Mindestens eine Stunde draußen: Ärztin erzieht ihre Kinder wie in den 80er-Jahren


Besser für das Gehirn: Ärztin erzieht ihre Kinder wie in den 80er-Jahren

Stand: 03.10.2026, 20:16 Uhr

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Mit vier Spielzeugen spielen Kinder doppelt so lange wie mit sechzehn. Eine Studie zeigt, was eine Ärztin aus den USA bereits in ihrer Erziehung anwendet.

Frankfurt – Auspacken, kurz spielen, nächstes Geschenk. Auspacken, kurz spielen, nächstes Geschenk: Wer schon mal ein Kind an einem Geburtstagsmorgen beobachtet hat, kann sich diese Situation gut vorstellen. Am Abend beim Spielen im Kinderzimmer ist es nicht viel besser. Dabei ist viel Auswahl beim Spielzeug eher schlecht für die Gehirnentwicklung von Kindern, weil sie sich auf die freie Spieldauer auswirkt.

Zwei auf einem Trampolin hüpfende Kinder.

Draußen ohne Eltern spielen – für Kinder ist das wichtig. (Symbolbild) © Corinne Simon/KNA

Seit Jahren besteht in der frühkindlichen Forschung die umfassende Erkenntnis, dass die Aufmerksamkeit zersplittert, wenn konkurrierende Optionen sichtbar bleiben. Eine Studie aus dem Jahr 2017 liefert einen eindrücklichen Beweis dafür, dass weniger mehr ist. Eine US-amerikanische Ärztin hat auf diesem Grundsatz ihre ganze Erziehung aufgebaut.

Vier Spielzeuge sind besser als sechzehn – Studie aus Toledo liefert eindeutiges Ergebnis

Die Ergotherapeutin Alexia Metz von der University of Toledo beobachtete in ihrer Studie 36 Kleinkinder zwischen 18 und 30 Monaten beim freien Spiel – eine Gruppe mit vier Spielzeugen, eine mit sechzehn. Das Ergebnis: Die Kinder mit vier Spielzeugen beschäftigten sich mit jedem einzelnen doppelt so lang. Sie fuhren mit ihnen herum, stapelten, bauten, spielten kleine Rollenspiele. Die Kinder mit sechzehn Spielzeugen hingegen griffen kurz zu, dann legten sie das Spielzeug wieder weg und griffen zum nächsten.

Diese Verdoppelung der Spieldauer ist kein unerheblicher Effekt. In der Kleinkindforschung gilt die anhaltende Aufmerksamkeit für einen Gegenstand als einer der verlässlichsten frühen Indikatoren für das spätere Konzentrationsvermögen, die Sprachentwicklung und die Problemlösungsfähigkeit. Sie bildet den Grundstoff für das Rollenspiel, welches wiederum die Basis für narratives Denken darstellt. „Das Gehirn eines Kleinkinds ist noch dabei, die Fähigkeit zu entwickeln, sich zu entscheiden und bei einer Sache zu bleiben“, erklärt Metz. Jedes zusätzliche Spielzeug im Raum sei eine Unterbrechung dieses Prozesses. Genauso wie für Kinder jeder zusätzliche digitale Reiz solch eine Unterbrechung sein könne.

Ärztin aus den USA: „Ich lasse meine Kinder gelangweilt sein“

Die US-amerikanische Augenärztin Rupa Wong (@drrupawong) hat diese Erkenntnisse in ihren Alltag übertragen. „Als stolze Gen-X-Mutter habe ich mir vorgenommen, meinen Kindern eine Kindheit wie in den 80er-Jahren zu ermöglichen“, schreibt sie in einem Instagram-Beitrag. Erziehung im Zeitalter digitaler Medien sei „erschöpfend“, viele Kinder hätten eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne. Ihr Nachwuchs müsse mindestens eine Stunde täglich nach draußen, es gebe kein Tablet beim Essen, keine Bildschirme im Schlafzimmer, WLAN werde um 21 Uhr abgeschaltet.

„Ich lasse meine Kinder gelangweilt sein“, schreibt Wong. „Sie bekommen nicht sofort einen Bildschirm vorgesetzt, wenn sie einmal nichts zu tun haben.“ Durch Langeweile entstehe Kreativität – „diesen Raum will ich ihnen nicht nehmen.“ Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule, bestätigt bei der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media, dass „Kinder auch mal Langeweile empfinden dürfen“. Dadurch könnten sie Kreativität und Selbstregulation lernen.

Wong lässt ihre Kinder viel draußen spielen, hat beim Essen im Restaurant eine Tasche mit Malbüchern, Puzzeln und Spielkarten dabei – statt Tablet. „Es gab Abendessen, bei denen ich meinen Kindern am liebsten mein Handy gegeben hätte, um in Ruhe essen zu können. Es war nicht immer einfach“, schreibt die Mutter. Doch die Grenzen seien es wert. Denn eine problematische Nutzung digitaler Geräte kann laut Bleckmann negative Folgen haben, „darunter Übergewicht, Schlafstörungen und schlechtere Schlafqualität, Schwierigkeiten mit Gefühlsregulation, Konzentrationsprobleme und Sprachverzögerungen“. Kinder bräuchten „keine Bildschirme, sondern echtes Leben“ – Sinneseindrücke und Kontakt zu Bezugspersonen.

Zu viel Bildschirmnutzung entzieht Lebenszeit, die für reale Erfahrungen fehle. Genauso wie zu viele Spielzeuge. Metz warnt davor, alle Spielzeuge nun einfach wegzuwerfen. Ihre Empfehlung als Autorin der Studie ist ganz pragmatisch: „Ihr Kind kann Hunderte Spielsachen haben, wenn es einen Platz zur Aufbewahrung gibt, sodass nur eine kleinere Anzahl zur Verfügung steht, wenn ein Kind spielt“, sagt sie dem Magazin Motherly. Der Rest bleibe einfach im Schrank. (Quellen: eigene Recherche, Toledo Studie, Instagram, Motherly)