„Dürfen wir uns umarmen?“: Als Selenskyj von dieser Begegnung erzählt, kommen ihm die Tränen


„Ich schlafe nicht“: Unter Tränen enthüllt Selenskyj im Interview, was ihn jede Nacht wach hält

Stand: 26.10.2026, 19:19 Uhr

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Selenskyj spricht in einem Interview über schlaflose Nächte, Tränen und den Krieg – und findet zugleich ungewöhnlich deutliche Worte für Trump und Putin.

Kiew – Wolodymyr Selenskyj hat ungewöhnlich offen darüber gesprochen, wie sehr ihn der Krieg persönlich belastet. Der ukrainische Präsident berichtet von schlaflosen Nächten, ständigen Gesprächen mit der Flugabwehr und Begegnungen mit Eltern gefallener Soldaten, die ihn bis heute verfolgen.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsinfive.de.

Im Gespräch mit Podcast-Host Steven Bartlett redet Selenskyj auch über seine Familie, die Angst vor Atomwaffen und seinen zunehmend offenen Streit mit US-Präsident Donald Trump.

„Ich schlafe nicht mehr“: Selenskyj spricht offen über sein Leben im Krieg, Trump und Putin

Selenskyj spricht in einem Interview über schlaflose Nächte, Tränen und den Krieg – und findet zugleich ungewöhnlich deutliche Worte für Trump und Putin. © © IMAGO / dts Nachrichtenagentur / Archivbild

Auf die Frage von Gastgeber Steven Bartlett, wie es ihm wirklich gehe, antwortete Selenskyj im Podcast „The Diary of a CEO“ zunächst knapp: „Es ist schwer.“ Sein Leben fühle sich an, als versuche er, gemeinsam mit seinem Land und seinen Menschen zu überleben.

„Ich schlafe nicht“

„Es ist wie die Frage: Wird es morgen geben oder nicht?“ Trotzdem halte er an seiner Hoffnung fest: „Ich glaube nach wie vor daran, dass das Gute siegt. Daran glaube ich wirklich.“

Vor allem die Nächte haben sich verändert. „Ich will ehrlich sein: Ich schlafe nicht“, sagte Selenskyj. Jeden Abend spreche er mit den Verantwortlichen der ukrainischen Flugabwehr. „Jede Nacht reden wir miteinander“, erklärte er. Es gehe darum, was gerade gebraucht werde und ob Material aus einer anderen Region verlegt werden müsse.

Dieser ständige Austausch lasse ihn nicht schlafen. Acht Stunden Nachtruhe seien inzwischen „etwas völlig Neues“ für ihn. Selenskyj betonte jedoch: „Ich beschwere mich nicht. Ich beschwere mich überhaupt nicht. So lebe ich.“

Andere Menschen in der Ukraine seien weit schwerer getroffen. Besonders denke er an Kinder, die seit ihrer Geburt mit Luftalarm und Schutzräumen leben. „Es gibt Kinder, die noch nie erlebt haben, was Frieden ist“, sagte Selenskyj. Manche gingen beinahe jede Nacht in einen Schutzraum. „Und einige von ihnen sind gestorben.“

Als emotional besonders schwer beschrieb Selenskyj die Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Angehörige gefallener Soldaten. „In diesem Moment höre ich irgendwie auf zu existieren“, sagte er. „Es ist nicht Schmerz. Es ist etwas Schreckliches.“

Eine Begegnung mit dem Vater eines getöteten Soldaten schilderte er besonders eindringlich. „Du spürst seine starke Hand“, erzählte Selenskyj. Dann sage der Mann ganz leise: „Dürfen wir uns umarmen?“

Während dieser Schilderung bemerkte Bartlett Tränen in den Augen seines Gesprächspartners. Selenskyj reagierte offen: „Ich bin ein Mensch. Ich schäme mich nicht dafür, wer ich bin.“ Er fügte hinzu: „Ich bin nicht der stärkste Mann der Welt. Ich versuche, ein Vorbild zu sein, aber ich bin definitiv kein perfekter Mensch.“

Auch an Butscha erinnerte sich Selenskyj. Nach der Befreiung habe er dort Leichen von Kindern, Erwachsenen und älteren Menschen gesehen. Menschen seien gefesselt und gefoltert worden. Mit Blick auf Forderungen nach einem Kompromiss mit Russland sagte er: „Wie vergibt man so etwas?“ Man könne „nicht einfach alles so vergeben“.

Seine Kinder geben ihm Halt

Auf die Frage, was ihm persönlich Kraft gebe, antwortete Selenskyj ohne Zögern: „Meine Kinder. Meine Kinder.“

Er habe sich selbst gesagt: „Ich muss für meine Kinder ein Vorbild sein.“ Dabei bedeute Stärke für ihn nicht, Gefühle zu verdrängen. „Sei stark. Sei so mutig wie möglich. Aber verstecke den Schmerz nicht.“ Gerade darin liege auch menschliche Stärke.

Seine Familie halte ihn auf dem Boden. „Ich möchte ein Vorbild sein“, sagte Selenskyj. „Ich möchte, dass sie stolz auf mich sind.“

An den Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 erinnerte sich der Präsident ebenfalls. Als der damalige US-Präsident Joe Biden ihm eine Evakuierung angeboten habe, sei seine Antwort gewesen: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Selenskyj erklärte, er habe die Menschen nicht im Stich lassen können.

„Ich glaube nicht, dass Putin dieses Risiko eingeht“

Bartlett fragte Selenskyj später ausdrücklich nach der Gefahr eines russischen Atomwaffeneinsatzes. „Das geht jedem durch den Kopf“, antwortete der Präsident. Nach allem, was Russland getan habe, müsse man damit rechnen, dass noch Schlimmeres passieren könne.

Trotzdem hält Selenskyj einen Einsatz derzeit für unwahrscheinlich. „Ich glaube nicht, dass sie das Risiko eingehen werden, Atomwaffen einzusetzen“, sagte er. Russland würde dann nach seiner Einschätzung auch seine verbliebenen Partner verlieren. Ein solcher Schritt sei „viel zu gefährlich, selbst für Atommächte“.

Seine Begründung: Würde in einem Konflikt einmal eine Atomwaffe eingesetzt, könnte die Schwelle auch anderswo sinken. „Wenn eine Atomwaffe einmal eingesetzt wird, könnte sie ein zweites und ein drittes Mal eingesetzt werden“, sagte Selenskyj. Deshalb glaube er nicht, dass Putin dieses Risiko eingehen werde.

Selenskyj wirft Trump Ungerechtigkeit vor

Deutlich wurde Selenskyj auch gegenüber Donald Trump. Der US-Präsident hatte die Ukraine wegen Angriffen auf russische Raffinerien kritisiert. Selenskyj wies Trumps Darstellung zurück, diese Attacken trieben die Dieselpreise in den USA nach oben. „Das ist völlig falsch“, sagte er.

Die ukrainischen Angriffe seien eine Reaktion auf russische Attacken gegen das eigene Stromnetz. „Sie greifen unseren Strom an. Wir schlagen bei ihrem Diesel zurück“, erklärte Selenskyj. Russland verdiene mit den Exporten Geld und gebe dieses wiederum für Waffen aus. Sein Vorschlag an Trump sei deshalb eindeutig gewesen: „Vermitteln Sie eine Waffenruhe im Energiebereich.“

Präsident Donald Trump führt im Oval Office im Weißen Haus in Washington, D.C., ein hitziges Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. (Symbolbild, aufgenommen 2025)

Präsident Donald Trump führt im Oval Office im Weißen Haus in Washington, D.C., ein hitziges Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. (aufgenommen 2025) © IMAGO / UPI Photo

Putin verweigere Trump jedoch eine solche Vereinbarung, sagte Selenskyj. Trotzdem werde das Problem nun ihm zugeschrieben. „Das ist falsch und inakzeptabel“, erklärte er. „Er schiebt Russlands Aggression und Russlands Tötungen mir zu.“ Das sei „nicht fair“.

Selenskyj ist zugleich überzeugt, dass Trump erheblichen Einfluss auf Putin hat. „Trump kann Putin sehr leicht an den Verhandlungstisch bringen“, sagte er. Seine Forderung an den US-Präsidenten: „So, wie Präsident Trump über mich spricht, muss er auch über Putin sprechen.“ Warum Trump das bislang nicht tue, wisse er nicht. „Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.“

Selenskyj: Vom Komiker zum Präsidenten

Wolodymyr Selenskyj wurde 1978 in Krywyj Rih geboren und arbeitete zunächst als Schauspieler, Produzent und Komiker. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. 2019 wurde er mit 73,22 Prozent der Stimmen zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Zu seinen erklärten Zielen gehörte damals auch ein Ende der Kämpfe im Donbas.

Als Russland am 24. Februar 2022 die groß angelegte Invasion begann, blieb Selenskyj in Kiew. Seitdem führt er die Ukraine als Präsident durch den Krieg und wirbt international um militärische und finanzielle Unterstützung. Quellen: The Diary of a CEO / YouTube, nif/red.