Rente mit 63: DIW-Chef mit Klartext – CDU-Chefs torpedieren die Reform, die SPD applaudiert
„Sonst ist die Rentenreform tot“: DIW-Chef Fratzscher mit klarer Ansage zur „Rente mit 63“
Stand: 03.08.2026, 07:55 Uhr
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Streit um das Ende der Rente mit 63: CDU-Länderchefs wollen die Abschaffung nochmals überdenken. Ein Ökonom warnt eindringlich.
Berlin – Die schwarz-rote Bundesregierung ringt um eine der weitreichendsten sozialpolitischen Reformen der letzten Jahrzehnte. Im Zentrum des Konflikts steht das geplante Ende der abschlagsfreien „Rente mit 63“. Während Ökonomen diesen Schritt als essenziell für die Finanzierbarkeit des Rentensystems bezeichnen, droht die Debatte die Union kurz vor entscheidenden Landtagswahlen zu spalten.

DIW-Präsident Fratzscher für Abschaffung der Rente mit 63
Wie die Rheinische Post (RP) vermeldet, fordert Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Fratzscher stellt in der RP klar: „Ohne dieses Element ist die Rentenreform tot.“ Fiele dieser Baustein weg, müsste die Regierung die Finanzierung der gesetzlichen Rente grundlegend neu strukturieren.
Die ökonomischen Prognosen stützen diese Einschätzung: Das Auslaufen der Frührente spart laut RP langfristig knapp zehn Milliarden Euro und sichert dem Arbeitsmarkt jährlich 125.000 zusätzliche Beschäftigte. Zudem warnt Fratzscher vor einer sozialen Schieflage bei Beibehaltung der jetzigen Regelung, da diese zu einer massiven Umverteilung führe – weil von der Rente mit 63 überproportional Besserverdienende und Männer profitieren.

Aus für Rente mit 63 laut CSU „zentraler Baustein der Reform“
Diese demografische und soziale Realität greift auch der Spiegel in einem aktuellen (3. August) Newsletter auf. Entgegen der häufigen Annahme, dass vorrangig körperlich schwer arbeitende Menschen die Frührente nutzen, belegen Studien, dass vor allem Gutverdiener mit stabilen Bürojobs davon Gebrauch machen.
Im Juni hatte die Regierungskommission ein eng geschnürtes Paket aus 33 Maßnahmen präsentiert, fasst das Nachrichtenmagazin zusammen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) pochen auf die exakte Umsetzung dieses Plans. Jeder Eingriff, so warnt etwa der CSU-Abgeordnete und Kommissionsangehörige Florian Dorn laut Spiegel, gefährde als „zentraler Baustein der Reform“ den Gesamterfolg der Maßnahmen.
Union streitet um Aus für Rente mit 63: Widerstand aus dem Osten
Trotz dieser Warnungen formiert sich der Widerstand nun ausgerechnet in den eigenen Reihen der Union. Der Münchner Merkur dokumentiert den Vorstoß mehrerer ostdeutscher CDU-Politiker. Die drei Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (Sachsen), Mario Voigt (Thüringen) und Sven Schulze (Sachsen-Anhalt) sprechen sich deutlich gegen das Ende der Rente mit 63 aus und beharren auf der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren. Hierbei soll auch die Sorge vor starken Wahlergebnissen der AfD bei den anstehenden Landtagswahlen eine maßgebliche Rolle spielen.
Dies sorgt für deutliche Kritik: Alexander Hoffmann, CSU-Landesgruppenchef, mahnt in der Augsburger Allgemeinen strenge Koalitionsdisziplin an. Der Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger warnt im Gespräch mit derselben Zeitung eindringlich vor einem Dominoeffekt: „Wird ein Stein herausgenommen, wird am Ende die gesamte Reform zerfleddert. Deshalb sage ich, wehret den Anfängen.“ Gleichzeitig erhalten die kritischen Stimmen aus der CDU laut Merkur Zustimmung von der SPD, deren Generalsekretär Tim Klüssendorf offen mit den Ost-Ministerpräsidenten sympathisiert.
Streit um Rente mit 63: Vorwurf der Wahltaktik vor Ost-Wahlen 2026
In einem aktuellen Kommentar übt Klaus Rimpel, Ressortleiter der Politik-Redaktion des Münchner Merkur, scharfe Kritik an diesem parteiinternen Konflikt. Rimpel attestiert den drei CDU-Länderchefs eine „ziemlich durchsichtige“ Motivation, die primär wahltaktisch getrieben sei. Sie würden das mühsam ausbalancierte Reformpaket leichtfertig aufs Spiel setzen. Durch den Versuch der CDU, diesen populären Aspekt der Rente mit 63 beizubehalten, würde sie den bislang größten Erfolg der Merz-Regierung attackieren und die Autorität des eigenen Kanzlers schwächen.
Rentenreform: Selbstständige und Abgeordnete lösen das Demografieproblem nicht
Wie tiefgreifend die tatsächlichen Reformschritte sind, zeigt eine Analyse. Sie kritisiert die bisherige Finanzierungsstruktur und lobt die Kommission dafür, die demografischen Herausforderungen offen anzusprechen. Es sei illusorisch, die Demografie mit politischen Haltelinien überlisten zu können. Zu den zentralen Neuerungen gehören laut der Analyse die verpflichtende Kapitalrente nach schwedischem Vorbild und die direkte Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung.
Der Merkur argumentiert für das Ende der Rente mit 63, da diese schlecht konstruiert und zu wenig zielgenau gewesen sei. Gleichzeitig räumt er mit der Annahme auf, dass allein das Einbeziehen neuer Gruppen – wie Selbstständige oder Abgeordnete – das Demografieproblem dauerhaft löse, da auch diese langfristig eigene Ansprüche erwerben. Das Fazit: Der Staat zieht sich weiter zurück, das neue Rentenpaket ist letztlich ein klarer Vorsorgeauftrag an die Bürger.
Stopp der Rente mit 63 trifft Geringverdiener unverhältnismäßig hart
Doch welche Bevölkerungsgruppen sind von einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit besonders betroffen? Der Arbeitswissenschaftler Prof. Hans Martin Hasselhorn warnt, dass die aktuelle Praxis sozial unausgewogen ist. Im Gespräch mit unserer Redaktion formuliert er das zentrale Problem: „Leute mit guten Arbeitsbedingungen, ohne körperliche Belastung und guten finanziellen Verhältnissen planen meist, frühzeitig rauszugehen. Während Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen und schlechter Arbeit meist einen späteren Ruhestand planen.“
Menschen in prekäreren Verhältnissen, so Hasselhorn, arbeiten demnach oft nicht länger, weil sie gesünder sind, sondern aus finanzieller Notwendigkeit. Seine Warnung ist deutlich: Ein Jahr längere Arbeitszeit trifft Menschen im niedrigsten Einkommenssegment unverhältnismäßig härter, da ihre Lebenserwartung im Durchschnitt geringer ist als die von Topverdienern.
Statt starrer Jahresgrenzen fordert Hasselhorn im Interview ein Modell nach österreichischem Vorbild, das sich nicht an Beitragsjahren oder Berufstiteln orientiert, sondern die tatsächliche physische und psychische Belastung der Berufe objektiv berücksichtigt. (Quellen: Rheinische Post, Spiegel, Münchner Merkur, vorherige Berichterstattung) (frs)