Durchfahren bekannt. Als Tor zur Insel Usedom. In Vorpommern ist eigentlich alles eine halbe Stunde weit weg. Jarmen zum Beispiel, wo die Band Feine Sahne Fischfilet herkommt, deren Frontsänger Monchi gerade deutschlandweit erklärt, wie es sich jenseits der Brandmauer lebt.

Mit einigen Bandmitgliedern habe ich Abitur gemacht, mit anderen irgendwo in Vorpommern Nazidemos blockiert. Jedes Jahr am 8. Mai in Demmin etwa, was eine Dreiviertelstunde von Greifswald aus im Süden liegt. Wiederum ziemlich genau eine halbe Stunde Richtung Westen ist dann noch Stralsund. Auch ein Tor zur Insel (Rügen), aber wesentlich bekannter als Wolgast. Kurzgesagt: Vorpommern war in meiner Jugend da, wo die nächste Nazidemo und der schöne Ostsee-Strand jeweils ungefähr eine halbe Autostunde weit weg waren.

Nervige Ostsafaris von Westjournalisten

Auf ihren Ostsafaris treffen viele Journalisten aus dem alten Westen genau diesen Widerspruch im neuen Osten nicht. Bei mir treffen sie aber einen Nerv, der immer rund um Wahlen besonders frei liegt. Seit Jahren ist es immer dieselbe Geschichte: Die AfD gewinnt bei Wahlen dazu. Oder sie gewinnt die Wahlen sogar. Hier hatte die NPD schon zweistellige Ergebnisse, hier wird am Sonntag die AfD wieder abräumen. Und am Montag wird es wieder um den rechten Osten gehen. Ich frage mich mittlerweile, wieso nach so einer Wahl eine einzige Prozentangabe reicht, um die gesamten Verhältnisse in Vorpommern zu bewerten. In meiner Heimat.

Vor den Wahlen habe ich mehrere Wahlkampfauftritte der AfD besucht. Bürgerfeste mit Bratwurst und Brandreden. Vieles ist erwartbar und fad. Die Wut im Publikum, die alten Männer, die mit zu Fäusten geballten Gesichtern hören wollen, dass nicht Russland, sondern die Migranten schuld seien. Die waren schon immer da.

Neu sind die neuen Neonazis. Die sehen jetzt wieder so aus, als seien sie aus einer Doku über Rostock-Lichtenhagen gestolpert. Sie zeigen stolz die gescheitelten Haare, die Bomberjacken, die Stiefel. Sie fühlen sich wieder sicher. Nicht nur am Rand der AfD‑Bürgerfeste. Am Arbeitsplatz, in den Schulen. Mich ärgert dann, dass sie es sind, die das Bild bestimmen, das Menschen sehen, wenn es um „den Osten“ geht. Es ist nicht ihr Osten. Es ist auch meiner.

Ich bin Millennial, ich stehe zwischen den Stühlen

Nach der Wende in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen zu sein, fühlte sich für mich lange nicht besonders ostdeutsch an. Generationen lassen sich besonders popkulturell leicht einteilen. Und was das angeht, fühle ich mich wie ein Millennial. Wer in den ersten Jahren nach der Wende in den neuen Bundesländern aufgewachsen ist, hat faktisch nicht mehr in der DDR gelebt. Aber ich kann auch nicht sagen, dass meine Generation direkt im vereinten Deutschland angekommen ist.

Es gab immer diese Nuancen, die einem bewusst gemacht haben, dass man irgendwie zwischen den Stühlen steht. Ich erinnere mich an Mitschüler oder Studienfreunde, die noch knapp in der DDR geboren sind und sich dann natürlich Ossis nennen durften. Die Urkunde zum Beweis war dann der Impfausweis, der direkt zur Geburt noch mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz ausgestellt wurde.

Die Simpsons, Superfest-Gläser und Heim-WM

Auf der anderen Seite haben wir vor den Fliesentischen mit Kurbel gesessen, Coca-Cola aus Superfest-Gläsern getrunken und die Simpsons, eingerahmt von den Pressholzschrankwänden unserer Großeltern, gesehen. Wir sind mit DSDS, Top of the Pops, Diddl, GTA und DSL aufgewachsen. Wir hatten in der fünften Klasse ein Computerkabinett. Dann Klapphandys. Britney, Justin, Noel, Liam und den nächsten Justin.

Die Heim-WM 2006 war auch für uns eine Heim-WM. Auch bei uns lag der Adidas+Teamgeist-Ball für 100 Euro im Intersport. Der aus Polen war aber günstiger und sah genauso aus. Wir hatten den Kommerz, Konsum und Kapitalismus. Niemand hätte damals so den Finger draufgelegt. Wir waren Jugendliche. Wir haben es geliebt. Als Nachwendekind war das die Gegenwart und die DDR die Vergangenheit. Verzicht gab es gefühlt nur in den Geschichten und auf den Diabildern, die bei Familienabenden gezeigt wurden.

Das Wissen um die Geschichte, wie unsere bunte Jugendwelt in den Osten gekommen ist, kam später. Die Bravo kam gemeinsam mit der Treuhand. Und dann wurde die Bravo irgendwann von einem Mann gebracht, der seinen Job verloren hatte und was Neues bei der Post finden konnte. Es hat gedauert, bis ich selbst verstanden habe, wie viel die Wende und die Zeit danach mit den Menschen, mit meiner Familie, gemacht hat.

Eltern, die in sanierten Häusern wohnten, nicht in Blöcken

„Gebrochene Erwerbsbiografien“ und „Transformationserfahrungen“ sind Begriffe, die man in der Schule lernt. Man kann sie definieren. Dass sich dahinter Eltern und Freunde verbergen, die in ihren 30ern und 40ern neue Ausbildungen anfangen, einen Quereinstieg wagen oder einfach in die alten Bundesländer ziehen, lernt man nicht in Schulbüchern. Es sind Dinge, die meine Generation zwar nicht selbst erlebt, aber doch am eigenen Leib gespürt hat.

Die ersten Unterschiede, die ich heute als Teil meiner Nachwendebiografie verstehen lernte, waren ökonomische. Es waren meine Freunde mit den Eltern, die nach der Wende hergekommen sind, die in den neuen, in den sanierten Häusern gelebt haben. Nicht in den Blöcken. Es waren diese Eltern, die selbstständig waren, die an der Universität gearbeitet haben. Und nicht einfach als Angestellte und schon gar nicht waren sie arbeitslos. Es hat damals keine Rolle gespielt.

Zur Jobmesse: „Nur keine Lücken im Lebenslauf“

In diesem Alter wurden wir aber kurz vor dem Abschluss von der Schule in Busse gesetzt und zu den großen Jobmessen gebracht. Dort versprach man uns sichere Jobs, und mahnte an, wir sollten eine gute, durchdachte Wahl treffen (immerhin sei das eine Entscheidung fürs Leben). Aber wie soll eine Warnung vor Lücken im Lebenslauf bei Jugendlichen ankommen, in deren Familien die Brüche Normalität sind?

Dass es in der DDR Vollbeschäftigung gab, ist etwas, das man in der Schule lernt. Man kann den Fünfjahresplan definieren. Was es jedoch für Familien, für das Selbstverständnis der Menschen bedeutet, wenn im AKW Lubmin 5.000 Arbeitsplätze verloren gehen, wenn auf den Werften Stralsund und Wolgast 11.300 Angestellte ihre Arbeit verlieren, lernt man nicht in den Schulbüchern. Greifswald und Wolgast haben zwischen 1990 und 2024 zusammen mehr als 17.000 Einwohner verloren.

Brüche sind für uns keine Sabbaticals

Um die Weihnachtszeit kommen wieder fast alle aus der Schulzeit her, nach Vorpommern, und verbringen die Feiertage mit ihren Familien. Dann trifft man sich und redet über das Jahr und vergangene Zeiten. Oft fallen dann auch Sätze wie: „Ich hab mich nochmal umorientiert“, „Ich hab was Neues gefunden“ oder „Nein, das habe ich abgebrochen“.

Wir Nachwendekinder haben die Berührungsängste mit den Brüchen im Lebenslauf verloren. Dabei geht es nicht um ein Sabbatical, das man irgendwo in der Nähe des Äquators verbringt, oder eine Auszeit, um mal was für sich zu tun – einen Bauernhof kaufen zum Beispiel.

Es geht um die Erwartungen in Familien, die zwischen Vollbeschäftigung und fatalen Einschnitten in den Jobs mehr wollen für ihre Kinder. Viele sind, wie ich, die Ersten oder Zweiten in ihrer Familie, die die Möglichkeit hatten, zu studieren. Das hat aber auch Druck aufgebaut. Postwendekinder sind die Generation „Studieren, um zu studieren“. Und auch irgendwie die von: „Mach doch lieber erst mal die Ausbildung, dann hast du was Sicheres“. Wir sollten mit 17 auf den Jobmessen wissen, was wir den Rest unseres Lebens machen wollen.

Ostseebad Binz, die Kleinstadt mit den geringsten Gehältern

Ich kenne genug Leute, die es jetzt, 17 Jahre später, immer noch nicht wissen und für die nach wie vor das Aufstiegsversprechen nicht eingelöst wird. Denn auch das sollte eigentlich mit der Bravo und der „Bunten Welt“ kommen.

Trotzdem gehören beide Landkreise in Vorpommern auch 36 Jahre nach der Wende zu den ärmsten Regionen Deutschlands. Trotz Rügen und Usedom und den Millionen von Touristen. Die Blöcke sind mittlerweile saniert. Aber Binz, das stolze Sinnbild des Ostseeurlaubs mit den Villen auf Rügen, war 2024 die Kleinstadt mit den geringsten Gehältern deutschlandweit.

Und Sonntag ist wieder Wahl. Die AfD holt ihre Prozente, ich werde denken „Oh, bitte nicht“, wenn westdeutsche Journalisten nach Vorpommern fahren und Menschen im Internet sich gegenseitig den Osten erklären. Meine Heimat.

Philipp Schulz ist 1991 geboren und hat in Greifswald Politikwissenschaft und Kunstgeschichte (B.A.) studiert. Seitdem hat er eine Schwäche für Wahlsystemforschung und pommersche Feldsteinkirchen aus der Romanik. Außerdem arbeitet er seit 10 Jahren für verschiedene Medien in Mecklenburg-Vorpommern und berichtet nicht über den Osten, sondern aus ihm heraus