Pflegekräftemangel: Auf Zeit nach Sylt, um auf Dauer zu bleiben - WELT
Mit einem ungewöhnlichen Modell versucht der Klinikbetreiber Asklepios, erfahrene Pflegekräfte im Unternehmen zu halten – und ermöglicht ihnen, für einige Wochen den Arbeitsort und die Perspektive zu wechseln, ohne den Arbeitgeber zu verlassen.
Saisonarbeit gehört auf Sylt zur Normalität. Wenn im Sommer mehr Menschen auf die Insel kommen, wächst die Arbeit überall: in Hotels, in Restaurants, im Handwerk, bei Dienstleistern, in Betrieben, die monatelang planen müssen, wie sie einige besonders volle Wochen bewältigen.
Auch die Gesundheitswirtschaft bleibt davon nicht unberührt. In der Nordseeklinik macht sich die Saison unmittelbar bemerkbar. Es kommen mehr Patienten, die Notaufnahme ist stärker belastet, Stationen geraten früher an Grenzen als im Betrieb außerhalb der Ferienzeiten. Gleichzeitig nehmen auch Beschäftigte in diesen Monaten Urlaub. Für die Dienstplanung bedeutet das: Der Bedarf steigt ausgerechnet dann, wenn ein Teil der Stammbelegschaft selbst Erholung braucht.
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In dieser Spannung beginnt eine Geschichte, die zunächst nach Sylt klingt, nach Sommer, Insel und einem besonders attraktiven Arbeitsort, tatsächlich aber etwas anderes erzählt. Sie handelt davon, wie ein Klinikbetreiber versucht, mit einem Problem umzugehen, das Krankenhäuser längst nicht mehr nur über Stellenausschreibungen lösen können. Pflegekräfte fehlen fast überall. Häuser werben um Nachwuchs, bilden aus, suchen Personal, konkurrieren mit anderen Trägern und mit Leiharbeitsfirmen. Zugleich müssen sie verhindern, dass diejenigen, die bereits da sind, nach Jahren hoher Belastung innerlich aussteigen, sich einen anderen Arbeitgeber suchen oder den Beruf verlassen.
Auf Sylt probiert Asklepios deshalb in diesem Sommer ein Modell aus, das den Mangel in einer Klinik an der Eingangstür für Fachkräfte bekämpft, in anderen Kliniken aber die Ausgangs- durch eine Drehtür ersetzt. Undine Oswald war die erste Pflegekraft, die diesen Weg gegangen ist.
Normalerweise arbeitet sie in der Asklepios-Klinik Hamburg-St. Georg, wo sie die pflegerische Leitung der Strahlentherapie innehat. Als WELT AM SONNTAG sie in der Nordseeklinik trifft, ist die 50-Jährige in ihrer letzten Woche auf der Insel. Vier Wochen hat sie dort gearbeitet, in einem anderen Haus, in einem anderen Team, auf einer Station, die sie vorher nicht kannte. Ihr Vertrag in Hamburg lief weiter, ihre Stelle blieb bestehen, ihr Rückkehrdatum stand fest. Für einige Wochen wechselte sie innerhalb des Konzerns den Ort, die Rolle und den Alltag.
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Das Programm heißt „SAT Travel Nurse Sylt“, wobei SAT für „Selbstbestimmtes Arbeiten im Team“ steht. Pflegekräfte aus Hamburger Asklepios-Kliniken können für eine begrenzte Zeit nach Sylt gehen, dort mitarbeiten und anschließend in die Hansestadt zurückkehren. Für die Nordseeklinik bedeutet das zusätzliche Hilfe in der Saison. Für Asklepios insgesamt entsteht daraus der Versuch, Engpässe an einem Standort abzufedern und zugleich erfahrenen Mitarbeitern ein Angebot zu machen, das sie im Unternehmen hält.
Der Perspektivwechsel war mir wichtig
Die Klinik arbeitet auf Sylt seit Jahren mit zusätzlichen Kräften. Externe Saisonkräfte gehören dazu, ebenso andere befristete Lösungen, wie sie viele Häuser nutzen, wenn der Personalbedarf für einige Wochen oder Monate über das hinausgeht, was sich mit der Stammbelegschaft abdecken lässt. Neu ist an diesem Sommer, dass der Konzern eine interne Bewegung organisiert: Die Pflegekraft kommt aus einem Haus der Klinikgruppe, kennt bestimmte Standards, bringt Berufserfahrung mit und bleibt dem Arbeitgeber verbunden. Der Einsatz ist zeitlich begrenzt, aber er ist mehr als eine Aushilfe im Dienstplan. Er ist ein Test, ob sich Personalbindung auch über Abwechslung, Entwicklung und einen Wechsel auf Zeit herstellen lässt.
Oswald war dabei wichtig, dass sie auf Sylt nicht als Besucherin im Haus war, der man Abläufe zeigte. Sie kam auch nicht als Führungskraft, die Strukturen der anderen Klinik betrachtet oder verbessert. Sie arbeitete mit. Sie übernahm Schichten, lernte Routinen kennen, benötigte die Offenheit der Kollegen vor Ort und brachte zugleich eine Erfahrung mit, die in einem Krankenhaus sofort zählt. „Ich war mal normale Mitarbeiterin“, sagt sie. Der Satz klingt bei ihr weniger nach Bescheidenheit als nach einer bewussten Entscheidung. In Hamburg führt sie ein Team. Auf Sylt hatte sie selbst eine Chefin. „Der Perspektivwechsel war mir wichtig“, sagt sie.
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Der Wechsel fiel ihr auch deshalb leicht, weil sie fachlich sehr genau wusste, worauf sie sich einließ. In Hamburg arbeitet Oswald in einem Bereich, in dem viele Patienten mit schweren Krebserkrankungen behandelt werden. Sie ist hemato-onkologische Fachkrankenschwester, seit vielen Jahren in Leitungsfunktion und vertraut mit Situationen, in denen Heilung keine realistische Perspektive mehr ist. Im Gespräch korrigiert sie Begriffe, wenn sie ihr zu grob erscheinen. „Palliativ heißt nicht, dass man stirbt“, sagt sie. „Es heißt, dass man nicht mehr gesund wird.“ Es geht um Linderung, um Lebensqualität, um Zeit, die eine Krankheit nicht verschwinden lässt und dennoch erträglicher machen kann.
Da sein, damit andere Urlaub nehmen können
Auf Sylt arbeitete sie auf der Station für Schmerztherapie. Die Krankheitsbilder sind andere als in St. Georg, der Umgang mit langen Verläufen ist ihr vertraut. Viele Patienten kommen mit Beschwerden, die sich über Monate oder Jahre aufgebaut haben, nach Unfällen, Operationen oder anderen Erkrankungen. Bei manchen geht es darum, wieder in den beruflichen Alltag zurückzufinden. Bei anderen darum, Belastungen so weit zu verringern, dass das Leben weitergehen kann. Für Oswald lag dieser Bereich nah genug an der eigenen Fachlichkeit, um helfen zu können, und weit genug entfernt, um Neues zu lernen.
Sie hatte sich offen für den Einsatz beworben. Keine Bedingung, nur in einem bestimmten Bereich zu arbeiten. Kein Wunsch, auf Sylt exakt das zu tun, was sie in Hamburg ohnehin macht. Für Bereiche, in denen ihr die nötige Routine fehlt, hätte sie sich nicht gemeldet, erzählt sie. Eine Intensivstation etwa wäre für sie keine Option gewesen, obwohl dort im Sommer besonders dringend zusätzliche Kräfte gebraucht werden. „Ich wäre den Kollegen dort keine Hilfe gewesen, sondern eine zusätzliche Last, weil ich mich zu wenig auskenne.“ Schmerztherapie traute sie sich zu. So konnte sie dort mitarbeiten und dadurch dazu beitragen, dass andere Fachkräfte Urlaub nehmen konnten.
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Für die Klinik liegt genau darin der praktische Kern des Modells. Eine Pflegekraft, die nur wenige Wochen bleibt, hilft einem Team vor allem dann, wenn der Einstieg schnell gelingt. Externe Kräfte müssen Abläufe, Standards, Dokumentation und interne Zuständigkeiten oft ganz neu kennenlernen. Wer aus einer anderen Asklepios-Klinik kommt, bringt einen Teil dieser Vorprägung mit. Vorgaben, etwa bei Hygiene, Standards und Grundstrukturen, ähneln sich innerhalb des Konzerns. In einer Saisonklinik kann dieser Vorsprung einen großen Unterschied machen.
Die Pflegedienstleiter Volker Raschke und Kerstin Korten in der Nordseeklinik kamen deshalb auf die Idee, Mitarbeiter aus Hamburger Asklepioskliniken anzusprechen. Der Fachkräftemangel wird häufig als Rekrutierungsproblem beschrieben. Kliniken suchen neue Mitarbeiter, bilden aus, werben um jeden Bewerber. Das Sylt-Modell richtet den Blick auf diejenigen, die bereits im Unternehmen arbeiten, Erfahrung mitbringen und die Abläufe eines Hauses kennen. Wenn solche Mitarbeiter nach Jahren im Beruf neue Möglichkeiten suchen, muss der nächste Schritt nicht zwangsläufig aus dem Unternehmen herausführen. Asklepios versucht, aus diesem Bedürfnis ein internes Angebot zu machen.
Der Konzern beschäftigt in Hamburg mehr als 18.000 Menschen und konkurriert in der Pflege wie andere Träger um Fachkräfte. Seit einiger Zeit versucht Asklepios, Pflegekräfte stärker über Einfluss auf Dienstplanung, zusätzliche Einsatzmöglichkeiten und verbindlichere Absprachen zu halten. „Pflege weitergedacht“, das Programm hinter dem Sylt-Projekt, gehört in diesen Zusammenhang. Es soll Beschäftigten in der Pflege mehr Mitsprache geben, Einsätze planbarer machen und Zusatzdienste ermöglichen, ohne dass jede Lösung über improvisierte Einzelabsprachen laufen muss. Bei den Travel Nurses kommt der Ortswechsel hinzu. Aus einer Frage der Dienstplanung wird ein Angebot an Mitarbeiter, die nach Jahren im Beruf vielleicht nicht weniger arbeiten wollen, aber anders.
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Das Sylt-Projekt nutzt einen Standort, der in der Saison selbst unter Druck steht, und macht daraus ein internes Entwicklungsangebot. Eine Pflegekraft gibt ihre Stelle nicht auf, sie wechselt für begrenzte Zeit den Einsatzort. Ein Haus gibt eine Kraft ab, weil diese Kraft danach mit neuen Erfahrungen zurückkommt und dem Unternehmen vielleicht länger erhalten bleibt. Für einen Klinikbetreiber kann das vernünftig sein. Für Beschäftigte wie Undine Oswald kann es persönlich stimmen.
Die große Lösung für den Fachkräftemangel ist das nicht. Ein einzelnes Pilotprojekt ersetzt keine fehlenden Pflegekräfte, und auch ein attraktiver Ort macht einen belastenden Beruf nicht zum Traumberuf für Massen. Der Versuch zeigt aber, wie sich die Debatte verändert. Kliniken suchen neue Mitarbeiter. Sie müssen zugleich verhindern, dass erfahrene Kräfte verloren gehen. In Branchen mit Personalmangel zählt jede gewonnene Bewerbung, aber auch jede Fachkraft, die bleibt.
Der Erfolg solcher Modelle hängt, das wird im Gespräch mit Undine Oswald deutlich, aber auch an Details, die in Personalstrategien schnell kleiner klingen, als sie im Alltag sind: Unterkunft, Reisekosten, Dienstplan, Einsatzbereich, familiäre Verpflichtungen, die Bereitschaft eines Teams, jemanden aufzunehmen, und die Bereitschaft der wechselnden Pflegekraft, sich einzuordnen. Und auch die Chance, die Zeit auf Sylt frei zu wählen – zwischen vier Wochen und sechs Monaten gibt es mehrere Modelle.
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Für Oswald passte das Angebot in eine bestimmte Lebensphase. Sie hat drei Kinder, Söhne im Teenageralter. Vier Wochen ließen sich mit der Familie organisieren. Wenige Wochen mit bestehendem Vertrag in Hamburg, Unterkunft vor Ort, Rückkehrdatum und klarer Absprache, passten in dieses Leben hinein. Ein halbes Jahr für den Job wegzugehen, wäre in ihrer Situation keine Option gewesen. Auch daran zeigt sich eine Grenze des Modells. Es funktioniert nur, wenn der Wechsel für Beschäftigte wie eine realistische Option wirkt und nicht wie eine zusätzliche Zumutung. Für erfahrene Führungskräfte kommt der Rollenwechsel hinzu.
Auch in Hamburg übernimmt Oswald bewusst Aufgaben, die eigentlich nicht zu denen einer Stationsleitung gehören. Sie macht Früh- und Spätdienste, obwohl Leitungen häufig in Kernarbeitszeiten eingesetzt werden. Sie wolle wissen, was vor und nach den gut besetzten Hauptschichten passiert, wo Abläufe hakten. Wer Prozesse verändern wolle, müsse sie aus der Nähe kennen. Auch auf Sylt ging es darum, Abläufe aus der Nähe zu kennen. Nur eben anders: Dort war sie selbst diejenige, die nachfragte, sich zeigen ließ, wie dokumentiert wird, wie die Abstimmung läuft, welche Wege im Haus üblich sind.
Die 50-Jährige ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Sie scherzt, sie wäre auch nach Bielefeld gegangen, wenn es dort ein vergleichbares Angebot gegeben hätte. Der Perspektivwechsel sei ihr wichtiger gewesen als der Name der Insel. Ganz ohne Bedeutung war der Ort trotzdem nicht, erzählt sie beim Kaffee. Jeden Tag habe ihr Weg nach der Schicht noch einmal zum Strand geführt. Wenigstens mit den Füßen ins Wasser, sagt sie, das habe dazugehört.
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Aus ihrer Arbeit mit schwer kranken Menschen kennt Oswald den Wert solch besonderer Erfahrungen. Sie erzählt davon, wie lange schöne Erinnerungen Krebspatienten auf ihrer Station emotional tragen können, auch in schweren Phasen. Menschen zehrten von Momenten, die sie erlebt haben, sagt sie, und neue Erinnerungen hielten lange vor. Zuerst meint sie damit Patienten, die in ihrer Krankheit auf etwas zurückgreifen, das ihnen Kraft gibt. Der Gedanke reicht aber auch in ihre eigene Arbeit hinein. Pflegekräfte leben nicht allein von Entlastung im Dienst. Sie brauchen auch Erfahrungen, die ihnen zeigen, dass der Beruf nach vielen Jahren noch Bewegung zulässt.
Und so endet ihr Einsatz nicht mit einem Bruch, sondern mit einer Rückkehr. Nach vier Wochen auf der Insel geht Oswald wieder nach St. Georg, in die Strahlentherapie, zu den Patienten, deren Erkrankungen sie seit Jahren begleitet, und zu einem Team, das sie aus einer anderen Rolle kennt. Sylt war für sie kein Ausstieg aus diesem Beruf, sondern eine Erfahrung innerhalb dieses Berufs. Nach der Schicht noch einmal zum Wasser gehen, die Füße in die Nordsee halten, am nächsten Tag wieder auf Station stehen: Für Asklepios ist daraus ein Personalmodell geworden. Für Undine Oswald war es vor allem die Möglichkeit, nach vielen Jahren Pflege noch einmal anders auf die eigene Arbeit zu schauen. Würde sie es wieder machen? „Ja, auf jeden Fall“, sagt sie. „Wenn die Kinder groß sind, auch gerne für länger.“
Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über die Hansestadt und Schleswig-Holstein.