Welches Sommermärchen? Apsilons Album „Glanz Null“
Ein Ballack-Trikot und ein spezifisches Datum – das sind die beiden zentralen Referenzen, um die herum sich das neue Album des Berliner Rappers Apsilon entfaltet. Sie sind Stilmittel und Fluchtpunkt des Bildes, das der begnadete Erzähler mit seinen Sprechgesangversen malt. Doch um Fußball geht es dabei nur am Rande.
Arda Yolci, wie Apsilon mit bürgerlichem Namen heißt, beginnt sein neuestes Werk wie eine nahtlose Fortsetzung des Vorgängeralbums „Haut wie Pelz“: Eingängige Synthie-Melodie, fette Hip-Hop-typische Bassdrum, ein poppig-eingängiger Refrain – „Weg hier raus“ klingt nach Apsilon durch und durch. Auch die Themen fügen sich ein in das thematische Œuvre des Musikers, der Song dreht sich um Einsamkeit, Zweifel, Sorgen. Garniert mit einem Hauch Gesellschaftskritik.
Gespickt mit vorsichtigen Disharmonien
Apsilons Musik war immer schon politisch, kritisch, radikal, ohne dabei in Parolen und Plattitüden abzudriften, wie es Musik mit politischem Anspruch nicht selten tut. Während andere Deutschrapper ihre politischen Inhalte wenig subtil verlautbaren und so Diskussionen um Ein- und Ausladungen ins öffentlich-rechtliche Fernsehen anstoßen, verwebt der junge Berliner Künstler in seinen Texten oft virtuos Gesellschaftskritik mit persönlichen Erlebnissen.

Dahingehend ist „Glanz Null“ eine logische Fortsetzung von „Haut wie Pelz“. Musikalisch allerdings schlägt Apsilon neue Töne an, das deutet sich im zweiten Song („Kaputte Diamanten“) an und schlägt sich vom dritten Lied („Titan“) an deutlich nieder: natürliche Instrumente, ein zurückgenommenes Schlagzeug, Klavierakkorde als Beatgrundlage, immer wieder gespickt mit vorsichtigen Disharmonien, darüber ein Flow, der bisweilen leicht neben dem Beat liegt und doch am Ende jedes Reims wieder zurück ins Versmaßkorsett findet. Das ist technisch versiert und macht Apsilons Rap interessanter: Statt seinen Sprechgesang steril-tight herunterzurattern, sorgt er durch unerwartete Pausen und Schnörkel für Überraschungen – und so für einen hohen Wiedererkennungswert.
Das trifft auch auf die Texte des Neunundzwanzigjährigen zu: „Glanz Null“ ist zwar kein Konzeptalbum, erinnert aber dennoch an die genresprengende Deutschrapplatte „Mann beißt Hund“ von OG Keemo, das mit unglaublicher atmosphärischer Dichte und einer sich über die gesamte Platte erstreckenden Handlung fast schon wie ein Hörbuch daherkam. Auch Apsilon nutzt kurze gesprochene Interludes und textliche Querverweise zwischen den Songs auf dem Album, um Motive und Themen miteinander zu verknüpfen. Und, mal wieder, Privates mit Politischem.
Wunschgeschenk 2006: Ein Ballack-Trikot
Besonders anschaulich tut er das im Track „Sommermärchen“: Apsilon beschreibt dort, auf einem sanften Beat aus drei E-Piano-Akkorden und gedämpfter Kickdrum, die Stimmung an seinem neunten Geburtstag (Wunschgeschenk: ein Ballack-Trikot), 2006, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, auf die auch der Songtitel anspielt. Er rappt: „4. April 2006 / Ich bin neun Jahre alt jetzt / Ich pust’ neun Flammen aus, darf mein Ballack-Trikot tragen / Mein Baba macht den Fernseher an am Abend / Und nachdem der Sprecher meint, dass die Weltmeisterschaft bald startet / Wird er ein bisschen ernster in der Sprache, und er sagt / ‚Zwei Kugeln in den Kopf, der Tote hatte schwarze Haare‘ / Noch ein Dönermord, die Kripo ist gerad’ am Fahnden / Türkenmafia, Kurdenmafia, glauben die Beamten.“
In der letzten Strophe des Songs berichtet Apsilon dann von einem Gespräch mit einer Frau nach einem seiner Auftritte. „Genau auf den Tag vor fast zwanzig Jahren / Kam sie nach Hause und ihr Vater war nicht da / Weil ein Nazi mit ’ner Waffe nahm ihren Baba leider weg / Das war damals, 4. April 2006.“ An diesem Tag ermordeten die Terroristen des NSU in Dortmund ihr achtes Opfer, den türkeistämmigen Deutschen Mehmet Kubaşık. Dessen Tochter Gamze, das geht aus dem Pressetext zu Apsilons Album hervor, ist die Frau, die dieser in „Sommermärchen“ erwähnt.
Wie der Künstler die Erinnerung an die NSU-Mordserie mit der Erzählung von der „Heim-WM“ als euphorischer Kollektiverfahrung verknüpft, mit Schmerz in der Stimme auf die Gleichzeitigkeit hinweist, das ist große Klasse. Zugleich markiert „Sommermärchen“ in der Liedreihenfolge des Albums den Auftakt der Highlights. Denn direkt darauf folgt „Rennen“, der vielleicht beste Song des neuen Apsilon-Werks: das Sample einer gezupften Akustikgitarre, dazu stolpernde Drums und gehauchte englische Textzeilen als Grundgerüst unter solidem Sprechgesang. Den steuert in der zweiten Strophe der Rapper Summer Cem bei, der in seiner Karriere nicht nur mit ernst zu nehmender Musik aufgefallen ist – man denke etwa an die vor Pubertätshumor strotzende Schulhofhymne „Es ist soweit“ mit Farid Bang –, doch auf diesem Track erbarmungswürdig smoothe Reimketten abliefert, in die man sich regelrecht hineinlegen möchte.
Auf Abstand zur Politik
Inhaltlich geht Apsilon bei diesem Song in den Konfrontationsmodus, doch es ist nur ein Vorgeschmack auf das, was im nächsten Lied kommt: „Keiner von euch“ lässt sich als Abrechnung verstehen mit der Mehrheitsgesellschaft, mit dem deutschen Normalzustand. Andere (ehemalige) Deutschrapgrößen machen ein Praktikum bei einem CDU-Politiker im Bundestag und kriegen einen Integrationsbambi, Apsilon rappt lieber: „Wallah, reicht mit Yappa, Yappa, bitte sag ma’, Vizekanzler / Warum folgst du mir auf Insta? Halt ma’ lieber bisschen Abstand / Ich will nichts mit denen zu tun haben, die das Land hier an die Wand fahren.“ Das Lied wurde vorab als Single ausgekoppelt – und fand bemerkenswerterweise den Weg zum Adressaten der Zeilen. Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD), bekennender Musikfan, zeigte sich in einem Podcast durchaus getroffen von der Passage. Zuvor hatte Linke-Chefin Ines Schwerdtner Klingbeil in der Regierungsbefragung im Bundestag öffentlich auf die Zeile angesprochen. Dass ranghohe Politiker auf Apsilons Musik reagieren, zeigt, auf welcher Flughöhe sich der Rapper inzwischen bewegt.
Daran ändert auch nichts, dass der Funke in den ruhigeren, balladeskeren Songs häufig nicht so richtig überspringt. Unter zu viel Melancholie, so der Eindruck, leidet gelegentlich die Originalität von Musik und Text. Einige Songs wie etwa „Souvenir“ tendieren dazu, zu langweilen. Bei früheren Apsilon-Balladen wie „Zufall“ war das noch anders.
Nichtsdestotrotz ist „Glanz Null“ eine vorzügliche Platte, die musikalisch neue Facetten des Rappers hervorholt. Und die mit auffallend guten Features besticht: Neben Summer Cem tauchen Berq, Levin Liam und Ikkimel auf dem Album auf, letztere – gänzlich untauglich für jegliche „Moma“-Skandale – in einem ernsten Song ohne Anspielungen auf oder explizite Erwähnungen von Partys und Sex.
Mit „Glanz Null“ ist Apsilon einen folgerichtigen und zugleich originellen nächsten Schritt gegangen. Das Album ist weniger eingängig als der Vorgänger, gleichzeitig inhaltlich und atmosphärisch dichter, nachdenklicher und vielseitiger. Und es zeigt wieder einmal, wie gut der Künstler im Storytelling ist. So taucht der Referenzpunkt 4. April auch im letzten Song, „Null“, wieder auf. Diesmal ist es sein diesjähriger Geburtstag, über den Apsilon rappt; das Datum markiert gleichzeitig den zwanzigsten Todestag von Mehmet Kubaşık. Das weiße Ballack-Trikot der deutschen Nationalmannschaft hingegen spielt in diesem Song keine Rolle mehr.
Apsilon: „Glanz Null“. Urban