Audi investiert vier Milliarden Dollar in eigenes US-Werk
Stand: 26.10.2026, 19:23 Uhr
Kommentare

Der Premiumhersteller plant den Start des ersten Modells für das Jahr 2030. Standort der Produktion wird Georgia. Die Zustimmung des Aufsichtsrats fehlt aber noch. Eine Einordnung von Michael Gerster.
Spekuliert wurde schon länger, jetzt hat Audi die Pläne mitten im Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump konkretisiert: Der Hersteller will am Standort Perry im Bundesstaat Georgia ein eigenes Werk errichten und dafür rund vier Milliarden US-Dollar (3,6 Milliarden Euro) investieren.
„Die Vereinigten Staaten sind einer der wichtigsten Premiummärkte der Welt, in dem wir unser Potenzial heute noch nicht voll ausschöpfen. Das wollen wir ändern – mit Premiumprodukten, einer stärkeren Marke und einer wettbewerbsfähigen lokalen Produktion“, sagte Audi-Chef Gernot Döllner laut Mitteilung.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel stammt von Automobilwoche, dem Fachmedium für Entscheider der Autobranche, und erscheint bei IPPEN.MEDIA im Rahmen einer Content-Kooperation. Früher wissen, was die Branche bewegt: Jetzt einen der kostenlosen Newsletter abonnieren. Exklusive Analysen, Hintergründe und Personalien lesen Sie mit dem Automobilwoche-Abo.
Döllner kündigte das Werk in der Nacht zu Sonntag auf einer Veranstaltung von Trump in Georgia an und bedankte sich für dessen Unterstützung. Eigentlich produziert Audi im Werk in Mexiko für den US-Markt. Dies ist jedoch durch die Zollpolitik der USA nicht mehr wirtschaftlich. Angesprochen auf den Auftritt mit Trump kurz vor den Midterm-Wahlen sprach Döllner in einer Video-Konferenz mit Journalisten von einem „sehr speziellen Set-up, in dem ich mich zu bewegen hatte“. Der US-Präsident habe eingeladen, die Annahme gebiete allein schon das Amt.
Die Planungen für das Werk hätten allerdings schon vor drei Jahren begonnen, man habe rund 70 Standorte sondiert. Die Entscheidung sei auf Jahrzehnte angelegt und wirtschaftlicher Natur. Sie werde einen möglichen Regierungswechsel in den USA daher überdauern. „Wir haben in den USA einen strukturellen Wettbewerbsnachteil gegenüber BMW und Mercedes, den wollen wir beseitigen“, so Döllner. Eine Nutzung des Scout-Werks sowie eine Integration im VW-Werk Chattanooga seien diskutiert, aber verworfen worden.
Gremien müssen zustimmen
Volkswagen-CEO Oliver Blume sagte in einem verbreiteten Statement, vom Erfolg könne der gesamte Konzern profitieren. Allerdings wies ein Unternehmenssprecher darauf hin, dass die Entscheidung für das Werk noch unter „Gremienvorbehalt“ stehe. Das heißt, der Aufsichtsrat musst die Investition noch genehmigen.
Auch die Arbeitnehmerseite des Konzerns betonte in einer ersten Reaktion, dass „das Thema final noch nicht spruchreif“ sei. Man stehe dem Vorhaben zwar nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Es seien aber noch „etliche offene Fragen“ vor einer Zustimmung zu klären. Dabei gehe es um mögliche Auswirkungen auf die Werke in Europa, so ein Sprecher des Betriebsrats.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner, Vize-Aufsichtsratschefin im Volkswagen-Konzern, sprach von einer „Bringschuld des Vorstands“. Audi-Betriebsratschef Jörg Schlagbauer sagte, die „Zukunftsfähigkeit, Auslastung und Beschäftigungssicherung der deutschen Audi-Standorte haben weiterhin höchste Priorität“.
Ungenutztes Wachstumspotenzial
Nach Unternehmensangaben sollen etwa 4500 Arbeitsplätze entstehen. Der Baubeginn ist für 2027 vorgesehen, die jährliche Produktionskapazität soll bei 200.000 Fahrzeugen liegen. Zu möglichen Fördermitteln und zur Finanzierung wurden keine Einzelheiten genannt. Döllner wollte auch nicht sagen, ob im Gegenzug der gesamte Volkswagen-Konzern von Erleichterungen bei Zöllen profitiere. Einen entsprechenden Deal hatte Konzern-Chef bei früherer Gelegenheit ins Gespräch gebracht.
Fertigen will Audi laut Döllner die großen SUVs, also Q7, Q8 und den kürzlich in New York präsentierten Q9, den Audi speziell für die USA entwickelt hat. Start der Produktion soll 2030 sein. Dann würde bei den Flaggschiffen eine Modellpflege anstehen. Derzeit werden die Modelle in Bratislava in der Slowakei gefertigt, einem Standort, der als sehr kostengünstig gilt. Was der Abzug der Fahrzeuge von dort bedeutet, ist noch nicht klar. Eine Wiederbelegung mit anderen Konzernmodellen würde aber höchstwahrscheinlich zu Lasten der deutschen Standorte gehen.
Sorgen in Neckarsulm
Döllner sagte, man nehme die Sorgen der Belegschaft, vor allem in Neckarsulm, ernst. Über die künftige Werksbelegung werde in den nächsten beiden Planungsrunden entschieden. Es gelte weiterhin, dass die deutschen Standorte nachweisen müssten, dass hier profitabel gefertigt werden könne. Audi hatte für Neckarsulm die so genannte Schlechtwetterklausel gezogen, um mit der Arbeitnehmerseite über Kostensenkungen zu sprechen.
Mit dem Vorhaben will Audi seine Position in den USA ausbauen. Das Unternehmen sieht dort ungenutztes Wachstumspotenzial. „Wir wollen in den USA dauerhaft wachsen“, sagte Döllner. „Für uns geht es darum, das Audi-Geschäft in den USA nachhaltig zu stärken – eine eigene Fertigung ist der Schlüssel dazu.“ Da Audi in den USA bisher nicht selbst produziert, belasten US-Handelszölle und der Wegfall staatlicher E-Auto-Subventionen das Geschäft besonders stark. Von Januar bis September 2026 hatte Audi in den USA 107.667 Fahrzeuge abgesetzt, was einem Minus von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.
Als Standort ist die Middle Georgia Mega Site in Peach County vorgesehen. Für das Areal sprechen Audi zufolge die Logistik-Infrastruktur, verfügbare Fachkräfte und ein bestehendes Netzwerk von Automobilzulieferern. „Es hat alles, was man sich für so ein Vorhaben wünscht“, so Produktionschef Gerd Walker. Hinzu komme Platz für mögliche Erweiterungen. Das Werk soll so ausgelegt werden, dass die Produktion an veränderte Kundenbedürfnisse und die Marktnachfrage angepasst werden kann.
Walker sieht in dem Neubau die Möglichkeit, Fertigungsstrukturen von Grund auf neu zu gestalten. „Wir können hocheffiziente und flexible Strukturen schaffen, modernste Technologien integrieren und ein starkes lokales Lieferantennetzwerk aufbauen“, sagte Walker. Über die direkt geplanten Stellen hinaus stellt Audi zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten für Zulieferer, Dienstleister und Ausbildungspartner in der Region in Aussicht.
Strategisch soll Nordamerika neben Europa und China zur dritten tragenden Säule des weltweiten Audi-Produktionsnetzwerks werden. Mit einer stärkeren Präsenz vor Ort möchte der Hersteller sein Geschäft ausgewogener aufstellen und Handels- sowie Währungsrisiken reduzieren. Deutschland und Europa sollen nach Unternehmensangaben das industrielle Rückgrat bleiben.