Chef erwürgt Mitarbeiterin im Archiv – Leiche erst nach neun Tagen gefunden
Stand: 18.07.2026, 12:00 Uhr
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Vor 25 Jahren tötete der Archiv-Leiter seine Mitarbeiterin Monika Neuenroth im Archiv auf Burg Ludwigstein. Die Leiche wurde in einem Kalksteinbruch zwischen Witzenhausen und Ermschwerd entdeckt.
Am 27. Juli 2001 wäre Monika Neuenroth 50 Jahre alt geworden. Doch dazu kam es nicht: Neun Tage zuvor, am 18. Juli 2001, wurde die Mitarbeiterin des Archivs der deutschen Jugendbewegung auf der Jugendburg Ludwigstein Opfer eines Gewaltverbrechens. Sie wurde von ihrem damaligen Vorgesetzten, einem promovierten Historiker und Leiter des Archivs, erwürgt. Die Tat erschütterte die Region nachhaltig und ist bis heute unvergessen.
Während auf der Jugendburg Ludwigstein aktuell eine Gedenkveranstaltung für Monika Neuenroth vorbereitet wird, lohnt ein Blick zurück auf die Ereignisse, die vor 25 Jahren die Menschen im Werra-Meißner-Kreis bewegten.
Zunächst galt die 49-Jährige als vermisst. Die Witzenhäuser Allgemeine berichtete am 21. Juli 2001 erstmals über ihr Verschwinden. Ihr Auto stand seit dem Tattag auf dem Parkplatz der Burg, von ihr selbst fehlte jede Spur. Eine groß angelegte Suchaktion mit mehr als 20 Polizeibeamten, einem Hubschrauber sowie rund 170 Pfadfindern, die sich zu dieser Zeit auf der Burg aufhielten, blieb erfolglos. Bereits drei Tage nach ihrem Verschwinden richtete die Polizeidirektion Eschwege die Sonderkommission „AG Burg“ ein, da die Ermittler inzwischen von einem Verbrechen ausgingen.
Bei den Vernehmungen im beruflichen und privaten Umfeld der Vermissten stießen die Ermittler auf Widersprüche. Eine Woche nach der Tat erließ die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den damaligen Archivleiter. Trotz intensiver Suchmaßnahmen – unter anderem mit Leichenspürhunden – blieb Monika Neuenroth zunächst verschwunden. Der damals 59-jährige Tatverdächtige unternahm einen Suizidversuch, wurde zunächst im Krankenhaus von Polizeibeamten bewacht und anschließend in eine Justizvollzugsklinik verlegt.
Am neunten Tag nach ihrem Verschwinden herrschte schließlich Gewissheit. In einem Fax der Anwälte des Beschuldigten, das am Abend des 27. Juli 2001 die Redaktion der Witzenhäuser Allgemeinen erreichte, hieß es: „Frau Monika Neuenroth ist tot.“ Weiter erklärten die Anwälte, sie sei „im Zuge einer zunächst verbalen, dann tätlichen Auseinandersetzung im Affekt getötet“ worden. Hintergrund des Streits sollen Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit veruntreuten Stiftungsgeldern gewesen sein. Gleichzeitig bestätigte eine DNA-Analyse, dass im Kofferraum des Fahrzeugs des Archivleiters gesicherte Spuren mit denen des Opfers übereinstimmten.
Noch am selben Abend führte ein Anwalt im Auftrag des Beschuldigten die Polizei zu einem Kalksteinbruch am Burgberg zwischen Witzenhausen und Ermschwerd. Dort entdeckte ein Leichenspürhund gegen 21.03 Uhr den Leichnam von Monika Neuenroth. Er lag, mit Steinen beschwert, in einer Wasserlache. Die Obduktion ergab später, dass sie erwürgt worden war.
Nach 14 Monaten Untersuchungshaft begann der Prozess vor dem Landgericht Kassel. Der Angeklagte räumte von Beginn an die Verantwortung für den Tod seiner Mitarbeiterin ein. Die Staatsanwaltschaft forderte elf Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags. Das Gericht verurteilte den Historiker schließlich wegen Totschlags in einem minderschweren Fall zu sechs Jahren Haft. In der Urteilsbegründung wurde unter anderem festgestellt, dass er den Leichnam zunächst in Folie verpackt, in einem Abstellraum gelagert und sogar noch einen beruflichen Termin wahrgenommen hatte, bevor er ihn im Steinbruch versteckte. Im Jahr 2005 wurde der Verurteilte wegen Betrugs und Untreue im Zusammenhang mit Stiftungsgeldern der Hans-Paasche-Stiftung zu einer weiteren Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt.
Nach seiner Haftstrafe zog der Historiker aus der Region weg; sein letzter bekannter Wohnort ist Berlin. Auf eine Anfrage unserer Zeitung nach einer Stellungnahme reagierte er nicht.
Monika Neuenroth, die einen Lebensgefährten hinterließ, wurde auf dem Friedhof in Bad Sooden-Allendorf beigesetzt.
Wie sehr der Fall bis heute nachwirkt, zeigt sich nicht nur an der bevorstehenden Gedenkveranstaltung auf der Jugendburg Ludwigstein, sondern auch bei jenen, die damals mit den Ermittlungen befasst waren. Kaum jemand kennt die Einzelheiten so genau wie Michael Heußner. Der pensionierte Kriminalhauptkommissar leitete die Sonderkommission „AG Burg“, die vornehmlich ermittelte. Auch heute noch kann er sich gut an die Tage der Suche erinnern.
„Das hat mich nie losgelassen.“ Es sei der Ermittlungsvorgang gewesen, der ihn am meisten bewegt habe. Die Erinnerung an die Tat komme immer wieder, wenn er das Wappen des Werra-Meißner-Kreises sieht und an der Jugendburg Ludwigstein vorbeifährt .Festgebrannt etwa habe sich, dass Monika Neuenroth am Tag ihres 50. Geburtstages tot gefunden wurde.
Dass auch auf der Burg die Tat nicht vergessen ist, zeigt sich daran, dass Heußner 2022 dazu eingeladen wurde, über den Fall bei der ordentlichen Mitgliederversammlung der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein zu berichten.
Was hat den Fall so besonders für ihn gemacht? „Die Gesamtsituation“, sagt Heußner. Zum einen die vermisste Frau, dann aber auch das private Umfeld, in dem klar wurde, dass Monika Neuenroth nicht einfach verschwunden war, ohne Dinge geregelt zu haben .Sie hatte etwa ihren hilfsbedürftigen Vater gepflegt. Dazu kommt noch Heußners Mitgliedschaft in der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“, der er seit 1984 angehört. Dies alles sei zusätzlich Motivation gewesen, das Opfer zu finden.
Und: „Die meisten Tötungsdelikte sind klarer“, sagt Heußner. Was ihm unter anderem half, waren seine guten Kontakte aus seiner Zeit als Brandermittler .Dadurch konnte er rasch eine Leichenspürhundestaffel aus Schloss Holte/Stuckenbrock (Nordrhein-Westfalen) hinzuziehen – Hessen steckte bei diesem Thema gerade in den Anfängen. Die Hunde aus Nordrhein-Westfalen wurden speziell dafür eingesetzt, auf der Werra nach der Leiche zu suchen. „Wir haben nichts unversucht gelassen, um diesen Vermisstenfall zu klären.“
10 bis 17 Stunden dauerten während der Opfersuche die Arbeitstage. An Abschalten ist in solchen Fällen abends nicht zu denken. „Das Privatleben kommt bei demjenigen, bei dem die Verantwortung liegt, zum Erliegen“, sagt Heußner. Tagsüber werde ermittelt und abends stünden Berichte und die Vorplanung für den nächsten Tag an.
Beim Blick das Archiv der HNA fällt auf, dass es auch Leserbriefe gab, die kritisierten, wie die Kripo eine „ehrenwerte und hochgeschätzte“ Persönlichkeit wie den Täter verdächtigen könne. „Da gab es nie eine Entschuldigung“, erinnert sich Heußner.
Im Archiv der deutschen Jugendbewegung und im Zimmer der Vereinigung Jugendburg Ludwigstein erinnern Bilder an Monika Neuenroth.
„Monika war eine sehr freundliche, offene, den Gästen zugewandte Frau“, erinnert sich Iris Lück, stellvertretende Betriebsleiterin der Jugendburg Ludwigstein. Als Chefsekretärin im Archiv der deutschen Jugendbewegung habe sie „alles fest im Griff gehabt“.
Für die Verantwortlichen der Burg war deshalb schnell klar, dass der 25. Jahrestag nicht ohne Gedenken verstreichen dürfe. Burgbetriebsleiter Roland Elsass organisiert die Veranstaltung gemeinsam mit Iris Lück, Archivleiterin Dr. Susanne Rappe-Weber sowie Holger Pflüger-Grone, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Stiftung Jugendburg Ludwigstein. „Wir wollen eine Begegnungsfläche schaffen“, sagt Elsass. Die Tat sei auch heute noch immer wieder Thema auf der Burg. „Jeder setzt sich damit mal auseinander.“
Pflüger-Grone war zum Zeitpunkt des Verbrechens seit rund einem halben Jahr Vorsitzender des Kuratoriums der Burg. Monika Neuenroths Tod beschäftigt ihn bis heute. „Ich leide bis heute noch darunter und werde es auch immer“, sagt er. Monika Neuenroth sei eine Freundin gewesen. Bereits zum 20. Todestag schrieb er in den Ludwigsteiner Blättern, sie habe ihn mehrfach wegen aus ihrer Sicht ungeklärter Geldbewegungen im Archiv angerufen und dabei ihre Ängste geäußert. Bis heute, sagt er, sei unklar, ob an den Vorwürfen tatsächlich etwas dran gewesen sei.
„Nach 25 Jahren sollten die Bezüge noch einmal wachgerüttelt werden – für die Menschen, die uns in die Verantwortung folgen“, sagt Pflüger-Grone. Ebenso wichtig sei das Erinnern für die Region. Die Jugendburg Ludwigstein stehe für Offenheit und Begegnung. „Wir sind eine offene Burg und müssen daran erinnern, dass in dieser Offenheit so etwas Schreckliches nicht wieder passieren darf.“
Und weiter: „Ich frage mich, warum es nur ein Tötungsdelikt im Affekt war“, sagt Pflüger-Grone. Besonders erschüttert habe ihn später, dass der Täter sogar noch Zugang zum Archiv für Forschungszwecke erhalten wollte. Die Konsequenz: Er erhielt als erster Mensch ein lebenslanges Betretungsverbot für die Jugendburg Ludwigstein.
Mit der Gedenkveranstaltung wollen die Verantwortlichen deshalb nicht nur an Monika Neuenroth erinnern, sondern auch ein Zeichen gegen das Vergessen setzen – 25 Jahre nach einem Verbrechen, das die Region bis heute bewegt. Wer an der Gedenkveranstaltung teilnehmen möchte wird gebeten, sich bis zum 16. August unter [email protected] anzumelden. (nde)