Ambulanz für ME/CFS-Betroffene soll Mitte 2027 in Wien eröffnen
Long-Covid
Der finale Ausbau erfolgt bis Mitte 2028. Das Zentrum soll der medizinischen Versorgung und therapeutischen Begleitung dienen. Ein Besuch geht nur mit Überweisung
13. Oktober 2026, 14:00
Wien – In Wien soll Mitte 2027 die erste Ambulanz für postakute Infektionssyndrome (PAIS) eröffnen. Sie wird damit Anlaufstelle etwa für Menschen mit ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom) beziehungsweise Long-Covid, wie am Dienstag in der Bürgermeister-Pressekonferenz erläutert wurde. Eingerichtet wird das PAIS-Zentrum im Diabeteszentrum Donaufeld in Floridsdorf. Zu ME/CFS wurden weiters große Forschungsprojekte dotiert.
Wien wird nach Salzburg und dem Burgenland als drittes Bundesland eine PAIS-Ambulanz einrichten. Ab Sommer 2027 wird diese in einer ersten Ausbaustufe zur Verfügung stehen. Der finale Ausbau soll bis Mitte 2028 erfolgen. Das Zentrum soll medizinische Versorgung und therapeutische Begleitung anbieten. Für die Errichtung veranschlagt man 6,7 Millionen Euro. Für den laufenden Betrieb wird mit Kosten von 3,8 Millionen Euro pro Jahr gerechnet.
20 Vollzeitstellen
Wie Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) erläuterte, werden in der Ambulanz rund 20 Vollzeitstellen geschaffen. Das Personal soll aus medizinischen, therapeutischen und psychosozialen Berufsgruppen stammen. Patientinnen und Patienten werden in der Einrichtung unter anderem licht-und lärmreduzierte Räume mit Liegemöglichkeiten vorfinden. Auch telemedizinische Angebote für Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und die nicht persönlich kommen können, wird es geben.
Zielgruppe sind Menschen mit mittelschweren bis schweren Fällen. Ein Besuch in der PAIS-Ambulanz ist nur für Betroffene möglich, die bereits eine Diagnose erhalten haben. Wie der medizinische Direktor des Wiener Gesundheitsverbunds, Michael Binder, erläuterte, müssen diese über eine Überweisung vom Fach- oder Hausarzt verfügen.
Größte Einzelförderung
Wien hat bereits vor einiger Zeit Förderschwerpunkte zu ME/CFS ins Leben gerufen. Nun vergibt der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) gemeinsam mit der privaten, von der Unternehmerfamilie Ströck initiierten WE&ME-Stiftung zwei Zuschüsse ("Grants") im Ausmaß von jeweils einer Million Euro. Die Medizinische Universität fungiert hier als Dreh- und Angelpunkt. Untersucht wird etwa, ob bei einem Teil der Menschen mit der betreffenden Diagnose eine genetische Erkrankung vorliegt.
Zudem sollen die bei ME/CFS-Patienten auftretenden Probleme bei der Sauerstoffversorgung in Gehirn und Muskulatur erforscht werden. Es wird untersucht, woher dieses Versagen kommt und ob Sauerstoffzufuhr den Effekt teilweise umkehren kann. Bei den beiden Projekten handelt es sich um die bisher größten Einzelförderungen für die ME/CFS-Forschung in Österreich, wurde heute versichert.
"Wir sprechen hier von einer schweren Krankheit, die lange übersehen und unterschätzt wurde", hob Bürgermeister Ludwig hervor. Wien erkenne die Sorgen und Nöte der Betroffenen an. Man setze sowohl auf Forschung als auch auf Betreuung. Er verwies darauf, dass bis zu 80.000 Menschen in Österreich erkrankt sein dürften. 60 Prozent davon seien nicht arbeitsfähig, ein Viertel sogar ans Bett gebunden, betonte Ludwig.
Auch der Präsident des WWTF, Ludwigs Vorgänger im Bürgermeister-Amt Michael Häupl, erinnerte daran, dass vor der Corona-Pandemie die Krankheit nur auf wenig Interesse gestoßen sei. Inzwischen hätten der Fonds und die Stiftung seit 2024 bereits rund 3,1 Millionen Euro in diesem Feld investiert. Die nun ausgewählten Projekte seien von einer mit Fachleuten besetzten Jury ausgewählt worden. Man habe auch Wissenschafterinnen und Wissenschafter einbezogen, die selbst an ME/CFS erkrankt sind, berichtete Häupl. (APA, 13.10.2026)