ADHS und Beziehungen: Sieben Tipps, die Konflikte vermeiden können
Smart
Besser leben
ADHS und Beziehungen: Sieben Tipps, die Konflikte vermeiden können
Aufgabenverteilung, Reizregulierung oder Nachbesprechung – Psychologin Rosalie Weigand hat konkrete Empfehlungen für Paare mit unterschiedlichen Neurotypen
Michael Steingruber
Konflikte gehören zu zwischenmenschlichen Beziehungen dazu. Doch wenn ein Paar aus einer neurotypischen Person und einem Menschen besteht, der sich auf dem ADHS-Spektrum* befindet, können Auseinandersetzungen besonders herausfordernd sein. "Menschen mit ADHS sind oft impulsiv. Da können sich Dinge leichter aufschaukeln", sagt Rosalie Weigand. Die Psycho- und Verhaltenstherapeutin ist auf die Themen Neurodivergenz, ADHS, Autismus sowie Paartherapie spezialisiert. Wie man trotz unterschiedlicher Wahrnehmungen Beziehungskonflikte lösen kann? Die Expertin hat konkrete Tipps parat.
Neurotypen mitdenken
Die Art und Weise, wie ein Gehirn Informationen verarbeitet, wahrnimmt und auf Reize reagiert, ist bei neurotypischen und neurodivergenten Menschen unterschiedlich. "Es heißt nicht, dass man nie wieder streitet, aber die andere Person besser zu verstehen, kann dabei helfen, Konflikte zu vermeiden", sagt Rosalie Weigand. Sie empfiehlt, neugierig nachzufragen: Wie nimmt die andere Person gewisse Situationen wahr? Was lösen sie in ihr aus? Was braucht sie dann? Man könne dieses gegenseitige Abfragen auch als Fixpunkt in den Alltag einplanen, sagt die Psychologin. Wichtig sei dabei, dass die Person mit ADHS das Commitment ernst nimmt. Sie könne sich beispielsweise einen Reminder im Handy oder Kalender setzen, damit sie diesen Akt der Beziehungspflege nicht vergisst.
Aufgaben neurotypgerecht verteilen
Ein gemeinsamer Haushalt bietet allerlei Konfliktpotenzial für Paare mit unterschiedlichen Neurotypen. Es bestehe die Gefahr, dass eine Eltern-Kind-Dynamik entsteht: "Menschen mit ADHS neigen zu Desorganisation. Aufräumen fällt ihnen schwer, weil es wenig Dopamin verspricht. Die neurotypische Person fühlt sich dann womöglich alleingelassen." Wenn man bei der Aufgabenverteilung auf die Stärken und Schwächen der unterschiedlichen Neurotypen eingeht, könne man es aber mindern, ist Rosalie Weigand überzeugt. "Menschen mit ADHS sind gut, wenn es um das große Ganze geht. Dafür profitieren sie von Hilfe der neurotypischen Beziehungsperson beim Priorisieren von Aufgaben", sagt die Expertin.
Reizniveau im Blick behalten
Personen, die sich auf dem ADHS-Spektrum befinden, seien sehr offen für Reize, weil sie die Ausschüttung von Dopamin versprechen, erklärt Weigand. Das könne zu Zuständen der Überreizung führen. Aber auch Unterstimulation komme vor. Wenn der emotionale Zustand mit der Partnerperson in Verbindung gebracht wird, könne dies zu Konflikten führen. Die Expertin empfiehlt Betroffenen, zu hinterfragen, ob sie tatsächlich von der anderen Person genervt sind, oder ob ihr Reizniveau Regulation braucht. "Sport ist für jeden Menschen wichtig. Bei Menschen mit ADHS gilt das in besonderem Maße. Körperliche Aktivität – vor allem an der frischen Luft – wirkt wie ein Medikament, weil dabei der Dopaminspiegel steigt", sagt die Psychologin. In akuten Phasen würden zum Beispiel zehn Liegestütze oder Kniebeugen gut helfen, ebenso wie progressive Muskelentspannung. Dabei werden einzelne Muskelgruppen nacheinander an- und wieder entspannt. In einem zweiten Schritt seien auch Atemübungen zielführend. Akupressurmatten würden sich ebenfalls eignen, sagt die Paartherapeutin.
Strategien für Stresssituationen finden
Es gibt Situationen, die Menschen mit ADHS als besonders herausfordernd empfinden. Diese zu meiden, sei aber kein probates Mittel, findet Rosalie Weigand. Besser sei es, gerne auch als Paar, Strategien für den Umgang mit solchen Situationen zu entwickeln. Ein konkretes Beispiel könnte sein, auf lauten, vollen Partys immer wieder den Blickkontakt zur Partnerperson zu suchen, sich zu signalisieren, wie es einem gerade geht. Man könne im Falle akuter Überforderung auch ein Codewort vereinbaren und sich der Situation entziehen. Wenn die Person am ADHS-Spektrum bemerkt, dass sie an dem jeweiligen Tag ohnedies schon überreizt ist, könne das Paar jedoch gemeinsam vorab überlegen, ob nicht ein ruhigeres Programm die bessere Alternative sei, sagt die Paartherapeutin.
Pausen einlegen
Kommt es doch zu einem Streit, empfiehlt Rosalie Weigand Paaren mit unterschiedlichen Neurotypen, eine Pause einzulegen. "In dem Erregungszustand sagt man vielleicht Dinge, die man eigentlich nicht so meint oder später oft bereut. Das gilt für impulsive Menschen mit ADHS umso mehr." Deshalb empfehle sich ein "Time Out". Das Paar trennt sich räumlich und versucht, sich emotional zu regulieren (siehe oben).
Konflikte nachbesprechen
Auch wenn sich die Emotionen durch das "Time Out" beruhigt haben, braucht es eine Nachbesprechung des Konfliktes. Diese sollte laut der Expertin binnen 24 Stunden passieren. "Sonst kann es sein, dass die Person mit ADHS das Ganze aufgrund der emotionalen Flexibilität fast schon wieder vergessen hat. Für die andere Person ist das Thema aber womöglich noch nicht gegessen", sagt Weigand. Den neurodivergenten Menschen empfiehlt die Psychologin, während der Nachbesprechung Notizen zu machen, damit womöglich wichtige Punkte nicht im eigenen Gedankenfluss verloren gehen, oder die andere Person unterbrochen wird.
Warnsignale sehen
Eine Beziehung zwischen zwei Menschen mit unterschiedlichen Neurotypen könne glücklich und erfüllend sein. Konflikte seien kein Warnsignal, wenn das Paar einen guten Umgang damit finde. "Spätestens wenn bei der Nachbesprechung eines Streits gleich wieder der nächste entsteht, man nur mehr mauert und sich rechtfertigt und kein Respekt, sondern nur noch Verachtung der Partnerperson gegenüber besteht, sollte man eine Paartherapie in Erwägung ziehen", sagt Rosalie Weigand.
Forum: 4 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.