Starbucks Südkorea: Auf „Panzereklat“ folgt Razzia


Starbucks Südkorea

Ein als „Panzereklat“ bekanntgewordenes PR-Desaster wirft weiter seinen Schatten auf Starbucks Südkorea. Hintergrund ist eine bisher als missglückt gegoltene PR-Kampagne, mit der der Konzern Shinsegae, der in Südkorea die Mehrheit am Starbucks-Lizenzgeschäft hält, die Demokratiebewegung beleidigte. Nachdem im Juni die gesamte Belegschaft in der Causa zur Geschichtsnachhilfe anrücken musste, folgte laut Medienberichten vom Mittwoch nun eine großangelegte Razzia im Starbucks-Südkorea-Hauptquartier in Seoul.

Online seit heute, 20.01 Uhr

Im Raum steht der Vorwurf, ob hinter der „Tank Day“-Werbekampagne nicht fehlendes Geschichtsbewusstsein, sondern eine gezielte Beleidigung der Demokratiebewegung gestanden sein könnte, so die südkoreanische Zeitung „The Korean Times“.

Die offenbar gegen Führungskräfte des Konzerns gerichtete Razzia erfolgte der Zeitung zufolge, nachdem die Polizei bereits im Mai wegen mutmaßlicher Verleumdung Ermittlungen gegen die Kaffeehauskette aufgenommen hatte. Die Polizei habe „seitdem Mängel bei der internen Untersuchung von Starbucks Korea zu der umstrittenen Kampagne festgestellt, die kurz nach ihrem Start aufgrund öffentlicher Empörung eingestellt wurde“, wie es hier weiter heißt.

Trotz Notbremse dominierte die „Tank Day“-Kampagne weiter die Titelseiten der südkoreanischen Medien. Im Zentrum der Kampagne stand neben einem Edelstahlthermobecher namens „SS Tank“ der zum „Tank Day“ erklärte 18. Mai. Starbucks Südkorea setzte bei der Kampagne offensichtlich auf die Doppelbedeutung des englischen Begriffs „Tank“, der sich sowohl mit „Panzer“ als auch mit „Behälter“ übersetzen lässt.

18. Mai 1980

Am 18. Mai wird in Südkorea des Gwangju-Aufstands gedacht und damit der blutigen Niederschlagung der örtlichen Demokratiebewegung in der Stadt Gwangju im Jahr 1980, bei der die damalige Militärdiktatur auch Panzer einsetzte. Schätzungen zufolge wurden Hunderte Menschen getötet. Zudem wurden rund 3.500 Personen verletzt und über 1.000 Menschen verhaftet.

Auf die Werbekampagne folgte eine Welle der Empörung. Zivilgesellschaftliche Gruppen riefen zum Starbucks-Boykott auf. Videos zeigten Menschen, die ihre Starbucks-Becher und -Tassen zerstörten. Auch der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung hatte sich „wütend“ über die „Tank Day“-Kampagne gezeigt.

Eine Bürgerinitiative reichte in der Folge zudem eine Beschwerde gegen den Vorsitzenden der Shinsegae-Gruppe, Chung Yong Jin, wegen angeblicher Beleidigung und Verleumdung der Opfer des Aufstands und ihrer Hinterbliebenen ein.

Notiz bei Eingang von Starbucks-Filiale
Am 22. Juni musste in Südkorea die gesamte Starbucks-Belegschaft zum Geschichtsunterricht

Alle Filialen am 22. Juni vorzeitig zu

Die Shinsegae Group entließ daraufhin den Chef von Starbucks Südkorea wegen „unangemessenen Marketings“. Shinsegae-Chef Chung trat zudem demütig bei einer Pressekonferenz auf, die auch im Fernsehen übertragen wurde. Bei seiner Entschuldigungsrede verbeugte sich Chung mehrfach vor den Zuseherinnen und Zusehern.

Für Aufsehen sorgte Starbucks Südkorea schließlich auch mit einem für die gesamte Belegschaft vorgeschriebenen Geschichtsunterricht und der zu diesem Zweck am 22. Juni vorzeitig geschlossenen rund 2.000 südkoreanischen Starbucks-Filialen.

Damit wolle man ein „stärkeres historisches Bewusstsein und höhere ethische Standards etablieren“, wie Starbucks Südkorea dazu mitteilte. In der Fortbildung soll etwa die jüngere koreanische Geschichte behandelt werden. Zudem soll es um „sensible“ gesellschaftliche Themen wie Geschlechterfragen, Arbeitsrecht, Menschenrechte und Hass gehen.

Kampagne mit Hilfe von KI erstellt?

Im Rahmen einer internen Untersuchung versprach der Konzern zudem Aufklärung über das Zustandekommen der Kampagne. Die Rede war von einer Verkettung unglücklicher Umstände. Teile der Werbekampagne seien mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) erstellt worden, zudem hätten zuständige Führungskräfte die Kampagne blind durchgewinkt.

Dass es sich bei dem Skandal nur um eine Mischung aus Zufällen, Ignoranz und Inkompetenz handelt, stellte etwa die deutsche „Taz“ zuletzt als „wenig glaubhaft“ infrage. Im Raum stehe vielmehr der Verdacht, dass Shinsegaes rechtskonservative und damit der Demokratiebewegung womöglich kritisch gegenüberstehende Leitung „womöglich im ideologischen Kampf die Grenzen des Sagbaren austesten“ wollte.