Arbeitgeber sehen es als Pflicht: Schweden macht besser, was in deutschen Büros falsch läuft


Stand: 07.09.2026, 15:25 Uhr

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Sagt Ihnen „Fika“ etwas? In Schweden ist die Methode zum Ritual geworden. Doch was steckt dahinter? Wir klären auf.

Stockholm – Wer einmal in Schweden war, kennt sie: die „Fika“-Pause, die sich von jeder hektischen Espresso-Runde an der Theke unterscheidet. Das Ritual zählt im nordeuropäischen Land zur Alltagskultur. Ein Phänomen, das auch in Deutschland Anklang findet. „Fika“ ist in Schweden weit mehr als eine schlichte Kaffeepause. Das Wort selbst entstand aus einem Slang heraus, indem man die Silben von „kaffi“, dem altschwedischen Begriff für Kaffee, einfach umdrehte. Daraus wurde ein Begriff, der heute gleichermaßen das Getränk und das gesamte Pausenritual beschreibt. Viele schwedische Unternehmen haben die „Fika“ sogar als Pflichtpause verankert, vorwiegend aus Produktivitätsgründen. Tatsächlich sind solche „Fika“-Pausen den schwedischen Arbeitnehmern vertraglich zugesichert und auch Teil der bezahlten Arbeitszeit, wie Richard Tellström von der Universität Stockholm der Nachrichtenagentur dpa erzählte.

Gestresster Mitarbeiter und Schwedenflagge

„Fika“-Pausen sind in Schweden ganz normal. Sie reduzieren - wissenschaftlich nachgewiesen - Stress und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl in Teams. © Fotos: Steffen Trumpf / picture alliance / dpa, Westend61 / Imago Images | Collage: IPPEN.MEDIA

Er gilt als einer der führenden Experten für die schwedische Essenskultur und -geschichte. Die „Fika“ sei eine gemeinschaftliche Arbeitspause, die aus Lohnvereinbarungen mit den schwedischen Gewerkschaften entstanden sei, sagte er im Jahr 2022 über das Phänomen. „Sie erlaubt Leuten, 20 Minuten Pause am Morgen und 20 Minuten Pause am Nachmittag zu machen.“ Zu einer fixen Zeit verlassen Schwedinnen und Schweden somit schon seit Jahrzehnten ihren Arbeitsplatz, um miteinander Kaffee zu trinken, über die Arbeit zu sprechen und zu klönen. Anwesenheit ist dabei mehr oder weniger Pflicht. „Wenn du nicht daran teilnimmst, dann machst du dich verdächtig. Wieso willst du nicht mit uns Kaffee trinken? Magst du uns etwa nicht?“, sagte der Essensforscher im Interview. Um das Phänomen „Fika“ abschließend zu verstehen, sollte man acht Dinge darüber wissen.

So läuft die „Fika“ in Schweden ab

Die klassische Kaffeepause ist oftmals flüchtig: ein schneller Schluck, ein paar Worte im Vorbeigehen, dann wieder zurück an den Schreibtisch. Die „Fika“ hingegen fordert Entschleunigung, bewusstes Innehalten, echte Präsenz und die Bereitschaft, sich auf einen geradezu kathartischen Moment einzulassen. Diese Haltung passt zur schwedischen Lebensphilosophie insgesamt. Kinder lernen in Schweden bereits im Kita-Alter Werte wie Balance, Nachhaltigkeit und gegenseitige Rücksichtnahme. Werte, die in Deutschland oftmals in der Erziehung zu kurz kommen. Das zeigt sich teilweise in der Kaffeepause: Vielfach wird das Heißgetränk schnell von der Kaffeemaschine mit zum Schreibtisch genommen – und alleine getrunken.

Kaffee, Tee oder Saft

Die „Fika“ lässt sich vielfältig gestalten. Neben klassischem Filterkaffee sind schwedisch gebrühter Kochkaffee, aromatisierter schwarzer Tee oder auch kühle Getränke wie Beerensaft denkbar. Wer gerne experimentiert, wird entdecken, dass es keine starre Vorschrift gibt.

Beim Gebäck ist die Auswahl ebenfalls üppig. Die ikonischen Kanelbullar, schwedische Zimtschnecken, sind der Klassiker. Dazu gesellen sich saftige Chokladbollar (Schokokugeln mit Haferflocken), die grün glasierte Prinsesstårta, die mit Sahne und Mandeln gefüllten Semlor oder Kanelbullar, die sich auch hervorragend selber zu Hause backen lassen.

Gesund und glücklich: Was die Wissenschaft über „Fika“ herausgefunden hat

Die positiven Effekte der Fika sind wissenschaftlich belegt. Regelmäßige „Fika“-Pausen senken das Stresslevel, verbessern die Stimmung und fördern die Geselligkeit. Wer sie fest in den Alltag integriert, zeigt höhere persönliche Zufriedenheit und stabilere zwischenmenschliche Beziehungen. Als optimale Häufigkeit gilt zweimal täglich, einmal am Vormittag für einen schwungvollen Start, einmal am Nachmittag zur Erholung. Eine Studie, die im National Center for Biotechnology Information veröffentlicht wurde, zeigte beispielsweise im Jahr 2024, dass die Integration bewusster „Fika“-Pausen das Müdigkeitslevel während Lerneinheiten signifikant senkte. Dem Forscherteam zufolge konnte nachgewiesen werden, dass dies die Lern- und Aufnahmefähigkeit verbesserte.

Ihre eigentliche Stärke entfaltet die „Fika“ in Gesellschaft. Zu zweit oder in der Gruppe entsteht eine Atmosphäre, die soziale Bindungen nachhaltig stärkt. So wird aus einer schlichten Kaffeepause ein festes Ritual. Davon profitieren im Endeffekt auch die Unternehmen, nicht nur die Mitarbeitenden. Wer sich auf der Arbeit wohlfühlt, ist bereit, in Krisen Mehrarbeit zu leisten. Auch das zeigen mehrere Studien, etwa Befragungen des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Bei Ikea ist „Fika“ normal

Nachgefragt bei einem von Schwedens Aushängeschildern: Bei Ikea wird die „Fika“-Tradition hochgehalten, alle Standorte sind eigens mit bestimmten „Fika“-Orten für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgestattet, wie Ikea-Deutschland-Sprecherin Sabine Nold erzählte. In Zeiten von Homeoffice seien die Pausen teils ins Internet verbannt worden, hätten ihre Bedeutung für den Konzern aber nicht verloren – ganz einfach, weil die „Fika“-Auszeiten nicht nur den Menschen, sondern auch der Arbeit zugutekämen, so die Ikea-Sprecherin.

„Überall da, wo Menschen eine gute Verbindung zueinander haben und wo sie gut miteinander arbeiten, herrscht ein sehr viel angenehmeres Arbeitsumfeld“, sagte Nold der dpa. Die regelmäßige „Fika“ sorge dafür, dass man viel besser zusammenarbeiten und Probleme lösen könne. „Die ganze Arbeitsatmosphäre ist also eine andere. Das macht einen zufriedener, fördert den Zusammenhalt und ich bin fest davon überzeugt, dass es auch bessere Ergebnisse bringt.“

Ein anderes Phänomen aus Schweden wird ebenfalls stark diskutiert: „Loud Leaving“. Es entlarvt ein grundlegendes Arbeitsproblem von 20 Millionen Deutschen. (Quellen: dpa, trekking.it, visitschweden.de, Archiv) (tu)