80 Jahre NRW: "Einmal Bochum, immer Bochum" – Leben mit Einwanderung im Ruhrpott


Zema Süretti ist Kurdin. Sie kam als Kind aus der Türkei nach NRW. Heute sagt sie: "Ich bin 26 Jahre alt und komme aus Bochum." Seit Januar 2024 hat sie hier auch einen eigenen Laden. Ihr Friseursalon liegt mitten im Bochumer Mosaikviertel. Das Viertel beschreibt sie so: "Im Mosaik haben wir wirklich sehr viele verschiedene Kulturen und man kommt auch sehr gut miteinander klar, man supportet sich gegenseitig. Du hast hier alles von allem und das finde ich super.“

"Da ist kein Hass"

Sie nennt es Multi-Kulti-Nachbarschaft. Der Name Mosaik passe ganz gut - viele Einzelteile ergeben ein Ganzes. Für Zema Süretti ist Vielfalt nichts Abstraktes, sondern Alltag: "Wir respektieren uns und sind höflich zueinander, unterstützen uns. Da ist gar kein Hass im Raum, keine Konkurrenz, nichts." Als sie anfangs oft allein im Laden arbeitete, merkte sie, dass die Nachbarn auf sie achten – gerade im Winter, wenn es früh dunkel wird. "Ich wusste immer, dass ich sicher bin", sagt sie.

Aufgewachsen ist Zema Süretti in Wattenscheid, wo viele Familien eine Migrationsgeschichte haben. "Ich hatte nie das Gefühl, dass ich mich ausgegrenzt fühle", sagt sie. Dieses Gefühl gibt sie auch anderen. "Mir ist das egal, wer woher kommt. Wenn du nett bist, dann bin ich auch nett zu dir. Es ist egal, wer was glaubt oder nicht. Ich akzeptiere jeden so, wie er ist."

Heimat ist für sie zuerst Bochum. "Was Bochum verbindet, ist: alle Bochumer sind stolz, aus Bochum zu kommen", sagt sie. "Ich finde, hier in Bochum gibt es wirklich sehr viel Auswahl, du kannst sehr viel starten, ohne dass man weit weg fahren muss. Das wird immer unterschätzt, aber Bochum hat so viel zu bieten." Wegziehen? "Auf keinen Fall", sagt sie.

Friseurin Zema Süretti im Bochumer Mosaikviertel
"Einmal Bochum, immer Bochum." Zema Süretti, Friseurin

Was sie an NRW insgesamt schätzt? "Mir ist wichtig, dass es verschiedene Kulturen hier in NRW gibt. Man fühlt sich dann nicht ausgegrenzt und man weiß: okay, wir sind alle eins."

Viele in NRW haben eine Einwanderungsgeschichte

NRW ist auch das Bundesland mit den meisten Menschen mit Migrationsgeschichte. In Nordrhein-Westfalen leben etwa 5,7 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte – so viele wie in keinem anderen Bundesland.

In Vierteln wie dem Bochumer Mosaikviertel wird auch das sichtbar: unterschiedliche Lebensgeschichten, Sprachen und Lebensentwürfe. Das alles auf wenigen Straßenzügen – und trotzdem eine Nachbarschaft, in der man sich kennt, schützt und zusammenlebt.

Im Café gegenüber sitzt Andreas Beckers. Er sieht die Vielfalt aus einer anderen Perspektive. Er betreibt dieses Café seit mehr als 20 Jahren. Er erzählt, dass er zugesehen hat, wie sich das Viertel durch einen Generationenwechsel gewandelt hat. "Mittlerweile haben wir Zuwachs an Menschen, die sehen, welches Potenzial wir hier haben, welche vielfältigen Möglichkeiten."

Ein neuer Zeitgeist, der plötzlich im Viertel auftauche

Er beschreibt etwas, das es so oder ähnlich auch in anderen NRW-Innenstädten gibt: Hier gebe es keine Riesenflächen, sondern eher 200, 300 Quadratmeter. Da sei zum Beispiel der Schlüsseldienst, die Änderungsschneiderei, eine Gaststätte alten Schlags mit Pferdefleisch-Verkauf. Und dann kämen neue Konzepte dazu – Vintage-Läden, ein neuer Zeitgeist, der plötzlich im Viertel auftauche.

Für Andreas Beckers geht es dabei nicht nur um die Läden selbst. Für ihn macht Vielfalt auch aus, dass neue Leute da sind, die neue Ideen und neue Kraft mitbringen, vielleicht auch ein anderes Durchhaltevermögen. Und am Ende, sagt er, gehe es auch nicht nur um das Angebot, sondern darum, wie man hier miteinander ticke.

Sein Café ist dabei ein bisschen so was wie ein öffentliches Wohnzimmer. "Hier kommen Menschen hin, die nicht unbedingt das Produkt brauchen, sondern die Kommunikation", sagt Andreas Beckers. "Die brauchen die Leute an den anderen Tischen, die wollen mal einen Satz loswerden, sie wollen wiederkommen und wiedererkannt werden – nichts Anonymes."

Integration erlebt er als tägliche Arbeit an Sprache und Kultur. "Es ist nie wirklich einfach, weil wir am Anfang immer eine Sprachbarriere haben und gar nicht unbedingt zum Ausdruck bringen können, was wir meinen", sagt er. Sprache sei "erheblich wichtig" für das Miteinander. "Amtssprache ist eben deutsch." Was ihm Mut macht? "Menschen, die jetzt 20, 30 Jahre hier sind, haben plötzlich so ein gleiches Benehmen. Das macht die Kultur, der Ort." Und weiter:

Andreas Beckers hat ein Café im Bochumer Mosaikviertel
"Das ist diese Integration, die ein neues Land entstehen lässt. Und ich bin dabei – das ist das Schönste daran." Andreas Beckers, Café-Inhaber

Konflikte und Schrottimmobilien

Vielfalt hat in NRW aber auch eine andere Seite. Nicht alle sehen das so entspannt wie Zema Süretti oder Andreas Beckers. In Vierteln, in denen Armut und Zuwanderung aufeinandertreffen, kommt es immer wieder zu Konflikten – Gewalt, organisierte Kriminalität, Ärger um verwahrloste Schrottimmobilien. Manchen bereitet das Sorgen. "Manchmal denke ich, es gibt einen Rückschritt", sagt eine Frau in der Fußgängerzone. "Die Leute, die früher kamen, brauchten zwar mehr Hilfe, waren aber bemühter als die, die heute hinterherkommen. Die, die heute hier hinterherkommen, glaube ich manchmal, die haben Ansprüche."

Vielfalt in NRW, das bedeutet auch Wandel - und Entwicklung. Nach dem Opel-Aus in Bochum waren Flächen frei geworden – Platz für Neues, für Start-ups, für Menschen, die das Ruhrgebiet neu denken.

Weltklasseforschung und europaweite Strahlkraft

Auf dem ehemaligen Opelgelände gründete Carsten Willems vor 14 Jahren seine Firma für IT-Sicherheit. Er sagt über Bochum: "Wir haben eine wahnsinnig hohe Dichte an Hochschulen, Universitäten. Das bedeutet, dass wir einen super Zugang haben zu jungen Talenten, aber auch zu Weltklasseforschung. Insbesondere in dem Bereich, wo ich tätig bin, IT-Sicherheit, da ist die Strahlkraft von Bochum einfach europaweit."

Für Geschäftsreisen ist Carsten Willems weltweit unterwegs - und er freut sich immer wieder, nach Hause zu kommen:

IT-Unternehmer Carsten Willems aus Bochum
"Es ist immer ganz fantastisch, sich mit neuen Impulsen zu bereichern, sozusagen. Aber dann will ich auch wieder nach Hause kommen in meine Homebase, wo ich mich wohl und sicher fühle und das ist für mich NRW." Carsten Willems, Firmen-Gründer

Es ist ein normaler Arbeitstag für Jan Schmidhofer aus Herdecke: Er steigt morgens ins Auto, eine gute halbe Stunde nach Lüdenscheid, abends zurück – 74 Kilometer am Tag. Doch seit Ende 2021 dauerte sein Weg plötzlich viel länger. "Es war totales Chaos", erinnert er sich. "Teilweise Fahrzeiten bis zu zwei Stunden oder länger. Man ist losgefahren und Google Maps zeigte nur purpurnes Rot an, zwei Stunden absolute Ungewissheit."

Abends spürte er die Erschöpfung. "Wenn man zwei Stunden oder anderthalb Stunden im Stau gestanden hat, dann ist man fertig", sagt er.

NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland in ganz Deutschland – und eines mit besonders vielen Pendlern. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes pendeln etwa fünf Millionen Menschen in NRW zur Arbeit. Die meisten von ihnen sind mit dem Auto unterwegs Eine WDR-Datenanalyse zeigt: Allein morgens und nachmittags sind etwa 300.000 Menschen auf den 20 wichtigsten Pendelrouten im Land unterwegs, viele von ihnen stehen im Stau. Wenn dann noch eine zentrale Strecke ausfällt, hat das massive Folgen für den Alltag.

Die wichtige Nord-Süd-Verbindung - dicht

Genau das passiert im Dezember 2021, als die Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid plötzlich wegen irreparabler Schäden gesperrt wird. Die Sauerlandlinie A45 ist die wichtige Nord-Süd-Verbindung. Vor der Sperrung rollten täglich etwa 64.000 Fahrzeuge über die Brücke, davon etwa 13.000 Lkw. Auf einen Schlag müssen jetzt all diese Fahrzeuge auf andere Strecken ausweichen. Der Verkehr quält sich jetzt mitten durch Lüdenscheid. Zehntausende Autos und Lastwagen jeden Tag. Für Pendler wie Jan Schmidhofer wird der Arbeitsweg zur täglichen Geduldsprobe.

Viele in der Region wechseln jetzt ins Homeoffice. Jan Schmidhofer entscheidet sich dagegen. Es ist seine eigene Firma. Er will weiter für seine Kunden da sein, sagt er. "Persönliche Gespräche sind durch nichts zu ersetzen, so werden schneller Lösungen gefunden." Er stellt seinen Alltag um: "Man hat versucht, Lösungen zu finden. Die Fahrt konnte ich ja nicht verhindern. So haben sich Lösungen entwickelt." In seinem Fall war das etwa: Arbeitszeit anders nutzen. "Man fährt später los, man nutzt die Zeit im Auto zum Telefonieren oder Termine abzusprechen."

"Am Ende geht es darum, weiterzukommen"

Die Haltung von Jan Schmidhofer, sie steht exemplarisch für viele Menschen in NRW, die im Alltag mit dem Verkehr im Land zu kämpfen haben. Jan Schmidhofer sagt: "Das ganze Leben ist nicht planbar. Der Deutsche jammert ja gerne, ich nehme mich da nicht aus." Aber: Er und die Menschen in seiner Region würden trotzdem immer versuchen, Lösungen zu finden und es besser hinzukriegen als vorher. Am Ende gehe es darum, sich durchzubeißen und weiterzukommen.

Pendler Jan Schmidhofer aus Herdecke, der täglich nach Lüdenscheid fährt
"Die Menschen in Südwestfalen können mit solchen Problemen umgehen, das ist mein Gefühl." Jan Schmidhofer, Pendler

Was für Jan Schmidhofer der Stau war, war für Kai Müller die Pandemie. Auch sein Alltag stand von heute auf morgen Kopf. Seine Firma in Lüdenscheid ist spezialisiert auf Schutzausstattung für Polizei, Militär und Justiz - kugelsichere Westen zum Beispiel. "Uns macht besonders, dass wir den höchsten Fokus auf die Qualität und die Sicherheitsaspekte der Ausstattung legen. Produkte, die im schlimmsten Fall das Leben der Anwender oder Träger schützen müssen."

Sich aus der Not heraus neu erfinden

Corona traf sein Unternehmen hart: Als Behörden zeitweise kaum arbeiteten oder im Homeoffice waren, wurden Ausschreibungen verschoben, die Aufträge blieben aus, erzählt er. "Das Behördengeschäft lag weitgehend brach." Aus der Not entstand eine Übergangslösung: Kai Müller funktionierte die eigene Schneiderei um. "Wir haben geguckt, dass wir uns ein Stück weit neu erfinden, dass wir angefangen haben, beispielsweise Atemschutzmasken zu nähen, um halt irgendwie auch die Leute beschäftigen zu können."

Sich neu erfinden, statt stehen zu bleiben. Für Kai Müller gehört auch das zur Region und zum Alltag in NRW:

Geschäftsführer Kai Müller der MK Technology GmbH in Lüdenscheid
"Diese Innovationsfähigkeit, dieser Erfindergeist, Hartnäckigkeit, dass man sich auch in schweren Zeiten durchbeißen kann – ich denke mal, das ist hier in der Region schon gut vertreten." Kai Müller, Unternehmer

Alltag in NRW spielt sich allerdings nicht nur auf Autobahnen und in Werkhallen ab, sondern auch in Familien – und im eigenen Körper. Damit beschäftigt sich Janine Duwe-Junker. Sie hat 2024 in Lüdenscheid gegründet und arbeitet als "gefühlvolle Familienbegleiterin" mit dem Schwerpunkt Zykluswissen und sexuelle Aufklärung – es geht um Wissen darüber, wie sich der monatliche hormonelle Zyklus auf Körper, Stimmung und Alltag auswirkt.

"Irgendjemand muss ja anfangen, darüber zu reden"

Sie erlebt, dass viele Frauen darüber kaum sprechen: "Ganz oft ist es so, dass der Zyklus ein Tabuthema ist, über den wir Frauen nicht sprechen und damit einen gewissen Teil unserer Identität quasi unter den Tisch kehren." Das habe Folgen, sagt sie. "Wir haben unterschiedliche Hormone nun mal in vier unterschiedlichen Phasen des Monats. Wenn wir nicht darauf eingehen können, arbeiten wir kontinuierlich gegen unseren Körper. Das zahlt sich dann halt auch auf unser Gemüt aus und dadurch auch auf das ganze Familiensystem."

Um diese Art Wisen auch hier auf dem Land zu verbreiten, hat Janine Duwe-Junker ein Netzwerk von Expertinnen und Experten aufgebaut – von Ernährungsberatung bis Finanzberatung – und das bewusst in Südwestfalen. Warum gerade hier?

Janine Duwe-Junker ist eine „gefühlvolle Familienbegleiterin“ aus Lüdenscheid
"Weil die Menschen es hier verdient haben, dass jemand an sie glaubt und für sie da ist, wenn sie soweit sind." Janine Duwe-Junker, Familienbegleiterin

In den Großstädten seien die Menschen vielleicht alle schon etwas offener und nicht mehr ganz so konservativ, "aber auch da wurde irgendwann mal angefangen und wer nicht anfängt, der kann auch nichts erreichen".

NRW ist Großstadt und Dorf, Industrierevier und Nationalpark. Ein großer Teil der Menschen in NRW lebt in eher ländlichen Gegenden – und die nehmen rund zwei Drittel der Fläche des Landes ein. Wer vom Rursee in der Eifel nach Köln oder ins Ruhrgebiet fährt, erlebt innerhalb weniger Stunden, wie unterschiedlich dieses Bundesland ist – und wie sehr es darauf ankommt, diese Gegensätze zusammenzuhalten.

Auf dem Rursee fährt Kapitän Klaus Blumberg seit 2003 seine Runden. Für viele ist der See ein Ort für den Sonntagsausflug, für ihn Alltag und Zuhause zugleich. "Das ist Heimat“, sagt er.

Kapitän Klaus Blumberg fährt seit 2003 täglich mit dem Schiff über den Rursee
"Das ist, ich sag mal, vier Runden am Tag mit dem Schiff und abends dann noch die fünfte Runde mit dem Fahrrad um den See." Kapitän Klaus Blumberg

Die Kulisse wird ihm nicht langweilig, der See sei immer anders: "Die Landschaft verändert sich im Laufe des Jahres, der Wasserstand ändert sich – es ist immer was anderes. Man sieht immer wieder was Neues.“

Auf seinem Schiff sitzen Eifeler, Menschen aus Köln und Bonn, Besucherinnen und Besucher aus Belgien und den Niederlanden.

"Mal wieder großes Wasser sehen"

Auch Martina Pesch aus Brühl liebt die Eifel und den Rursee. Sie ist als Touristin da. Für sie ist der Rursee vor allem ein Ort, um abzuschalten – ein Beispiel dafür, wie dicht Stadt und Land in NRW beieinander liegen. "Wir haben schon lange kein Wasser mehr gesehen und wir wollten noch mal echtes Wasser sehen, großes Wasser vor allen Dingen, und schöne Natur", sagt sie. "Man kann einfach hier die Seele baumeln lassen und man kann richtig Urlaub machen, man muss nicht weit weg."

Ihr Blick auf NRW fasst diese Vielfalt zusammen: "Nordrhein-Westfalen besteht ja aus mehreren Bezirken, die wunderschön sein können. Wir fühlen uns in unserer Heimat Brühl sehr wohl. Wir haben eine Stadt, wir haben drumrum viel Wald, viele Seen, man kann wandern, man kann radeln und man ist nah an Köln und Bonn.“

Gleichzeitig merkt sie im Alltag, wo die Unterschiede spürbar werden – zum Beispiel beim Verkehr. Das sei ein Thema, wo es in NRW "stockt", sagt sie.

Martina Pesch mit ihrem Enkel ist aus Brühl an den Rursee gekommen
"Dann fahren wir doch lieber hier in die Eifel als auf die andere Rheinseite. Da muss man über die Autobahnen, die sind dann wieder verstopft." Martina Pesch, Touristin

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, die zeigen sich auch in Dörfern wie Düttling oder Hergarten. Hier fährt kaum ein Linienbus. Damit Kinder, ältere Menschen und Menschen ohne Auto zum Arzt oder zum Einkaufen kommen, gibt es seit 40 Jahren den Bürgerbus. Willy Küppers fährt ihn seit etwa 35 Jahren ehrenamtlich. "Bürger fahren Bürger, heißt das System."

Ohne den Bürgerbus gäbe es ein Problem

Ohne den Bus würden viele nicht wegkommen: "Das wäre eine Lücke, dann hätten einige Leute Probleme", sagt Willy Küppers. "Besonders in Hergarten, Düttlingen. In Heimbach sind auch viele Leute, die den Bus benutzen, um einzukaufen und dann, wenn sie eingekauft haben, wieder nach Hause zu fahren."

Warum dieses Modell mit Ehrenamtlern funktioniert, erklärt er mit einem Satz, der viel über ländliches NRW sagt:

Willy Küppers fährt seit rund 35 Jahren ehrenamtlich den Bürgerbus in der Eifel
"Auf dem Land ist das stärker geprägt als in der Stadt. Weil jeder jeden kennt. Dann fragt man den: 'Machst du mit?‘ – dann sind die schon dabei." Willy Küppers, ehrenamtlicher Busfahrer

Gleichzeitig zeigt seine Erfahrung, wie eng es geworden ist: "Im Moment haben wir nur 15 Fahrer und keine neuen. Normal müssten wir 20 Fahrer haben."

"Hier ist die Luft ein bisschen reiner"

Viele, die mal weggegangen sind, etwa zum Studieren, seien inzwischen wieder zurückgekommen. Natürlich sei es schön, auch mal in die umliegenden Städte zu fahren - etwa nach Köln, Bonn oder Aachen. "Aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich wieder nach Düttling reinkomme und denke: Hier ist die Luft ein bisschen reiner", sagt Katrin Möllers.

Düttling ist ein junges Dorf: 18 Kinder leben hier, bei 88 Einwohnern. "Die erlernen das ja mit, das Mitmachen", sagt Anwohner Gerd Linden. "Und da hoffen wir, dass sie das später dann auch so weiter fortführen."

Kleines listiges Bergvolk - hieß es früher

Die Eifeler Mentalität beschreibt er so: "Es hieß ja früher immer kleines, listiges Bergvolk, sehr verschlossen. Aber sind wir nicht." Fremde seien willkommen. "Wenn die sich einbringen, dann sind die auch schnell in der Dorfgemeinschaft drin. Wenn die sich natürlich nicht einbringen wollen, dann lassen wir die auch in Ruhe."

Kerstin van Atteveld, die mit ihrer Familie hier lebt, sagt: Die Eifeler könnten manchmal stur sein - "aber sehr nett, hilfsbereit und immer gute Laune zum Feiern ist da".

Für Katrin Möllers war immer klar, dass sie in der Eifel bleiben will. Ihre Kinder wachsen so auf wie sie selbst: mit Buden im Wald, Spielen auf dem "Drecksberg" und viel Freiheit. Heimat bedeute für sie ganz konkret Düttling: "Ich finde es schon ein Privileg, dass wir auch so eine Einheit sind und dass man seine Liebsten beisammen hat."

Was all das über NRW erzählt? Zwischen Rursee und Ruhrgebiet, Bürgerbus und Stadtbahn entscheidet sich, wie dieses Bundesland zusammenhält. Die Geschichten aus der Eifel, aus Brühl und aus Südwestfalen zeigen, wie nah diese Gegensätze beieinander liegen – und wie viel Einsatz vor Ort nötig ist, damit es im Alltag klappt. Und: Es ist eine Balance. Aus Tradition und Blick nach vorn. Dorfgemeinschaft und städtischem Trubel. Das alles ist Nordrhein-Westfalen.

Unsere Quellen:

Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 23.08.2026, 18:45 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 24.08.2026, 18:45 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 25.08.2026, 18:45 Uhr