Bayern-Zeugnisse immer besser, doch Schüler dümmer? „Augenwischerei, mit Supernoten kaschiert“


Stand: 31.07.2026, 18:45 Uhr

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Die bayerischen Zeugnisse werden immer besser. „Noteninflation“, schimpft der Ex-Lehrerpräsident. „Fatale Unterstellung“, meint Bayerns Lehrerpräsidentin. Wer hat recht?

München – Jetzt haben es auch die bayerischen Schülerinnen und Schüler geschafft. Als letztes Bundesland ging der Freistaat am Freitag in die Sommerferien. Bevor die Kinder und Jugendlichen in die sechswöchige Pause entlassen wurden, gab es natürlich noch Zeugnisse. Traditionell schneidet Bayern hier besonders gut ab. Doch steckt hinter immer besser werdenden Zeugnissen eine Noteninflation, oder sind die bayerischen Pauker einfach besser als der Bundesschnitt?

Schülerinnen und Schüler einer siebten Klasse strecken den Arm in die Höhe, um sich zu melden.

Endlich Ferien: Nach dem letzten Schultag am Freitag dürfen die Schülerinnen und Schüler in Bayern nun sechs Wochen lang Pause machen. © picture alliance / Felix Kästle/dpa | Felix Kästle/Montage (Archiv)

Fakt ist: Bayerns Abschlussnoten werden immer besser. Der diesjährige Abijahrgang etwa hat das Gymnasium mit einem Rekorddurchschnitt verlassen: 2,13. An manchen Schulen hagelte es nur so Einser-Zeugnisse. Geprüft wurden rund 30.000 Schülerinnen und Schüler im wieder eingeführten G9. Damit waren ihre Noten nach Angaben des Kultusministeriums sowohl besser als im Vorjahr als auch im Vergleich zu den letzten zehn G8-Abiturjahrgängen (Durchschnittswert rund 2,25). 

Bayerns Abiturienten immer besser: „Inflation immer besserer Noten“

Also Grund zur Freude? „Das sehe ich mit Sorge“, meint der ehemalige Lehrerpräsident Josef Kraus. Der gebürtige Oberbayer war von 1987 bis Juni 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und meint gegenüber dem Münchner Merkur von Ippen.Media: „Diese Entwicklung zeigt, dass sich Bayern mehr und mehr den schwachen deutschen Bildungsländern anpasst.“ Kraus sieht eine „Inflation immer besserer Noten“ und meint: „Gute Note heißt nicht gutes Abitur.“ Zuvor hatte bereits Kraus-Nachfolger Heinz-Peter Meidinger von einer „massiven Entwertung des Abiturs“ gesprochen. „Inzwischen haben einzelne Gymnasien mehr 1,0-Abitur-Ergebnisse als vor 20 Jahren ganze Bundesländer“, so Meidinger gegenüber der Mediengruppe Bayern.

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, hält dagegen. „Wir können doch jetzt nicht allen, die einen Einser im Abitur haben, sagen: Das ist die Generation Alpha, die leistet ja nichts“, so Fleischmann im Gespräch mit unserer Redaktion: „Das finde ich fatal – und es ist dreist gegenüber Lehrern und Schulleitern. Es ist eine Unterstellung: Wer gute Noten hat, der hat sie gar nicht verdient. Dass also jeder, der ein gutes Abitur hat, im Grunde ein Depp ist. Das schwingt da mit.“

Kraus kann die Argumentation der BLLV-Präsidentin nicht nachvollziehen. „Solche gefälligen Sprechblasen nehme ich schon lange nicht mehr ernst“, meint Kraus, angesprochen auf die Aussagen Fleischmanns. „Das ist Augenwischerei.“ Kraus sieht beim Abitur einen Unterschied „zwischen Studierberechtigung und Studierbefähigung“. Heißt: „Wer qua Reifezeugnis studierberechtigt ist, ist nicht immer studierfähig. Die Hochschulen wissen ein Lied davon zu singen, wenn sie für Erstsemester Liftkurse einrichten müssen.“

Josef Kraus zu Gast zum Interview im Münchner Pressehaus.

Josef Kraus zu Gast zum Interview mit unserer Redaktion. Kraus, Jahrgang 1949, arbeitete mehrere Jahre als Gymnasiallehrer, Schulpsychologe und Schulleiter. 30 Jahre lang war er Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. © Andreas Schmid

Tatsächlich beobachtet der Deutsche Hochschulverband (DHV) „seit geraumer Zeit mit Sorge, dass das Abitur die Studierfähigkeit zwar formal bescheinigt, in der Praxis jedoch immer seltener garantiert“, wie DHV-Präsident Lambert T. Koch im Frühjahr gegenüber unserer Redaktion erklärte. „Natürlich gibt es nach wie vor hochmotivierte und leistungsstarke junge Menschen, die nach dem Abitur ein Studium aufnehmen und vom ersten Semester an brillieren“, so Koch. „Hochschullehrende konstatieren jedoch zunehmend eklatante Mängel: Neben unzureichenden mathematischen Vorkenntnissen haben sich auch das Leseverständnis, die Lesebereitschaft und das allgemeine Ausdrucksvermögen insgesamt spürbar verschlechtert.“

Kraus findet die „Einser-Inflation“ daher „ungerecht gegenüber denjenigen, die wirklich eine Eins verdient haben“ und fordert: „Wir brauchen wieder ehrliche Zeugnisse.“ Das im Bundesschnitt bessere Abschneiden bayerischer Schülerinnen und Schüler ist indes nicht wegzudiskutieren. „In standardisierten innerdeutschen Schulleistungstests schneiden die Schüler aus Sachsen und Bayern konstant am besten ab“, sagt Kraus. „Von daher könnte man sagen, dass sie mehr draufhaben.“

Doch auf diesen guten Ergebnissen dürfe man sich nicht ausruhen, meint Kraus. „Dieser Vorsprung aber wird binnen einer Schülergeneration dahinschmelzen, wenn Bayern die Ansprüche auf bundesweites Niveau anpasst und dies mit Supernoten kaschiert.“

Das bayerische Abitur lässt sich laut Fleischmann jedoch nicht mit anderen Bundesländern vergleichen. „Wir haben unterschiedliche Standards“, so die BLLV-Präsidentin. Das Abi im Freistaat sei leistungsorientiert und durch sehr klare Anforderungen definiert. Ein Abi mit 1,0 in Bayern sei deutlich schwerer zu erreichen. Der Bildungserfolg in Bayern hänge zudem von der sozialen Herkunft ab. Bayern sei bundesweit Schlusslicht beim chancengerechten Zugang zum Gymnasium. (Quellen: Josef Kraus, Simone Fleischmann, Deutscher Hochschulverband, Heinz-Peter Meidinger in der Mediengruppe Bayern, Kultusministerkonferenz)