Alfred Schüssler: Warum der Porträtzeichner besser als KI ist
Das Porträt von Angela Merkel, über das im Sommer so viel gesprochen wurde, findet er nicht „toll“. Auf dem Gemälde des Freiburger Künstlers Jérémie Queyras habe die einstige Kanzlerin eine Härte im Gesicht, sagt er, die er bei ihr nicht entdecken kann. Von den anderen Kanzlerporträts ist er aber auch nicht angetan. Im Gegenteil, er ist eher „entsetzt“. „Wollen die einen unsichtbaren Ausdruck reinbringen?“, fragt er und gibt sich selbst die Antwort: „Keine Ahnung.“ Was er sowieso nicht verstehen kann, ist, dass Frau Merkel monatelang immer wieder ihrem Maler Modell stand. So was hat er nicht nötig. Bei Alfred Schüssler geht es schneller. Wie viele Porträts er in seinem Leben schon gezeichnet hat? Keine Ahnung. Es seien viele. Sehr viele. Denn Alfred Schüssler ist Schnellzeichner.
Alfred Schüssler ist vieles in einer Person: Cartoonist, Illustrator, Zeichner, Porträtist und eben Schnellzeichner. Er hat in seinem Leben unheimlich viel gemacht, hat jahrzehntelang in den unterschiedlichsten Stilen zu Papier gebracht, was seine Auftraggeber sich wünschten. Ob Comic, ob Wimmelbild, ob Illustration. Ob in der Zeitung, ob im Schulbuch, ob für eine Ausstellung. Darin unterscheidet er sich wohl nur in Nuancen von seiner Kollegenschaft in seinem Alter. Auch nicht darin, dass diese Kollegenschaft sich auf die Umbrüche der Zeit einstellen musste, erst die Digitalisierung, jetzt die Künstliche Intelligenz. Seit einiger Zeit jedoch konzentriert Schüssler sich auf zwei Dinge, die ihn zu einem seltenen Vertreter seiner Zunft machen und die ihm nach seiner Überzeugung die Künstliche Intelligenz nicht nehmen kann: aufs Schnellzeichnen und aufs Altmeisterliche. Das beherrscht er meisterhaft. Jeden Samstag zeugt davon in der F.A.Z. das „Frankfurter Gesicht“.
Beim Schnellzeichen ist er als „Fredo“ unterwegs, arbeitet mit Zeichenblock und schwarzem Wachsstift zwei- bis dreimal im Monat auf Firmenfesten, Hochzeiten oder Weihnachtsfeiern und porträtiert die Gäste. Gegen eine solche Originalzeichnung kommt die Künstliche Intelligenz offensichtlich nicht an. „Die Leute wollen Originale“, sagt Schüssler. Mal zeichnet er seine Konterfeis von der Seite, mal im Halbprofil, aber immer in einem flotten Tempo, schließlich geht es darum, möglichst viele Menschen zu skizzieren. Extrawünsche sind nicht drin. Kein Wunder, dass er sich über die vielen Sitzungen von Frau Merkel wundert.
Zehn Porträts in der Stunde
Zehn Porträts in der Stunde schafft er. Es gebe Kollegen, die schafften noch mehr oder arbeiteten gleichzeitig mit der rechten und der linken Hand, sagt Schüssler. Aber das geht in seinen Augen auf die Qualität, also auf die Erkenntlichkeit, auf die Ähnlichkeit. Die sei dann „ziemlich mau“. Von der Qualität will Schüssler nicht lassen, auch wenn er manchmal zu hören bekommt: „Sehe ich wirklich so aus?“ Jeder macht sich schließlich ein Bild von sich. Und manches Mal stimmt es mit der Wirklichkeit nicht überein. Schüssler weiß deswegen: „So was muss man wegstecken können.“ Den schwarzen Wachsstift nimmt er, weil der nicht so verwischt wie Zeichenkohle und das Porträt deshalb nicht fixiert werden muss. Fixiergeruch in einem Restaurant oder neben dem Buffet? Das will niemand wirklich.

Alfred Schüssler hat schon immer gezeichnet. Dabei ist er von Hause völlig unbelastet, die Mutter führte eine Fremdenpension, der Vater war Maschinist und eher der Musische in der Familie. Er spielte Akkordeon. Sein Sohn erinnert sich genau, wie ihn in der Volksschule, daheim in dem kleinen Ort in der Eifel, der Lehrer nach vorne an die Tafel holte und ihn, je nach Jahreszeit, um Osterhasen oder Weihnachtsmänner per Kreidestrich bat. Das Talent war erkannt, die Leidenschaft von Kindesbeinen an existent. Nach der Schule studierte Schüssler in Trier neun Semester Grafikdesign und lernte die klassischen Techniken: Linolschnitt, Radierung, Drucktechnik, Tempera, Bleistift- und Federzeichnung. Davon zehrt er noch heute.
Denn die Federzeichnung ist eine seiner Spezialitäten, hinzu kommen Schabetechnik und Kupferstichstil. Das Altmeisterliche eben, rar sind seine Könner. Schüssler hat damit so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Aber er bildet sich nichts darauf ein. Das sagt er ausdrücklich. Neben ein paar guten Leuten in England und Amerika gibt es nach seiner Kenntnis nur wenige, die solche Verfahren noch beherrschen. Wobei er Vorbilder hat: Alfred Kubin, den österreichischen Grafiker und Illustrator, der auch noch Schriftsteller war, er starb 1959. Und aus einer anderen Zeit die Kupferstiche der alten Meister wie Dürer.
In vier bis sechs Stunden zum „Frankfurter Gesicht“
Das „Frankfurter Gesicht“, ein Porträt in jeder Samstagsausgabe der F.A.Z., gibt es schon lang, am 14. März 1959 erschien das erste. Das Markenzeichen des Porträts ist genau der Umstand, dass der oder die Porträtierte gezeichnet ist und nicht ein Foto in der Zeitung zu sehen ist. Es wird aber seit geraumer Zeit nach einem Foto gezeichnet. Früher war das anders, kam der Zeichner zum Gesprächstermin mit. Seit 2018 zeichnet Schüssler die Porträts.
Nachdem er das Foto in Originalgröße ausgedruckt hat, braucht er für ein „Frankfurter Gesicht“ vier bis sechs Stunden. Das hängt davon ab, ob es beispielsweise um einen Mann mit wenig Haaren auf dem Kopf geht, um nicht zu sagen: mit Glatze, oder um eine Frau mit aufwendiger Frisur. Es entsteht in seinem Studio, dem Arbeitsraum in seiner Wohnung im Sandweg in Frankfurt. Schon seit dreißig Jahren wohnt er und arbeitet hier. An seinem Schreibtisch steht ein großer Fernseher, der, wie er sagt, immer läuft, zu dem er aber offensichtlich nicht hinschaut: „Ich höre Fernsehen.“ Auf und im Schreibtisch steht oder liegt alles, was ein Zeichner braucht, vor allem Stifte. Welcher Art auch immer.

Keine Experimente, es ist schließlich keine Karikatur – beim Zeichnen hält sich Schüssler „sehr penibel“ an die Vorlage. Höchstens, dass er ein Doppelkinn abschwächt, Tränensäcke nicht so tief hängen lässt und ein paar Falten oder eine Warze ignoriert. „Man muss bedenken, wie ein Mensch aussehen möchte“, hat er bei seinen Verschönerungen im Sinn, es gebe ja Schönheitsideale. Schüssler hat in dem Punkt seine ganz persönliche Meinung: „Wer das nicht macht, ist ein guter Zeichner, aber kein guter Porträtist.“ Wem er diese Fähigkeit auch abspricht, ist die Künstliche Intelligenz. Konkurrenz von der KI? Schüssler ist da für sich zuversichtlich.
Bei Polizeizeichnern sei der Mund „ganz wichtig“, für ihn sind die Augen die wichtigste Partie eines Porträts, sagt er. Nase und Mund seien einfach, ein Gesicht stehe und falle mit den Augen. „Die müssen stimmen.“ Und wenn man jemanden gar nicht aufs Papier bannen kann? Das darf laut Schüssler nicht vorkommen. Wobei hellblonde Menschen ohne markant abgegrenzte Augenbrauen schwieriger seien als die dunkleren Counterparts, das gibt er zu: „Da kann jedes Härchen schon zu viel, kann eine Überbetonung sein.“ In solchen Fällen hilft eine Brille.
Alfred Schüssler lebt seit 1972 in Frankfurt, ist ein Stadtmensch geworden, wahrscheinlich, weil „ich vom Dorf komme“. Nach seinem Studium in Trier war er noch anderthalb Jahre bei der Bundeswehr. In Frankfurt hatte er damals eine Stelle als Grafikdesigner bei einer pharmazeutischen Firma. Er blieb nur drei Jahre, machte sich selbständig, mit allen „Risiken und Nebenwirkungen“, wie er es nennt. Der Erfolg sei ein mühsames Geschäft. Es hieß, Klinken zu putzen, von Agentur zu Agentur zu ziehen und die Mappe vorzuzeigen. Vierzig Jahre lang hat Schüssler akquiriert, das macht er jetzt nicht mehr. Er ist ruhiger geworden.
Aber er hatte Erfolg, einmal schob er jedoch notgedrungen ein Jahr lang Nachtschicht in einem Sicherheitsdienst. Als Erstes bekam er Aufträge von kleinen Agenturen, in denen einzig der „Boss“ das Sagen hatte. Es folgten die großen Agenturen, was zum Teil mühselig war, weil dort alles im Team entschieden beziehungsweise alles zerredet wurde. So erzählt es der Künstler. Schüssler singt deswegen das hohe Lied auf die Kleinen.
In jedem Fall kann sich die Liste der Referenzen sehen lassen: Für Procter & Gamble und Nestlé fertigte er beispielsweise Karikaturen von Mitarbeitern und Produktillustrationen an, für Walt Disney Krawattenmotive, für Fresenius Illustrationen eines Pflegehandbuchs. Bei den Werbeagenturen (Young & Rubicam, Ogilvy One) geht es gerade so namhaft weiter, bei den Verlagen und Zeitungen sowieso: „Süddeutsche Zeitung“, „Handelsblatt“, „Jüdische Allgemeine“, „Rheinischer Merkur“ – und eben die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
„Das waren alles Jobs“, sagt Schüssler bescheiden. Denn er sieht sich als Auftragskünstler, der von jeher lieber zeichnete als malte. Deswegen will er auch gar nicht der große, freie Künstler sein, der Kunst um der Kunst willen macht. Weit gefehlt. Die freie Kunst, sagt er, sei eine andere Schiene, die auch hochprofessionell und mit Herz und Verstand angegangen werden müsse. Das würde ihm zu viel. „Ich will ja kein Hobbymaler sein.“ Das Wort hört sich aus seinem Mund schrecklich an.