Wohnungsbau in Frankfurt: Architekten Stefan Forster und Jens Jakob Happ über Qualität


Herr Forster, Herr Happ, Sie haben mit Kollegen einen Brief an die Oberbürgermeister von Frankfurt und Offenbach zum geplanten Wohnquartier am Kaiserlei geschrieben. Was war der Anlass?

Forster: Das Gebiet an der Nahtstelle zwischen Offenbach und Frankfurt hat für beide Städte eine besondere Bedeutung. Man könnte auch sagen, Offenbach entwickelt sich Richtung Frankfurt. Gleichzeitig markiert es das neue Tor zu Offenbach. Unter diesem Aspekt finden wir es höchst ungewöhnlich, dass hier ein Quartier ohne Wettbewerb, aus der Feder eines einzigen Planungsbüros, entsteht. In anderen Städten werden für solche bedeutenden Orte Wettbewerbe ausgeschrieben. Diese Verfahren sind immer Voraussetzung für Qualität und öffentliche Diskussionsprozesse.

Was ist das Problem?

Happ: Zunächst ist es eine vertane Chance. Wir kennen das aus Frankfurter Projekten anders. Neben dem Bockenheimer Depot sind vor etwa zehn Jahren 200 Wohnungen entstanden, geplant von drei verschiedenen Architekten. Das Ensemble städtischer Wohnhäuser auf einem großflächigen Einzelhandel fügt sich hervorragend ein in den Stadtteil und ist bei den Bewohnern sehr beliebt. Auch am Kaiserlei könnte man eine solche Qualität anstreben. Wir reden von der Qualität einer städtebaulichen Planung, die es ermöglicht, Parzellen zu bilden, die von unterschiedlichen Architekten bebaut werden, keinen Großblock. Am Kaiserlei sollen dagegen 1200 Wohnungen gebaut werden, von einem einzigen Architekten. Das scheint mir, bei allem Respekt, eine Überforderung.

Forster: Es geht um das Thema des Weiterbauens der europäischen Stadt. Diese besteht aus Parzellen und einzelnen Häusern mit ablesbaren Gesichtern und identifizierbaren Hauseingängen. Dieses Modell muss auch hier zum Einsatz kommen.

Wäre das nicht teurer?

Happ: Wir reden vielleicht über Mehrkosten von ein oder zwei Prozent der Baukosten. Es ist in erster Linie ein Steuerungsproblem.

Forster: Nehmen wir als lokales Beispiel das Schönhof-Quartier in Frankfurt. Dort sind die Häuser von unterschiedlichen Architekten geplant. Dadurch sind die Häuser ablesbar. Das Quartier zeichnet sich durch eine wohltuende Lebendigkeit aus.

Ein Argument ist, dass man die Bebauung am Kaiserlei nicht verzögern will.

Forster: Hier geht es um eine Maßnahme, die mindestens 100 Jahre Bestand haben muss. Ein Wettbewerb würde vielleicht eine Verzögerung von einem halben Jahr bedeuten.

Offenbach-Kaiserlei: Die früheren Siemenstürme sollen nach Plänen des Büros AS+P durch niedrigere Neubauten ersetzt werden.
Offenbach-Kaiserlei: Die früheren Siemenstürme sollen nach Plänen des Büros AS+P durch niedrigere Neubauten ersetzt werden.dpa

Geht es heute nur noch darum, möglichst schnell Wohnungen zu bauen, egal wie die Quartiere aussehen?

Happ: Ja, man hat den Eindruck, alle Hemmungen sind gefallen, weil dringend Wohnungen gebraucht werden. Da hält man sich die störenden Architekten lieber vom Hals. Das ist zum einen eine Missachtung des kreativen Potentials unseres Berufs, vor allem aber hat die Gesellschaft langfristig den Schaden, wenn das Bauen immer anonymer und monotoner wird.

Spielt die Qualität in der Entwicklung von Wohnquartieren noch eine Rolle?

Happ: Das ist leider ein Aspekt, der mittlerweile völlig in den Hintergrund gedrängt worden ist. Bis vor drei, vier Jahren haben wir Architekten an Wettbewerben großer Wohnungsbaugesellschaften teilgenommen. Jetzt konkurrieren Systembaufirmen miteinander, die versprechen, schnell und günstig zu bauen. Das sind sicherlich gute Unternehmen, aber da steht der Architekt nicht vorne, er wird zum Anhängsel degradiert, das mitwackeln darf.

Forster: Leider steht heute immer nur die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen im Vordergrund. Die Qualität der Quartiere, die Frage nach der Lebensqualität in diesen Kisten spielt überhaupt keine Rolle mehr. Die Gestaltung des Wohnumfeldes, ein wesentlicher Faktor für das Wohlbefinden der Menschen, ist zudem immer absolut vernachlässigt.

Happ: Das Ziel ist doch, Häuser zu bauen, in denen nicht nur die ersten Mieter, sondern auch die nächsten Generationen glücklich werden und sagen: Da fühle ich mich wohl, das Haus sieht schön aus, und das Wohnumfeld ist gepflegt, da will ich meine Kinder großziehen.

Wie lässt sich diese Qualität im Wohnungsbau erreichen?

Forster: Das geht ganz einfach, indem man eine Gestaltungssatzung erlässt. Im Neubauquartier der GWH gibt es ein Gestaltungshandbuch. Hier ist alles geregelt, sogar die Farbe der Steine und Putze. Dadurch entsteht ein Zusammenhang zwischen den Häusern unterschiedlicher Handschriften. Beim Schwedler-Quartier im Frankfurter Ostend gab es so eine Abstimmung unter den Architekten, ich denke, das ist sehr gut erkennbar. Beim Spinelli-Quartier in Mannheim ist vieles exakt vorgegeben, zum Beispiel die Lage der Müllräume, Fahrräder, Tiefgarage, die Vorgartengestaltung et cetera. Die Grundstücke werden über Konzeptwettbewerbe, unter Beteiligung des Gestaltungsbeirats, vergeben. Dieser definierte hohe Gestaltungsanspruch ist sofort spürbar, wenn man sich durch das Quartier bewegt.

Verschiedene Architekten, eine Gestaltungslinie: Schwedler-Quartier im Frankfurter Ostend
Verschiedene Architekten, eine Gestaltungslinie: Schwedler-Quartier im Frankfurter OstendAnton Vester

Happ: Nehmen wir das Paris, das im 19. Jahrhundert unter Georges-Eugène Haussmann entstanden ist. Nach sehr strengen, auch ästhetischen Bauvorschriften. Eine der am dichtesten bebauten Städte Europas, die weltweit einmalig ist in ihrer Anlage und in der jeder gerne wohnen will. Die Straßen sind grüne Alleen. Es gibt wunderbar gepflegte Gartenanlagen. Die Fassadengestaltung folgt klaren Regeln. Unten sind die zweigeschossigen Läden, Cafés und Geschäfte, und darüber wird gewohnt. Es ist ein einziger Genuss, durch diese Stadt zu laufen, sie ist aus einem Guss. Dieses Ziel könnte man gut erreichen. Zumindest der Anspruch sollte klar formuliert werden.

Wenn es allgemeiner Konsens wäre, dass das gut ist, dann würde doch auch heute so gebaut, oder?

Forster: Leider ist die Vorstellung von Qualität völlig verloren gegangen. Wir bauen heute einen Kisteneinheitsbrei mit bodentiefen dunklen Kunststoffschlitzfenstern, weißem Wärmedämmverbundsystem, bis in den Bürgersteig gerammt, verzinkten Regenfallrohren gefühlt alle zehn Meter, verzinkte Geländer und Fensterbänke. Dementsprechend trist sehen die Neubauquartiere nachher aus. Kein Wunder, wenn kurz nach Fertigstellung alles mit Graffiti vollgeschmiert ist.

Happ: Nach fünf Jahren sind die Häuser schon unansehnlich. Bauträger wollen heute keine geschlossenen Blocks mit Eckhäusern bauen, denn die sind vermeintlich kompliziert und teuer. Deshalb wird das Volumen auseinandergezogen, hier ein Baublöckchen und da ein Kistchen. Und daneben noch eins. So sieht heutzutage der Städtebau aus. Der Riedberg ist voll von diesen Gebilden.

Am Ende muss es sich für Bauträger aber auch rechnen.

Happ: Das Problem ist die Bequemlichkeit, nicht die Ökonomie. Mag sein, dass diese durcheinandergewürfelten Häuser für Systembauunternehmen leichter zu realisieren sind, mehr Qualität bieten sie nicht. Man will sich mit Sondersituationen nicht auseinandersetzen. Für eine durchdachte Planung gerade in den schwierigen Bereichen des Blockrands braucht es den qualifizierten Architekten. Zumal auf den wertvollen Böden nicht dicht genug gebaut wird. Der Riedberg in Frankfurt ist weniger als halb so dicht bebaut wie Paris. Das ist zu niedrig und eine Verschwendung.

Im Koalitionsvertrag haben CDU, Grüne und SPD vereinbart, dass es in Frankfurt einen Gestaltungsbeirat geben soll. Was könnte ein solches Expertengremium bringen?

Happ: Es könnte das leisten, was der Städtebaubeirat nicht leisten kann, weil seine Stellungnahmen keine bindende Wirkung haben und die gut gemeinten Vorschläge die Politik kaum noch zu interessieren scheinen. Deshalb braucht man ein Gremium mit einer gewissen Verbindlichkeit, das sich mit konkreten Bauvorhaben befasst. Beim Dom-Römer-Quartier haben wir gesehen, dass das funktioniert.

Kuratiert von einem Gestaltungsbeirat: Dom-Römer-Quartier in Frankfurt
Kuratiert von einem Gestaltungsbeirat: Dom-Römer-Quartier in FrankfurtHelmut Fricke

Aber das Dom-Römer-Areal ist ein relativ kleines Projekt. Lassen sich die Erfahrungen ohne Weiteres übertragen? Es gibt in Frankfurt ja sehr viele und sehr unterschiedliche Bauvorhaben.

Forster: Ich habe nur positive Erfahrungen mit Gestaltungsbeiräten. Dem Beirat werden lediglich relevante Projekte zur Beurteilung vorgelegt. Seine Hinweise werden an Bauaufsicht und Stadtplanung übermittelt, sie sind in gewisser Weise verbindlich.

Happ: Die Bauherren wissen, dass sie sich dieser externen Kritik stellen müssen. Das ist ein mächtiges Schwert.

Forster: Für mich bedeuten die Hinweise eines Gestaltungsbeirats immer eine Absicherung meines Konzeptes, eine enorme Erleichterung für den ganzen Projektablauf. Wir haben in Frankfurt keinerlei Regulative über die Qualität der Architektur oder des Städtebaus. Die Bauaufsicht hat eigentlich keine Befugnis, über Gestaltung zu urteilen. Leider hat man den Eindruck, dass sich in Frankfurt niemand in der Verwaltung für Gestaltung verantwortlich fühlt. In allen anderen Großstädten Deutschlands wird dies anders gehandhabt.

Sie haben das Gespräch mit dem Frankfurter Planungsdezernenten Marcus Gwechenberger gesucht. Was wollten Sie ihm vermitteln?

Happ: Wir wollten ihm einfach das Problem aufzeigen: Die Stadt Frankfurt misst sich auf geschäftlicher Ebene international mit den Metropolen Europas. Aber wenn es um Stadtgestalt, um eine architektonische Qualität in der Breite, nicht nur bei den Hochhäusern geht, dann versagen wir völlig. Die Konkurrenz der Städte ist groß und misst sich auch an weichen Faktoren. Gerade da sollte man einen Anspruch formulieren.

Forster: Leider sieht er seinen Schwerpunkt eher in der Bürgerbeteiligung und nicht in der Gestaltung. Ich halte diese überbordende Partizipation für einen Irrweg. Der Gestaltungsbeirat kann die derzeitige Leerstelle füllen.

Happ: Ich würde nicht sagen, dass wir eine Leerstelle haben. Marcus Gwechenberger hat kürzlich einen sehr inspirierenden Vortrag gehalten über seine Vorstellungen zur Stadtgestaltung. Wenn es ihm gelingt, diesen Anspruch umzusetzen, wäre das wunderbar. Wichtig ist, dass die Stadt aus der Defensive herauskommt und sich starkmacht für das Erscheinungsbild der Stadt, vor allem für den öffentlichen Raum.

Forster: Das Entscheidende ist für mich die Wirkung eines Gestaltungsbeirats nach außen. Wenn plötzlich thematisiert wird, wie ein Haus oder wie der öffentliche Raum aussieht, hat das einen großen Einfluss auf das Bewusstsein in der Stadt. Dadurch werden Denkprozesse initiiert. In anderen Städten ist man hier schon viel weiter als in Frankfurt.

Warum ist das so wichtig?

Fordern einen Gestaltungsbeirat für Frankfurt: die Architekten Jens Jakob Happ und Stefan Forster
Fordern einen Gestaltungsbeirat für Frankfurt: die Architekten Jens Jakob Happ und Stefan ForsterWonge Bergmann

Happ: Es kann Menschen krank machen, wie Studien belegen, wenn die gebaute Umwelt so monoton, so gleichförmig, so phantasielos, so lieblos gestaltet ist. Ziel eines Gestaltungsbeirats sollte es sein, ein Wohnumfeld zu begünstigen, das den Menschen Freude bereitet. Für die Einhaltung unzähliger Vorschriften im Bauen geben wir viel Geld aus, enorm viel Geld. Diese ein, zwei Prozent, die eine gute Gestaltung vielleicht mehr kostet, die sollte sich eine Gesellschaft leisten können. Sonst werden in 20 oder 30 Jahren diese Hütten, weil ungeliebt, einfach vor sich hin gammeln und verfallen. Dann droht der Abriss oder eine aufwendige Sanierung. Und das soll dann nachhaltig sein? Wenn wir nachhaltig bauen wollen, sollten wir darauf zielen, dass Häuser 100 Jahre oder 150 Jahre lang stehen.

Forster: Dafür muss natürlich die Anfangsinvestition höher sein. Aber derzeit geht es nur darum, möglichst günstig zu bauen. Die Immobilie ist eine Handelsware, und wenn sie abgeschrieben ist, kann sie wieder weg, und man kann neu bauen. Aus diesem Loch müssen wir uns befreien.

Zur Person

Stefan Forster wurde 1958 in der Nordpfalz geboren und studierte in Berlin Architektur. Nach einigen Jahren am Lehrstuhl für Wohnungsbau an der Technischen Universität Darmstadt gründete er dort 1989 sein eigenes Architekturbüro, mit dem er 1995 nach Frankfurt zog. Die auf den Wohnungsbau spezialisierte Arbeit des Büros wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Bundesweit beachtet wurde zum Beispiel die Aufstockung und Nachverdichtung der Platensiedlung in Frankfurt.

Jens Jakob Happ wurde 1960 in Frankfurt geboren, studierte Architektur in Berlin und Darmstadt und arbeitete anschließend einige Jahre in New York. Von 1990 bis 2005 war er Mitarbeiter und Partner im Frankfurter Büro Albert Speer & Partner, bevor er sich 2006 selbständig machte. Er war Mitglied des Städtebaubeirats und engagiert sich in der Stiftung Urban Future Forum für eine nachhaltige und qualitätvolle Stadtentwicklung. In Frankfurt hat er zuletzt unter anderem das „Ensemble Nizza“ am Mainufer entworfen.