„Beleidigt, angeschrien, angespuckt“: Supermarkt-Kassiererin prangert unmögliches Verhalten von Rentnern an


Stand: 03.08.2026, 07:43 Uhr

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„Wer hat die erzogen?“ – Eine Kassiererin schildert, wie Rentnerinnen und Rentner sie im Supermarkt angreifen. Experten erklären das Phänomen.

Kassel – Freundlichkeit an der Kasse gilt vielerorts längst nicht mehr als Selbstverständlichkeit. Wer im Einzelhandel arbeitet, erlebt zunehmend raue Töne, ungeduldige Blicke und offene Anfeindungen im direkten Kundenkontakt. Über solche Erfahrungen wird jedoch selten öffentlich gesprochen: Meist bleiben sie im Kollegenkreis, werden mit einem Schulterzucken abgetan oder schlicht als unangenehmer, aber unvermeidbarer Teil des Berufs hingenommen, über den man besser nicht zu viele Worte verliert.

Zu sehen ist eine ältere Frau an einer Supermarktkasse.

Rentnerinnen und Rentner verhalten sich laut einer Kassiererin im Supermarkt oft aggressiv. (Symbolbild) © IMAGO / photothek

Eine Angestellte eines Rewe-Marktes hingegen macht ihrem Frust nun auf Reddit Luft. In einem ausführlichen Beitrag berichtet sie von Übergriffen, die sich nach ihrer Darstellung praktisch im Minutentakt wiederholen – von morgens bis zum Feierabend. Sie werde an ihrem Arbeitsplatz „angefasst, beleidigt, angeschrien, bespuckt und bedroht“. Bemerkenswert findet sie dabei hauptsächlich eines: Der betroffene Markt liegt nach eigener Beschreibung nicht etwa in einem sozial schwierigen Umfeld, sondern in einer „sehr gehobenen Gegend“.

Kassiererin moniert Rentnerinnenverhalten im Supermarkt: „Wer hat die erzogen?“

Ein Muster sticht in der Schilderung besonders hervor: Nach Beobachtung der Kassiererin seien es überdurchschnittlich häufig ältere Frauen, die mit vollgepackten Wagen an der Kasse stünden und sich über Preise beschwerten, die sie zuvor selbst falsch gelesen hätten. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, die sie irritiert. Wie jemand nach einem langen Arbeitsleben im Ruhestand nun „so ekelhaft und asozial sein kann“, sei ihr ein Rätsel.

Eine Kundin habe sie fast eine halbe Stunde an der Kasse festgehalten, weil diese nicht gewusst habe, wie ein Paket in eine Packstation eingelegt wird. In einem anderen Fall habe eine Kundin lautstark protestiert, weil ihr acht Cent zu viel abgerechnet worden waren. Nach Rückerstattung habe sie das Geld wortlos auf den Tresen geworfen und sei gegangen, ohne ein weiteres Wort. Für solche Szenen hat die Kassiererin kaum noch Verständnis übrig: „Wer hat die erzogen?“, schreibt sie. “

Mit ihrem Post trifft die Kassiererin einen Nerv. In den Kommentaren berichten Mitarbeitende im Einzelhandel von ähnlichen Erfahrungen. „Ich habe nie mehr Menschenhass als im Einzelhandel empfunden. Da merkt man erst, mit was für Menschen man in der Gegend so lebt“, schreibt jemand. Ein anderer habe nach 30 Jahren gelernt, „dass 8/10 Menschen miese, dumme, arrogante Arschlöcher sind.“

Auch die Berufsgenossenschaft warnt seit Jahren: Verbale Angriffe im Einzelhandel nehmen spürbar zu

Dass solche Vorfälle keine Ausnahme sind, bestätigt auch die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW), die ihre Mitgliedsbetriebe inzwischen gezielt im Umgang mit „konfliktbereiten Kunden“ schult. Beschäftigte gerieten dabei sowohl verbal als auch körperlich ins Visier. „Der Kassenbereich ist besonders anstrengend. Diskussionen mit gereizten Kunden können die Kassiererinnen und Kassierer nicht aus dem Weg gehen.“ Das Personal müsse freundlich bleiben, während Kundinnen und Kunden kaum Konsequenzen fürchten müssten.

BGHW-Präventionsexperte Martin Wuttke sieht auch einen gesellschaftlichen Hintergrund: Kundinnen und Kunden seien es vom Onlinehandel gewohnt, dass Reklamationen ohne Nachfragen sofort erledigt würden. Diese Erwartung übertrügen viele auch auf den stationären Handel. Wer im eigenen Leben wenig Kontrolle empfindet, finde an der Kasse eine der wenigen Situationen, in denen er die Regeln zu bestimmen scheint.

Schmerzen, Einsamkeit oder eine beginnende Demenz können hinter plötzlicher Aggressivität stecken

Doch wird man im Alter wirklich immer aggressiver? Für das auffällige Verhalten gibt es aus Sicht von Fachleuten selten eine einzige Erklärung. Pflegeexpertin Christine Sowinski vom Kuratorium Deutsche Altershilfe rät Angehörigen bei welt.de, bei plötzlich auftretender oder zunehmender Gereiztheit zunächst nach der Ursache zu suchen, statt das Verhalten vorschnell zu verurteilen. Häufig übersehen werde etwa, dass ältere Menschen unter diffusen, schwer zu benennenden Schmerzen litten, die sich nach außen als schlechte Laune oder Ungeduld äußerten.

Auch unverarbeitete Verluste spielen eine Rolle: Wer den Partner verloren habe, kaum noch soziale Kontakte pflege oder das eigene Leben rückblickend als wenig gelungen empfinde, reagiere Sowinski zufolge empfindlicher auf äußere Reize – manchmal mit Gereiztheit, manchmal mit offener Aggression. Wolfgang Maier, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn, ergänzt, dass viele ältere Menschen grundsätzlich Schwierigkeiten hätten, sich sozial anzupassen und Ärger herunterzuschlucken.

In manchen Fällen steckt jedoch tatsächlich mehr dahinter als schlechte Laune. Nach Einschätzung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen können beginnende Demenzerkrankungen das Sozialverhalten verändern, oft lange bevor überhaupt eine Diagnose gestellt wird. Plötzliches Misstrauen, Gehässigkeit oder Aggressivität gegenüber Fremden können frühe Warnzeichen sein – im Alltag an der Kasse werden sie jedoch meist schlicht als Unhöflichkeit wahrgenommen, nicht als mögliches Krankheitssymptom. (Quellen: Reddit, Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik, welt.de, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen) (jaka)