Sabotageakte bei 50Hertz und Amprion: Attacke gegen Kraftwerke offenbart die Achillesferse der Stromnetze

Angriffsziel: Das Amprion-Umspannwerk in Bergheim nahe Köln. Foto: IMAGO/Panama Pictures
Sabotageakte bei 50Hertz und Amprion: Attacke gegen Kraftwerke offenbart die Achillesferse der Stromnetze
Mit Attacken auf Umspannwerke haben Täter Braunkohlekraftwerke von LEAG und RWE zeitweise gestoppt. Wer das war? Offen. Klar ist: Die Netze sind Deutschlands Schwachstelle.In beiden Fällen war es das Ziel der Täter, Kurzschlüsse zu erzeugen, um damit die Stromproduktion in Kraftwerken zum Erliegen zu bringen. Es liegt nahe, ist allerdings nicht erwiesen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen diesen beiden Angriffen gibt.
Im Westen Ausfälle bis zum Wochenende
Teilweise hatten die Angreifer Erfolg. In Jänschwalde kam es am Dienstagmorgen zu einer automatisierten „spontanen“ Sicherheitsabschaltung von Block B mit einer Leistung von 500 Megawatt. Nach Angaben der LEAG haben weder Personal noch Anlagen Schaden genommen. Noch am selben Tag konnte der Block wieder hochgefahren werden.

Stromnetz-Sabotage
Ermittler finden sechs Abschussvorrichtungen
Bei RWE hatten die Ausfälle am Dienstagabend und am Mittwoch schwerwiegendere Folgen. Betroffen waren nach Angaben des Konzerns fünf Kraftwerksblöcke mit einer Gesamtkapazität von 4200 Megawatt. Bevor sie gegen 20 Uhr ausfielen, speisten die Blöcke rund 3000 Megawatt ins Netz ein. Zwei Blöcke, Niederaußem H und Neurath G, hat RWE nach eigenen Angaben schon am Mittwochvormittag wieder ans Stromnetz bringen können. Die Netzschaltung des Blocks F des Kraftwerks Neurath sei für Mittwochabend geplant, hieß es. Die Blöcke Niederaußem G und K können dagegen voraussichtlich erst am Wochenende wieder in Betrieb genommen werden.
Betroffen sind auch die Übertragungsnetzbetreiber: 50Hertz in Brandenburg und Amprion in Nordrhein-Westfalen. Sie betreiben und kontrollieren die Höchstspannungsleitungen, die Stromautobahnen. Auch sorgen sie für die Stabilität der Netze. Von Amprion hieß es in Reaktion auf die „Fremdeinwirkung“, dass die „allgemeine Stromversorgung“ zu „keinem Zeitpunkt“ betroffen und die „Systemstabilität immer gewährleistet“ gewesen sei.
Kurzzeitig hohe Strompreise
Folgen hatten die Attacken dennoch: Laut Recherchen der Nachrichtenagentur Bloomberg sorgten die Kraftwerksausfälle am Dienstagabend zwischen 20 und 21 Uhr kurzzeitig für extreme Ausschläge bei den Preisen für sogenannte Regelenergie: Strom, den etwa Übertragungsnetzbetreiber einkaufen, um Ausfälle auszugleichen. An der Stromhandelsbörse EEX schoss der Preis zwischen 20 und 21 Uhr auf einen Spitzenwert von über 600 Euro für die Megawattstunde, bevor er schnell wieder auf ein Normalniveau fiel.
Der Freiburger Energiewissenschaftler Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE sagte Bloomberg, das Netz habe den Angriff im Westen „gut verkraftet“. Kritisch werde es, wenn es gleichzeitig mehrere Angriffe auf Knotenpunkte gebe. Deshalb sei der am selben Morgen in Jänschwalde verübte Sabotageversuch die „wirklich alarmierende Nachricht“.

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Natürlich lautet die Kernfrage jetzt: Wer war’s? Linksextremisten oder die Russen oder ein anderer Akteur? In Brandenburg ermittelt die Polizei laut Nachrichtenagentur dpa nun unter anderem wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Zudem werde wegen des Verdachts der Störung öffentlicher Betriebe, des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion sowie der Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel ermittelt, teilte die Polizei mit.
Energieinfrastruktur als Ziel
Kritische Infrastruktur war zuletzt immer wieder Ziel von Sabotageakten gewesen. In Berlin hatte Anfang Januar ein Anschlag auf ein Starkstromkabel am Kraftwerk Lichterfelde für einen Stromausfall mit historischem Ausmaß gesorgt. Tagelang waren mehr als 45.000 Haushalte, aber auch Krankenhäuser und Pflegeheime ohne Strom. Zu dem Anschlag bekannte sich die linksextremistische „Vulkangruppe“. In Reutlingen in Baden-Württemberg drangen Unbekannte Anfang Juni in das Umspannwerk Reutlingen-West des Verteilnetzbetreibers Netze BW, einer Tochter des süddeutschen Energieriesen EnBW. An mehreren Stellen legten die Täter Feuer, entzündeten einen Transformator. In der Folge fiel das gesamte Umspannwerk aus. In Reutlingen fiel der Strom in über 7000 Gebäuden zeitweise aus. Erst nach zwei Tagen waren alle Haushalte und Betriebe wieder am Netz. Die Täter sind bislang unbekannt.
Der Schluss, neben möglichen linksextremistischen Tätern Russland zu verdächtigen, liegt nahe. Angriffe auf die deutsche Infrastruktur gehören längst zum Repertoire der hybriden Kriegsführung. Am Dienstag erst hat Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) Russland für den Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig Anfang August verantwortlich gemacht und dabei gesagt: „Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.“ Dazu verkündete Dobrindt gemeinsam mit Außenminister Johann Wadephul (CDU) eine Reihe von Maßnahmen, die gegen Russland gerichtet waren. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums drohte im Gegenzug mit einer „würdigen Antwort“.
Ob der Angriff im Osten und Westen Deutschlands nun schon Teil dieser „Antwort“ war?

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Was Extremisten mit Attacken gegen Braunkohlekraftwerke bezweckt haben könnten, ist nicht zu sagen. Ja, politisch dürfte bald weiter darüber diskutiert werden, ob Braunkohlekraftwerke länger als geplant am Netz bleiben sollten. RWE will 2030 aussteigen, das ist vertraglich mit der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen und dem Bund festgezurrt. Gelingt das nicht, weil bis dahin die nötigen Gaskraftwerke nicht gebaut sind, muss der Bund entscheiden, ob er die Kraftwerke in die Reserve nehmen und somit weiter betreiben will. Der Kohleausstieg in der Lausitz ist nach wie vor auf das Jahre 2038 terminiert, auch wenn einige Kraftwerke schon zuvor stillgelegt werden sollen, etwa Jänschwalde Ende 2028.
Schwachstelle Stromnetz
Bei dem Umspannwerk Turnow-Preilack nutzten die Täter für den Anschlag selbst gebaute Flugkörper. Optisch hätten sie handelsüblichen Silvesterraketen geähnelt, hieß es von 50Hertz. Mit diesen „Raketen“ ist leitfähiges Material in die Höchstspannungs-Freileitungen geschossen worden, um so einen Kurzschluss auszulösen. Am Tatort gefunden worden sind noch weitere Materialien, laut „RBB“ eine zweistellige Zahl ungezündeter Sabotagevorrichtungen, die nicht auslösten.
In Nordrhein-Westfalen setzten die Täter offenbar auf technisch einfachere Mittel. Sie warfen leitfähige Kabel über die Oberleitungen der Umspannanlage Rommerskirchen. Das führte zu einem Kurzschluss, wichtige Übertragungsleitungen fielen aus. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa fanden Ermittler jedoch auch in Bergheim sechs Abschussvorrichtungen in einem Feld. Es sei davon auszugehen, dass diese Vorrichtungen so gebaut waren, um mit pyrotechnischen Gegenständen einen Draht in die Höhe über die Stromleitungen zu führen, hieß es demnach von den Ermittlern.
Die Stromnetze sind derzeit eine Schwachstelle Deutschlands im doppelten Sinn. Zum einen sind sie nicht ausreichend ausgebaut und digitalisiert, um den Anforderungen der Energiewende gerecht zu werden. Zum anderen sind aber selbst Knotenpunkte nicht ausreichend geschützt.
Auf dem Jahreskongress des Energiebranchenverbands BDEW hatte Leonhard Birnbaum, Chef von Deutschlands größtem Verteilnetzbetreiber E.On, mit Bezug auf die Ukraine zuletzt gesagt: „Es gibt keine erfolgreiche, souveräne Verteidigungsfähigkeit mehr ohne eine funktionierende Energieversorgung.“ Und, ebenfalls mit Bezug auf die Ukraine: „Der Elektriker im Kraftwerk, das ist in Wahrheit ein Soldat ohne Gewehr.“ Mit Bezug auf die Verletzlichkeit der deutschen Stromnetze sagte Birnbaum: „Resilient sind wir, wenn wir souverän unsere Systeme ausreichend schützen und zusätzlich in der Lage sind, sie wiederherzustellen, sobald wir angegriffen worden sind.“

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