Berliner Staatsanwaltschaft: 350 Anklagen gegen Encrochat- und Sky-ECC-Nutzer - Golem.de
Die Berliner Staatsanwaltschaft zieht Zwischenbilanz zu Kryptohandys. Der Angriff auf die Systeme durch die Staatsapparate sind weiter umstritten.
Rund sechs Jahre nach der Entschlüsselung von Daten der Messengerdienste Encrochat und Sky ECC hat die Berliner Staatsanwaltschaft bislang in rund 350 Fällen Anklage erhoben. Insgesamt landeten bislang rund 1.490 Verfahren bei der Behörde, wie ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. In den meisten Fällen (1.107) sind die Namen der Beschuldigten bekannt.
Derzeit sind noch rund 140 Verfahren offen. In mehr als 220 Verfahren wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft Haftstrafen gegen die Täter verhängt. In knapp 70 Fällen wurden die Beschuldigten mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.
Die Verschlüsselungssoftware Encrochat wurde von Kriminellen zur Abwicklung illegaler Geschäfte genutzt, weil sie sich aufgrund der Verschlüsselung sicher fühlten. Der Polizei in den Niederlanden und Frankreich gelang es jedoch im Frühjahr 2020, Millionen geheimer Daten abzuschöpfen.
Auch Sky ECC von Europol gehackt
Ende 2020 gelang es der EU-Polizeibehörde Europol zudem, die Verschlüsselung des Kommunikationssystems Sky ECC zu knacken. So konnten viele Millionen Chatnachrichten von Nutzern aus der ganzen Welt gelesen werden. In beiden Fällen war nicht die Verschlüsselung die Schwachstelle, sondern die Infrastruktur des Anbieters der Angriffspunkt. Über ein fingiertes Softwareupdate spielten die Ermittler einen staatlichen Trojaner auf die Endgeräte der Nutzer. Ermittlungsbehörden aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden richteten mit Unterstützung von Europol im Jahr 2020 einen Man-in-the-Middle-Server ein und übernahmen so Teile der Serverinfrastruktur von Sky ECC.
In ganz Europa führte dies zu zahlreichen Verhaftungen. Polizei und Justiz kämpfen seitdem mit der Auswertung der Daten. Allein in der Hauptstadt ging es nach früheren Behördenangaben um rund 1,6 Millionen Chatnachrichten des Messengerdienstes Encrochat mit knapp 750 Nutzern.
Anlasslose Massenüberwachung
Bei der Berliner Polizei wurden Ermittlungsgruppen in verschiedenen Stadtteilen eingerichtet. Während die Encrochat-Fälle inzwischen fast alle bei der Justiz gelandet sein dürften, dauere die Auswertung der Daten zu Sky ECC noch an, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte. Vor dem Berliner Landgericht gebe es regelmäßig Prozesse gegen Kriminelle, die vor allem Drogen- oder Waffengeschäfte über Kryptohandys abwickelten.
Aus Sicht vieler Strafverteidiger und Datenschutzrechtler verstieß die Aktion gegen fundamentale rechtsstaatliche Prinzipien. Es gab keinen Anfangsverdacht gegen Einzelne: Beim Aufspielen des Trojaners bei Encrochat und der Serverübernahme bei Sky ECC wurden nicht gezielt einzelne Verdächtige überwacht, sondern pauschal alle Nutzer der Dienste abgehört, was einer anlasslosen Massenüberwachung gleichkommt. Die Gerichte entschieden dennoch, dass die Beweismittel verwendet werden durften.
- Hier geht es zu Hacking & Security: Das umfassende Handbuch bei Amazon
Wenn Sie auf diesen Link klicken und darüber einkaufen, erhält Golem eine kleine Provision. Dies ändert nichts am Preis der Artikel.