Als der Terror NRW überzog: Die RAF und die vielen offenen Fragen


Deutschland, Anfang der 1970er Jahre. Die 68er-Unruhen an den Universitäten sind immer noch das große Thema im Land. Aber 1970 rauft sich in Berlin eine weit radikaler denkende, linksextreme Gruppe zusammen. Ihr Ziel: die staatliche Ordnung der Bundesrepublik mit Gewalt beseitigen. Ihre Anführer heißen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Mit palästinensischer Hilfe lernen sie im Südjemen das Schießen. Die Truppe braucht Geld, um sich Waffen zu beschaffen. Weil in Berlin der Boden heiß wird, ordnet Baader Anfang Dezember an, 500.000 D-Mark im Ruhrgebiet bei Banküberfällen zu besorgen. Er bestimmt Tatorte: die Sparkassenfilialen Marktstraße und Schwarzstraße in Oberhausen und die Commerzbank Horster Straße in Gladbeck.

Die Nacht an der Emscher. Kurz vor Heiligabend trifft ein Kommando an der Emscher ein. Als Unterschlupf haben sich Baader-Meinhofs eine Wohnung in der Gelsenkirchener Mentzelstraße gesichert. Doch der Coup im Westen scheitert, bevor sie den ersten Pfennig einsacken können. Eine Oberhausener Polizeistreife stoppt den Terroristen Karl-Heinz Ruhland, der mit drei Komplizen in der Nacht zum 20. Dezember 1970 in einem gestohlenen Mercedes unterwegs ist. Ruhland ergibt sich. Die drei anderen fliehen. Fast zeitgleich tappt Ulrike Meinhof in Gelsenkirchen-Erle in eine Polizei-Falle. Sie gibt Vollgas und flieht. Meinhof hat ihren Ausweis zurückgelassen. Mit aktuellem Bild. Schlank. Blonder Kurzschnitt. Ein ideales Fahndungsfoto. Ruhland packt aus. Erstmals erfahren die deutschen Behörden Interna der geheimnisvollen „Baader-Meinhof-Gruppe“ und Brisantes über deren Pläne. Baader will Politiker entführen. Willy Brandt, der Bundeskanzler, steht oben auf seiner Liste.

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1975 gibt es die ersten Terror-Toten in NRW

Autoknacker in Köln. Fünf Jahre später geht bundesweit die Angst um. RAF-Anschläge haben schon zwölf Menschenleben gekostet. Baader, Meinhof, Ensslin und andere der „ersten Generation“ sitzen hinter Gittern. In Nordrhein-Westfalen ist es eher ruhig geblieben. Doch sehen späte Passanten in Köln-Gremberg in der Nacht zum 10. Mai 1975 Autoknacker am Werk. Sie alarmieren die Polizei. Auf dem Parkplatz stoßen Beamte auf einen grünen „NSU Prinz“. Dessen Insassen gehören zur RAF-nahen Bewegung „2. Juni“. Unvermittelt schießen sie. Der junge Polizist Walter Pauli wird tödlich getroffen, ein Kollege schwer verletzt. Die Polizei feuert zurück und trifft den NSU-Fahrer Werner Sauer tödlich. Pauli und Sauer sind die ersten Terror-Toten in NRW.

Der am 5. September 1977 von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) entführte damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer.

Der am 5. September 1977 von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) entführte damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer.© dpa | Archiv

H.M.“ wird entführt. 1977 wird der inhaftierten RAF-Spitze in Stuttgart der Prozess gemacht. Abgetauchte Komplizen wollen ihre „Gefangenen“ mit einer „Offensive“ freipressen. Die Pläne entwickelt eine junge Frau aus Rheinberg. Brigitte Mohnhaupt wird Chefin der „zweiten Generation“. Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Bankmanager Jürgen Ponto folgen. Auf der sichergestellten Todesliste steht ein „H.M.“ Am 5. September entführt das „Kommando Siegfried Hausner“ den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer in Köln und erschießt dabei drei Polizisten und den Fahrer Schleyers. Danach: keine Spur von Entführern und vom Entführten. Im Oktober kapern mit der RAF verbündete Palästinenser die Lufthansa-Boeing „Landshut“. Der Bundesgrenzschutz befreit die deutschen Passagiere im somalischen Mogadischu. Stunden danach, in der Nacht des 18. Oktober, begehen Baader, Ensslin und Jan Carl Raspe in der Haftanstalt Stammheim Suizid. Ihre Freunde erschießen frühmorgens den entführten Schleyer im Osten Frankreichs. 

Zum Renngraben 8. Wo hielt die RAF Schleyer versteckt? Zurück zum Tag 3 des Dramas. Der Polizeihauptmeister Ferdinand Schmitt und Hauptkommissar Rolf Breithaupt im nahe Köln gelegenen Erftstadt-Liblar haben einen Verdacht. Breithaupt schickt ein Fernschreiben an die Schleyer-Ermittler mit dem Hinweis auf den verdächtigen Wohnblock: Zum Renngraben 8. Tatsächlich halten die Terroristen hier den Arbeitgeberchef gefangen. Elf Tage lang. Für die Ermittler die Chance, einzugreifen. Doch auf bis heute ungeklärte Weise geht die Mitteilung der Erftkreis-Polizei im Fahnder-Hauptquartier verloren. Panne? Absicht? 2021 schreibt der „Spiegel“: Die Adresse war vorbelastet. Wohnungen des Blocks wurden seit Anfang der 1970er Jahre von der DDR-Staatssicherheit konspirativ zur Agentensteuerung genutzt. Auch erfuhr die Stasi ungewöhnlich schnell vom Verschwinden des Fernschreibens 827. 

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Tödliche Krabben. „Hände hoch!“, rufen Zivilfahnder im Restaurant „Shanghai“ an der Düsseldorfer Oststraße. Der Typ, der dort Krabben bestellt hat, reißt seine Jacke auf. Die Beamten sehen direkt in einen Pistolenhalfter und sind schneller. Ein Schuss fällt und trifft Willy Peter Stoll tödlich. 7. September 1978, 19.45 Uhr. Der führende RAF-Terrorist, der der Schleyer-Killer gewesen sein könnte, stirbt beim Transport ins Krankenhaus. Ein Passant hatte ihn erkannt. Am nächsten Tag durchsuchen die Ermittler im Stadtteil Derendorf eine Wohnung in der Augustastraße. Sie entpuppt sich als Terroristen-Nest. Als die Polizei eintrifft, sind Stolls Begleiter verschwunden. „Bommi“ Baumann, zu der Zeit führender Kopf der linken Szene, sagt später aus: Die DDR-Staatssicherheit habe vor konspirativen RAF-Wohnungen Wache geschoben und bei Gefahr gewarnt.

Schüsse im Wald. Zwei Wochen danach. Im Wald im Dortmunder Süden hören Hausbesitzer Schüsse. Die alarmierte Polizei schickt Einsatzwagen in die Straße Am Zickenbrink. Zwei Beamte, der erfahrene Otto Schneider und der junge Hans-Wilhelm Hansen, pirschen durch das Gestrüpp, als sie auf einer Lichtung die „RAF-Schule“ entdecken. Angelika Speitel übt Schießen mit den Anfängern Michael Knoll und Werner Lotze. Ein chaotisches Feuergefecht folgt. Bald liegt Hansen verletzt im Gras. Speitel schießt wie wild, auch Otto Schneider wird getroffen. Er feuert zurück. Speitel erhält einen Treffer in den Oberschenkel, Knoll in den Rücken. Der dritte Mann, der lange Zeit nicht identifiziert werden kann, schießt auf Hansen und verschwindet. Knoll und der Polizist Hans-Wilhelm Hansen überleben nicht. Jahre später wird bekannt, dass Lotze der Geflohene ist und nach Zeugenaussagen 1985 auch den Rüstungsmanager Ernst Zimmermann getötet haben könnte. Zum Zeitpunkt des Mordes an dem Manager will Lotze aber in der DDR gewesen sein, als einer von zehn „Asylanten“, die sich dorthin abgesetzt hatten. Konnte er für die Tat in die Bundesrepublik ausreisen?

Trügerische Ruhe Anfang der 80er Jahre

Gefährliches Pflaster Bonn. Anfang der 1980er Jahre tritt Ruhe ein. Auch die „zweite Generation“ scheint erledigt. Doch das ist trügerisch. Ab 1985 werden führende Wirtschaftsmagnaten zu Mordopfern. Zimmermann eben, der Vorsitzende des Luft- und Raumfahrtverbandes, sowie Siemens-Vorstand Kurt Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler. Ende 1989 wird es Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank, im hessischen Bad Homburg. Man hat ihn mit einer HighTech-Bombe in die Luft gesprengt. Aber in der Bundeshauptstadt Bonn mit ihrer hohen Dichte der NRW-Polizei suchen die Mörder weniger bekannte Opfer aus. Im Vorort Ippendorf wird 1986 Gerold von Braunmühl erschossen, Chefdiplomat im Auswärtigen Amt. Anschläge auf die Staatssekretäre Hans Tietmeyer (1988) und Hans Neusel (1990) scheitern. 

Blick auf die Einschusslöcher in dem Fenster, durch das Detlev Carsten Rohwedder in Düsseldorf erschossen wurde, aufgenommen am 2. April 1991.

Blick auf die Einschusslöcher in dem Fenster, durch das Detlev Carsten Rohwedder in Düsseldorf erschossen wurde, aufgenommen am 2. April 1991.© dpa | Hartmut Reeh

Tod am Rheinufer. Die deutsche Einheit ist 1991 ein halbes Jahr alt. In der DDR sollen 8000 Betriebe privatisiert werden. Das kostet Arbeitsplätze. Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder soll das managen. Der 59-Jährige hat bisher den Dortmunder Hoesch-Konzern saniert und wohnt in Düsseldorf. Ostermontagabend kommt er mit seiner Frau Hergard aus Essen zurück. Er steht im Arbeitszimmer im 1. Stock seiner Villa am Oberkasseler Rheinufer, als ein Schuss fällt. Die Kugel, abgefeuert 63 Meter entfernt in einem Kleingarten, dringt durchs Fenster und trifft den Manager in den Rücken. Sie zerfetzt Brustwirbel, Aorta und Luft- und Speiseröhre. Er stirbt. Seine Frau wird vom nächsten Schuss in den Arm getroffen, ein drittes Geschoss bleibt im Regal stecken. Bald meldet sich ein RAF-„Kommando Ulrich Wessel“ mit einem Bekennerschreiben. Erst zehn Jahre später wird die DNA von einem im Kleingarten gefundenen Haar entschlüsselt und Wolfgang Grams zugeordnet, der 1993 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Bad Kleinen Suizid verübt hat.

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Die großen Rätsel. Das Rohwedder-Attentat gilt als der letzte gezielte Mord. 1998 geht in Köln bei der Nachrichtenagentur Reuters ein Fax ein: „Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte.“ Am 30. Juli 1999 folgt ein Nachspiel. Daniela Klette und Ernst Volker Staub überfallen in Duisburg-Rheinhausen einen Geldtransport. Gemeinsam mit dem Komplizen Burkhard Garweg verüben sie bis 2016 weitere Coups. Das Trio holt sich die Alterssicherung, glauben Ermittler. Sein Spitzname jetzt: „RAF-Rentner“.

2026 wird die inzwischen gefasste Klette wegen der Banküberfälle verurteilt. Allerdings: Wer die Morde der 1980er Jahre verübt hat, ist bis heute weitgehend unklar. War es die RAF? Gab es ihre angebliche „dritte Generation“ überhaupt? Wer kommt sonst als Täter in Frage? In NRW bleibt auch die Täterschaft von 138 Bombendrohungen 1977 ungelöst sowie Brandanschläge auf zwei Aachener Kinos, der Überfall auf ein Möbelgeschäft in Hamm, Banküberfälle in Essen, Düsseldorf und Köln. Die Akten der Terrorwelle zwischen 1970 und 1998 lassen viele Fragen offen.