72 Tote, 860 gestrandete Kinder: Die humanitäre Katastrophe in Ceuta spitzt sich zu
Stand: 04.08.2026, 12:59 Uhr
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Minderjährige betteln nach dem Grenzübertritt in der vergangenen Woche auf der Straße um Essen und Wasser in Ceuta.
Ceuta – Hunderte Migrantenkinder leben weiterhin auf den Straßen von Ceuta, nachdem in der vergangenen Woche Zehntausende Menschen aus Marokko in das Gebiet gelangt sind. Etwa 860 Kinder sind in der spanischen Enklave zurückgeblieben, wie örtliche Behörden mitteilten. Viele von ihnen betteln auf der Straße nach Nahrung und Wasser.
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Dieser Artikel von Lily Shanagher entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk
Spanische Behörden erklärten, fast alle der 60.000 Migranten, die am Donnerstag (30. Juli) nach Ceuta gekommen seien, seien innerhalb von 24 Stunden zurückgeschickt worden. Lokale Behörden gaben jedoch am Montag (3. August) bekannt, dass bis zu 5.000 Menschen geblieben seien.

Mindestens 72 Menschen kamen bei den Grenzübertritten ums Leben, darunter auch Kinder. Nach spanischem Recht können erwachsene Migranten Asyl beantragen. Bei Ablehnung droht ihnen ein Ausweisungsverfahren. Für Marokkaner ist die Hürde, humanitären Schutz zu erhalten, in der Regel sehr hoch.
Minderjährige Migranten, die ohne Begleitung von Erwachsenen einreisen, sollen dagegen Schutz erhalten und von den spanischen Behörden versorgt werden. Ein 17-jähriges Mädchen aus Tanger berichtete der Nachrichtenagentur Associated Press (AP), dass ihr achtjähriger Bruder gestorben sei, als er versuchte, um den Grenzzaun zu schwimmen, der Ceuta von Marokko trennt. Sie verlor zudem ihre Mutter im Chaos und war in den vergangenen vier Tagen völlig auf sich allein gestellt.
Schutz für Minderjährige bleibt oft Theorie
Sie sagte, einige Anwohner hätten ihr Essen und Kleidung gegeben, eine Frau habe sie sogar in ihre Wohnung aufgenommen, damit sie sich waschen könne. Anschließend sei sie zu einem vom Staat betriebenen Jugendzentrum gegangen, doch dort habe es keinen Platz mehr gegeben. „Ich habe gesehen, wie Menschen auf die Toten getreten sind“, sagte sie über einen Übersetzer. „Jetzt sind wir Kinder, die auf der Straße betteln.“
Ein Journalist der AP beobachtete, wie spanische Soldaten einen unbegleiteten marokkanischen Jungen eskortierten, der weinte und darum flehte, nicht nach Marokko zurückgeschickt zu werden.
Wenige Meter vor der Grenze, unter dem Druck von Anwohnern, die darauf beharrten, dass er minderjährig sei, stoppte ein Oberstleutnant der spanischen Armee die Rückführung und übergab den Jungen der spanischen Guardia Civil. Der Zustrom von Migranten überforderte die Stadt mit ihren 84.000 Einwohnern und löste eine politische Krise in der EU aus.
Die Migrationspolitik von Pedro Sánchez, dem spanischen Ministerpräsidenten, steht unter heftiger Kritik von Regierungschefs in ganz Europa, die sich am Dienstag treffen wollen.
Sie machten ein jüngstes Urteil eines spanischen Gerichts dafür verantwortlich, „diesen Angriff auf unser Migrations- und Asylsystem“ ausgelöst zu haben, heißt es in einem offenen Brief, den die Staats- und Regierungschefs von 22 EU-Ländern von Finnland bis Malta unterzeichneten. Das Migrantenzentrum der Stadt mit einer Kapazität von 600 Personen ist überfüllt und wurde abgeriegelt.
Überfüllte Zentren und Verzweiflung auf den Straßen
Das Personal verhindert, dass die Menschen im Inneren Wasser oder Essen an die Wartenden draußen weitergeben. Lebensmittel sind knapp, und obdachlose Migranten sind laut Medienberichten gezwungen, auf der Straße zu schlafen und in Büschen ihre Notdurft zu verrichten.
Bewohner Ceutas seien davon abgebracht worden, den Migranten zu helfen, in der Hoffnung, dies werde sie zur Rückkehr nach Marokko bewegen, berichtete die Zeitung The Times. Ladenbesitzer sagten, die Polizei habe sie ebenfalls aufgefordert, den Menschen kein Essen oder Wasser zu verkaufen, um ihre Rückkehr zu beschleunigen.
Spanien und Marokko haben sich darauf geeinigt, Notfallmaßnahmen umzusetzen, wonach alle Menschen, die massenhaft illegal eingereist sind, ausgewiesen werden müssen, wenn sie nicht freiwillig zurückkehren. Die meisten marokkanischen Erwachsenen sind entweder freiwillig in ihre Heimat zurückgekehrt oder wurden von der spanischen Polizei zurückgedrängt.

Unter denjenigen, die in Ceuta geblieben sind, befinden sich jedoch zahlreiche Menschen, die aus kriegsgeplagten Ländern im Nahen Osten und in Afrika geflohen sind. Es kommt zu Spannungen und Berichten über Gewalt gegen Migranten wie auch gegen Anwohner. Neben der Polizei verhindern auch Bürgerwehren, dass Migranten in ihre Viertel gelangen.
Es wird berichtet, dass Bewohner Migranten einschüchtern und vertreiben. Mohamed, ein 17-Jähriger aus dem Viertel El Príncipe, zeigte der Zeitung El País ein Video, das zeigt, wie ein Bewohner Ceutas am Freitag niedergestochen wird. „Viele wurden aus El Príncipe vertrieben und sind hierher gekommen, wo sich eine der größten Moscheen Ceutas befindet, in der Hoffnung auf Essen“, sagte er.
Vorwürfe gegen Marokko und politische Spannungen
Führungspersönlichkeiten in dem spanischen Gebiet verurteilten die Ereignisse, die Parallelen zu einem ähnlichen massenhaften Grenzübertritt im Jahr 2021 aufweisen, als Rabat während einer diplomatischen Krise zwischen beiden Ländern 10.000 Menschen innerhalb von zwei Tagen den Grenzübertritt gestattete.
Marokko wurde beschuldigt, den Ansturm auf die Grenze bewusst herbeigeführt zu haben, um diplomatischen Druck auf Spanien auszuüben. Spanische Geheimdienste kamen am Montag zu dem Schluss, dass Marokko die Massenüberquerung zwar nicht geplant, aber zugelassen habe.
Juan Jesús Vivas, der langjährige konservative Regierungschef, sagte: „Es ist eine Gräueltat. In der Leichenhalle liegen 88 Leichen, und auf der anderen Seite der Grenze liegen noch mehr.“
Er sagte zu El País: „Die Menschen sehen dies nicht als Migrationskrise; es war im Kern ein Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens. Die Menschen hatten das Gefühl, dass dies, wenn nicht orchestriert, so doch zumindest von Marokko gefördert oder zugelassen wurde.“