Jahrhundertflut 2021: Wiederaufbau in NRW noch nicht abgeschlossen
Die große Brache im Herzen Stolbergs steht sinnbildlich dafür, wie viel auch fünf Jahre nach der verheerenden Juli-Flut in manchen betroffenen Orten noch zu tun ist. Bis vor wenigen Monaten stand am Kaiserplatz die Rathaus-Ruine. Am 14. Juli 2021 zerstörte die Flut im Keller des Hochhauses aus den 1970er-Jahren die Heizung, die Telefon- und die IT-Anlage. Auch im Erdgeschoss stand das Wasser mehr als einen Meter hoch. Schnell war klar: Die Schäden sind zu groß, um das Gebäude zu sanieren. „Die Verwaltung war von einem Tag auf den anderen obdachlos geworden“, sagt Wilfried Sterck, der damals im Bauamt arbeitete.
Bis heute sind die städtischen Ämter auf vier Standorte verteilt. Umso wichtiger war es, dass die Ruine des Rathauses vor wenigen Monaten abgerissen werden konnte. „Ein Kapitel Stadtbaugeschichte endete – damit ein neues beginnen kann“, sagt Sterck, der heute Geschäftsführer der von der Stadt Stolberg für das Mammutprojekt Wiederaufbau gegründeten Bau- und Projektmanagement GmbH ist. Sterck deutet auf Pläne an der Wand hinter ihm. Statt in die Höhe will Stolberg sein neues Rathaus in die Breite bauen.

Es soll ein modernes, lichtdurchflutetes Gebäude aus Holz, Glas und Beton entstehen – hochwassersicher auf einem Podest und in der Höhe am davor gelegenen historischen Rathaus orientiert, das damit städtebaulich wieder besser zur Geltung kommen wird. Wenn alles läuft wie geplant, wird das neue Gebäude Ende 2030 eröffnet werden können und 95 Millionen Euro kosten. Das neue Stolberger Rathaus ist eines der größten Wiederaufbau-Einzelprojekte in Nordrhein-Westfalen.
Mitte Juli 2021 verursachte das hartnäckig festsitzende Tief Bernd vor allem in Rheinland-Pfalz und mehreren Regionen Nordrhein-Westfalens schwere Niederschläge. Durch den tagelangen Dauerregen konnten die gänzlich vollgesogenen Böden kein Wasser mehr aufnehmen, es kam zum enorm raschen, großräumigen Anschwellen vieler Flüsse und Bäche. Besonders betroffen war das Ahrtal in Rheinland-Pfalz, wo die Sturzflut 134 Todesopfer forderte. In Nordrhein-Westfalen verloren 49 Menschen ihr Leben.
In NRW sind größere Landstriche betroffen als in Rheinland-Pfalz
Im Vergleich zu Rheinland-Pfalz waren jedoch weit größere Landstriche von der Katastrophe betroffen: die Eifel und die Voreifel, der Kölner Raum, der Raum Hagen, Teile des Sauerlands. An Straßen, Bahntrassen, Häusern, Fabriken entstanden Schäden in Milliardenhöhe. Stolberg beziffert den Schaden allein an seiner städtischen Infrastruktur auf 226 Millionen Euro. „Es geht darum, aus der Flutkatastrophe zu lernen und hochwasserresilient zu bauen“, sagt Sterck. Das gelte auch für die Kindertagesstätten und die Feuerwehrgerätehäuser, die vor fünf Jahren unter Wasser standen und nicht erreichbar waren.
Anfang August 2021 kamen Olaf Scholz und Armin Laschet, die beiden Kanzlerkandidaten von SPD und Union für die bald darauf stattfindende Bundestagswahl, nach Stolberg, um sich gemeinsam ein Bild von den Verheerungen zu machen. Nach einem Rundgang gaben die beiden im Schlamm vor dem alten Rathaus ihr Stolberger Versprechen ab: Kein Betroffener solle wirtschaftlich schlechter stehen als vor der Katastrophe. „Wir wollen allen helfen beim Wiederaufbau, beim Ersatz der Schäden, dabei geht es um Milliarden“, sagte Scholz. Laschet bekräftigte: „Bund und Länder werden das zusammen stemmen.“ So kam es. Noch vor der Bundestagswahl stellten Bund und Länder einen milliardenschweren Wiederaufbaufonds bereit.

Daraus stehen für Nordrhein-Westfalen bis zu 44 Prozent (12,3 Milliarden Euro) bereit. Bisher sind nach Angaben des Landes-Bauministeriums von Ina Scharrenbach (CDU) 4,7 Milliarden für Kommunen, Unternehmen und Privathaushalte bewilligt. Von Letzteren gingen mehr als 29.000 Anträge ein, rund 900 Millionen Euro wurden genehmigt. Rund 80 Prozent der privaten Gebäudesanierungen sind nach Angaben Scharrenbachs bereits abgeschlossen. Für den Wiederaufbau kommunaler Infrastruktur wurden drei Milliarden Euro beantragt und bewilligt. „Von den ursprünglich 181 Städten und Gemeinden, die Schäden gemeldet haben, werden rund die Hälfte im kommenden Jahr ihren Wiederaufbau abgeschlossen haben“, so die Ministerin. Häufig stünden die Kommunen vor großen und komplizierten Herausforderungen.
Der Mangel an Ingenieuren verzögert den Wiederaufbau
Swisttal im Rhein-Sieg-Kreis etwa rechnet nicht damit, dass wichtige Straßen vor Ende des Jahrzehnts fertig werden. Auch in Hagen, Altena, Eschweiler, im Kreis Euskirchen, Bad Münstereifel oder in Stolberg hinterließ die Flut an vielen Stellen ein komplexes Schadensbild. Nach Einschätzung Scharrenbachs zieht sich manches Projekt auch wegen eines anderen Grundes länger als erhofft hin. Ingenieure für die Planung kleinerer kommunaler Brückenbauwerke zu finden, sei schwierig, weil gerade auch so viele große Brücken neu gebaut werden müssten.
Davon kann auch der Stolberger Wiederaufbaumanager Sterck ein Lied singen. „Die Brücken werden sich mit am längsten hinziehen. In der Altstadt müssen sie deutlich höher gebaut werden, damit sie bei einer Flut das Wasser nicht wie 2021 noch aufstauen.“ Einstweilen behilft sich Stolberg mit einer provisorischen Brücke. „Eine weitere haben wir zeitlich geschoben, bis die Rückhaltebecken der Vicht fertig sind.“ Um nicht nur Stolberg, sondern auch Eschweiler und andere Anrainer des auch Vichtbach genannten Gewässers besser vor Überflutungen zu schützen, will der zuständige Zweckverband Ende dieses Jahres mit dem Bau von zwei Hochwasserrückhaltebecken beginnen.
Mehr Geld für den Hochwasserschutz
Das Land fördert das Vorhaben mit 28 Millionen Euro, es zählt zu den großen Hochwasserschutzprojekten nach der Flut. Nach Überzeugung von Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) setzt die schwarz-grüne Landesregierung trotz angespannter Haushaltslage klare Prioritäten. Habe Nordrhein-Westfalen 2021 noch 56,7 Millionen Euro für den Hochwasserschutz bereitgestellt, seien es seit 2025 mit rund 100 Millionen jährlich beinahe doppelt so viel. Seit der Juli-Flut vor fünf Jahren förderte das Land laut Krischer mit insgesamt gut 500 Millionen Euro 600 Projekte wie Deichsanierungen, Rückhaltebecken oder den Ausbau des Pegelnetzes.
Auch bei Letzterem ist allerdings noch viel zu tun. Gab es 2021 an 84 Standorten in NRW Hochwassermeldepegel, sind es fünf Jahre später 122. Ein Blick in die Statistik lässt erahnen, dass sich der Aufbau eines kompletten Flutprognosesystems also noch lange hinziehen dürfte. In Nordrhein-Westfalen gibt es Fließgewässer in einer Gesamtlänge von 14.000 Kilometern, 438 Bäche und Flüsse gelten auf einer Länge von 5900 Kilometern als Risikogewässer, darunter auch der durch Stolberg fließende Vichtbach.
Dass man sich von ihm nicht täuschen lassen sollte, ist spätestens seit dem 14. Juli 2021 allen in Stolberg klar. Meist plätschert das Gewässer harmlos als Bach vor sich hin. Aber er kann auch anders. Am Morgen des 14. Juli vor fünf Jahren wurde der Vichtbach so wild wie noch nie seit Menschengedenken. Auf einer irrwitzigen Breite von mehr als hundert Metern fegte der Fluss von der Stolberger Burg bis hinab zum Stadtteil Mühle. Auf einen Schlag verlor Stolberg beinahe seinen gesamten Einzelhandel entlang der Talachse und eben auch sein Rathaus.
Auch das Stolberger Stadtarchiv versank in den Fluten
Das historische Rathaus am Kaiserplatz erwies sich als widerstandsfähiger als das Hochhaus aus den Siebzigerjahren und konnte saniert werden. Bis Ende des Jahres sollen die letzten Arbeiten abgeschlossen sein. Das Unglück war, dass in dessen Keller das Stadtarchiv lag. Christian Altena erinnert sich mit Grausen an den 14. Juli vor fünf Jahren. Am frühen Nachmittag brachte er mehrere Pappschachteln mit den ältesten Beständen des Archivs in Sicherheit. Bald darauf suchten sich durch Lüftungsöffnungen und wenig später durch berstende Kellerfenster die schlammigen Fluten der Vicht den Weg in die Archivmagazine. Aus dem Rathaus kamen einige Mitarbeiter herbeigeeilt.
„Wir hatten keine Vorstellung davon, wie hoch das Wasser steigen würde, also versuchten wir, die Archivkartons mit den historischen Akten, Plänen, Fotos und Negativen auf die oberen Regalböden umzuschichten“, erinnert sich Altena. „Doch dann hörten wir, wie die Rolltore zu den Kellern des Rathauses unter dem enormen Wasserdruck barsten.“ Altena und seine Helfer mussten sich in Sicherheit bringen – und mit ansehen, wie das historische Gedächtnis der Stadt in den Fluten versank.

Als das Technische Hilfswerk den Keller leergepumpt hatte, zeigte sich das Ausmaß der Zerstörung. Altena erinnert sich an ein „schlammiges, stinkendes Tohuwabohu“. Dank freiwilliger Helfer, die sich über soziale Netzwerke selbst organisierten, gelang es, das Archiv zu bergen. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, weil durchnässtes Papier rasch zu schimmeln beginnt. Es muss vorsichtig mit sauberem Wasser und mechanisch gereinigt werden, in Kunststofffolie gewickelt, auf Paletten gepackt, in ein Tiefkühllager gefahren und bei minus 20 Grad Celsius eingefroren werden.
NRW arbeitet an neuem Brand- und Katastrophenschutzgesetz
Erstmals zum Einsatz kam in Stolberg der Kulturgutschutz-Notfallcontainer, den sich die Kölner Feuerwehr nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln angeschafft hatte. Mittlerweile gibt es vier solcher Notfallcontainer in Nordrhein-Westfalen – auch das ist eine Konsequenz aus der Juli-Flut.
Rund 800 Europaletten mit durchweichtem Archivgut wurden im Rheinland nach der Juli-Flut 2021 gerettet – aus Stolberg allein waren es 404. Immerhin drei davon hat Stadtarchivar Altena im Frühjahr wieder in Empfang nehmen können. Nach und nach soll auch dem Archivgut auf den anderen 401 Paletten durch Vakuumgefriertrocknung die Feuchtigkeit entzogen werden. Derzeit ist das Stadtarchiv in einem ehemaligen Fabrikgebäude untergebracht. In den Keller des historischen Rathauses wird es selbstverständlich nicht mehr zurückziehen. Altena hofft, dass der Rat noch in diesem Jahr entscheidet, wo das neue Archiv entstehen soll.
Dass es in Nordrhein-Westfalen vor und während der Jahrhundertflut gravierende Probleme mit dem Informationsfluss der Behörden und eine verhängnisvolle Verkettung von Fehldeutungen gab, war schon im Spätsommer 2021 durch Berichte des Umwelt- und des Innenministeriums deutlich geworden. Innenminister Herbert Reul (CDU) gab zu, es sei falsch gewesen, dass er nicht den Krisenstab der Landesregierung aktiviert hatte, sondern es bei einer Koordinierungsgruppe mit Fachleuten aus Ministerien sowie von Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und weiteren Organisationen belassen hatte.
Als ein Problem erwies sich, dass das „Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz“ (BHKG) die Kreise und kreisfreien Städte als Hauptverantwortliche für den Katastrophenschutz benennt – dem Land aber keine operative Rolle zuweist. Im März hat die schwarz-grüne Landesregierung den Entwurf eines neuen BHKG beschlossen. Es sieht unter anderem vor, dass das Innenministerium künftig den landesweiten Katastrophenfall feststellen kann. Eine „Landesstelle für den Katastrophenschutz“ mit einem Leitungs- und Koordinierungsstab hat Reul in seinem Ministerium bereits einrichten lassen.
Ein neues BHKG aber hat Nordrhein-Westfalen auch fünf Jahre nach der Flut noch nicht. Vor wenigen Tagen fand immerhin die parlamentarische Expertenanhörung zum Entwurf statt. Voraussichtlich im Herbst soll der Landtag das Gesetz verabschieden.