AfD will Fördermittel für "antideutsche" Kultur streichen
Umfragen zufolge könnte die Alternative für Deutschland (AfD) bei der bevorstehenden Landtagswahl am 6. September im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt die absolute Mehrheit erringen.
Mit Blick auf das kulturpolitische Programm der in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" eingestuften Partei erklären Museen, Theater und kulturelle Einrichtungen in der Region, dass die künstlerische Freiheit unter einer AfD-Regierung in Gefahr sei.
Die AfD, die einer Bitte der DW um Stellungnahme nicht nachkam, hatte im Juni in einem Antrag gefordert, dass Künstler und Institutionen eine Erklärung unterzeichnen müssten, in der sie sich verpflichten, "Deutschland und seine Kultur nicht verächtlich (zu) machen", wenn sie staatliche Fördermittel erhalten wollen. Viele dieser Organisationen und Einzelpersonen sind in hohem Maße auf diese Fördermittel angewiesen. Der Antrag wurde von allen anderen Landtagsfraktionen abgelehnt.
AfD definiert "antideutsche Kunst"
Was nach Ansicht der AfD unter einer Missachtung der deutschen Kultur zu verstehen ist, umfasst auch das, was die Partei als "antideutsche Kunst" bezeichnet.

"Wir haben in unserem Regierungsprogrammerklärt, kein Staatsgeld mehr für die Förderung antideutscher Kunst ausgeben zu wollen," sagte Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, in einer Rede, die er Ende Juni im Parlament hielt.
Auf die Frage anderer Mitglieder des Landtags, was das genau bedeute, sagte Tillschneider: "Antideutsche Kunst ist deutsche Kunst, die nicht deutsch sein will." Als Beispiel nannte er eine Inszenierung der Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber, die er vor einigen Jahren gesehen habe; das Werk des klassischen deutschen Komponisten sei "feministisch dekonstruiert" gewesen. "Aber dieses Ressentiment gegen Deutschland, dieser antideutsche Degout gehört in weiten Teilen des Theaterbetriebs immer noch zum guten Ton," sagte er. "Diese Einstellung, das sage ich ganz deutlich, werden wir nicht mehr fördern."
Das Bauhaus im Visier - wie in den 1930er-Jahren
Das 1919 gegründete Bauhaus, Deutschlands legendäre Architektur-, Kunst- und Designschule, musste unter den Nationalsozialisten schließen, die dessen avantgardistischen Ideen und Aufgeschlossenheit als "undeutsch" betrachteten. Dennoch entwickelte sich das Bauhaus zu einer der bedeutendsten Designbewegungen des 20. Jahrhunderts; sein Einfluss ist bis heute weltweit spürbar.
Heute sieht die AfD das Bauhaus als "Irrweg der Moderne" und als zu globalistisch für die von der Partei angestrebte "patriotische Kulturpolitik" an.
Seiner Zeit voraus: 100 Jahre Bauhaus Dessau
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Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, sieht auffällige Parallelen zwischen der Wortwahl der AfD und der Nationalsozialisten: "Das ist eine Terminologie, die sehr stark an die Vergangenheit erinnert.," erklärt sie im DW-Gespräch. "Und ich denke, dass es kein Zufall ist."
In ihrem Programm bezeichnet die AfD Sachsen-Anhalt das Bauhaus als "umstrittene Architekturschule" und kritisiert die derzeitige Landesregierung dafür, dass sie in ihrer aktuellen Imagekampagne unter dem Motto "moderndenken" zu viel Gewicht auf das Bauhaus als landeseigene Attraktion lege, da das Bauhaus immer bestrebt gewesen sei, jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung zu vermeiden.
Die AfD will stattdessen eine Kampagne namens "deutschdenken" starten, die "darauf hinweist, dass Sachsen-Anhalt Wesentliches zur Entwicklung der deutschen Nation beigetragen hat. Von Heinrich I. und Otto I. über Luther bis hin zu Bismarck und Nietzsche (...)."
Historisch belastete Sprache
Die AfD weist Vergleiche mit der NSDAP und Adolf Hitler entschieden zurück.
Dennoch bedient sich die Partei in ihrem kulturpolitischen Programm einer historisch belasteten Sprache. Der vorgeschlagene Slogan "deutschdenken" ist ein Beispiel dafür: "'Deutsch denken' bezieht sich auf die 'Reichenberger Rede', die Adolf Hitler 1938 hielt," sagt Bauhaus-Direktorin Steiner.

Kultur ist auf Steuergelder angewiesen
Das Bauhaus ist nicht die einzige Kulturinstitution in Sachsen-Anhalt, die sich bedroht fühlt: "Als Kulturschaffende, Kulturinitiatoren, Künstlerinnen und Künstler können wir sagen, dass wir jetzt wirklich Angst haben, denn was dort in Gang gesetzt wird, ist im Grunde die Vorstellung, dass Kunst und Kultur 'deutsch' sein müssen", sagt Annegret Laabs, Direktorin des Kunstmuseums Magdeburg, gegenüber der DW.
Laabs ist Sprecherin der Initiative "Kultur ist Vielfalt und Heimat." Die Initiative vereint eine Vielzahl von Kulturinstitutionen sowie Künstlerinnen und Künstlern aus der Region; in einer gemeinsamen Erklärung warnen sie davor, dass die Pläne der AfD weitreichende Folgen für die künstlerische Freiheit, das historische Gedächtnis und das öffentliche Kulturleben haben könnten.

"Wir alle wissen, dass das, was wir tun, vom Theater, über die Museen bis in die Bibliotheken, aus Steuergeldern bezahlt wird. Und ganz wichtig ist, dass das alle mit ihren Steuergeldern zahlen. Denn sonst würde es nicht existieren," sagt Laabs.
Die Beschränkung der Fördermittel auf der Grundlage einer willkürlichen Definition dessen, was "deutsche" Kunst ausmacht, komme im Grunde dem Niedergang der Kultur gleich, erklärt Laabs: "Wenn wir das große Ganze betrachten, sehen wir, dass Kultur und Kunst seit Jahrhunderten frei sind und keine Grenzen kennen - nicht einmal nationale. Wo immer es nationale Grenzen gibt, gibt es keine Kunst und Kultur mehr, die diesen Namen verdient."
"Wehret den Anfängen"
Neben der Androhung von Mittelkürzungen bezeichnet die AfD in ihrem Programm auch die bestehende Kultur des Holocaust-Gedenkens in Deutschland als "Verewigung eines Schuldkomplexes", der "Möglichkeiten einer stabilen nationalen Identitätsbildung verbaut" habe. Sie betrachtet dies als eine "Identitätsstörung", die "geheilt" werden müsse, indem man sich auf die "guten Seiten der deutschen Geschichte" konzentriere.
Sabine Schramm, Leiterin des Magdeburger Puppentheaters, findet es "bedauerlich, dass wir Menschen nicht bereit sind, aus einer komplexen Geschichte Lehren zu ziehen - Lehren, die sowohl für uns als Einzelne als auch für uns als Gesellschaft von Bedeutung sind."

Sie erzählt gegenüber der DW, dass sie sich während ihrer 30-jährigen Theaterkarriere mit der deutschen Erinnerungskultur auseinandergesetzt und auf der Bühne mit den Schrecken des Nationalsozialismus beschäftigt habe.
"Es war mir immer wichtig - insbesondere in Inszenierungen für junge Menschen -, Geschichten zu erzählen, die genau dieses Thema behandeln: den Nationalsozialismus, wie er entsteht und wie die verschiedenen Elemente ineinandergreifen", betont sie.
"Ich sehe mich noch immer auf der Bühne stehen und über 'Wehret den Anfängen' sprechen - dieser Ausdruck, 'Wehret den Anfängen', ist zu einem solchen Klischee geworden", sagt sie und bezieht sich dabei auf einen Gedanken, der den Deutschen sehr vertraut ist: Nach den Schrecken der Nazizeit wurden die nachfolgenden Generationen dazu aufgefordert, sich gegen Bedrohungen der Demokratie auszusprechen - bevor es zu spät ist.
"Aber wo genau liegen die Anfänge?", fragt Schramm. "Ist dies der Anfang, oder befinden wir uns noch vor dem Anfang? Sind wir mittendrin? Was muss ich tun, um den Anfängen zu wehren?"
Inzwischen hat ein Bündnis von Kulturinstitutionen des Landes eine Kampagne für Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt gestartet. Die Aktion #stolzaufVielfalt solle deutlich machen, "dass die unterschiedlichen Menschen, Erfahrungen und Perspektiven in unserem Land keine Gegensätze sind, sondern eine gemeinsame Stärke, unsere Kultur", erklärten mehr als ein Dutzend Organisationen bei der Vorstellung der Kampagne vergangene Woche in Dessau.
Die Aktion wird unter anderem von der Stiftung Bauhaus Dessau, der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, der Stiftung Luthergedenkstätten sowie der Kulturstiftung und dem Museumsverband des Bundeslandes unterstützt. Unterschiedliche Motive und Botschaften in den sozialen Medien sollen beispielsweise auf das Handwerk und den Erfindergeist in Sachsen-Anhalt, den Stolz auf Kultur und Kreativität sowie Wissenschaft und demokratisches Engagement hinweisen.
"Die Kampagne steht für Vielfalt, demokratische Offenheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt", erklärten die Initiatoren. "Die Vielfalt von Lebenswegen, Ideen, Traditionen und Zukunftsentwürfen bereichert Sachsen-Anhalt - und gibt Anlass, auf dieses Land stolz zu sein."
Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel