„Zivilisatorischer Kampf“ in Brasilien: Ein neuer Bolsonaro gegen Lula – zwischen Justiz-Zoff und Trumps Einfluss


„Kulturkampf“: Ein neuer Bolsonaro gegen Lula – Brasilien wählt zwischen Justiz-Streit und US-Einfluss

Stand: 03.10.2026, 20:17 Uhr

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Richtungswahl in Brasilien: Flávio Bolsonaro will in die Fußstapfen seines rechtsextremen Vaters treten und Lula da Silva aus dem Amt drängen.

Buenos Aires – Brasilien wählt am Sonntag seinen Präsidenten – und ganz Lateinamerika blickt gespannt auf die größte Volkswirtschaft der Region. Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva trifft auf Flávio Bolsonaro, Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, der seinem Vater zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Umfragen deuten auf ein enges Duell und eine Stichwahl am 25. Oktober hin.

Zwei gegensätzliche Kandidaten für Brasilien: der amtierende linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten rechtsextremen Ex-Präsidenten.

Zwei gegensätzliche Kandidaten für Brasilien: der amtierende linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro, Sohn des inhaftierten rechtsextremen Ex-Präsidenten. © DANIEL RAMALHO / AFP

„Meiner Meinung nach wird Lula am Ende knapp gewinnen“, sagte Maximilian Hedrich, Leiter des Brasilien-Auslandsbüros der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, in einem Pressegespräch. Für manche wirke Lula womöglich nicht mehr so fit, „aber er ist fit, lächelt und wird weiterhin als Landesvater gesehen“. Allerdings kommt ihm die wirtschaftliche Lage in die Quere: Brasilien habe zwar eine starke Wirtschaft und konnte damit Trumps Zölle ausitzen. Doch für viele Menschen seien Alltagsprodukte kaum mehr bezahlbar – und das werde Lula angelastet. Und so kommt Flávio Bolsonaro Lula in den Umfragen langsam näher.

Stichwahl zwischen Lula und Bolsonaro bei Wahl in Brasilien nahezu sicher

Der brasilianische Politikwissenschaftler Cláudio Gonçalves Couto spricht gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media von 25 bis 30 Prozent auf jeder Seite, die ihren jeweiligen Kandidaten ohne Zweifel unterstützen werden. Dazu komme eine größere Gruppe, die nicht unbedingt Lula oder Bolsonaro unterstütze, aber die jeweils andere Seite entschieden ablehne. „Diese ausgeprägte Bipolarisierung lässt wenig Raum für das Wachstum dritter Kandidaturen.“ Denkbar sei sogar, dass die Wählerinnen und Wähler die Stichwahl faktisch vorwegnehmen. Neben dem Präsidenten und Vizepräsidenten werden am Sonntag alle Sitze der Abgeordnetenkammer, zwei Drittel des Bundessenats sowie die Gouverneure und die Landesparlamente aller 26 Bundesstaaten und des Bundesdistrikts neu gewählt.

Für Couto steht weniger eine gewöhnliche Richtungsentscheidung als ein Konflikt um die demokratische Ordnung im Zentrum. Er beschreibt den Wahlkampf als „zivilisatorischen Kampf“: einerseits eine extremistische Kandidatur, andererseits eine demokratische Kraft der gemäßigten Linken, die er als sozialdemokratisch einordnet. Das Ergebnis werde weit über Brasilien hinaus wirken. Ein Erfolg der Bolsonaro-Seite könne, so Couto, die extreme Rechte in Lateinamerika stärken – und den Einfluss der Trump-Regierung in der Region vergrößern.

Flávio Bolsonaro ist nicht sein Vater. Zumindest im Auftreten: Hedrich zufolge versucht das Bolsonar-Kommunikationsteam, den Rechtspopulismus hinter sich zu lassen und konservativer zu wirken. Ob Flávio damit über den festen Kern der Bolsonaro-Anhänger hinauskommt, hängt auch davon ab, ob er einflussreiche evangelikale Milieus gewinnt. Eine mögliche Fürsprecherin tritt bislang nicht für ihn auf: Seine Mutter Michelle Bolsonaro, eine bekannte Figur in der Pfingstkirche, mache keinen Wahlkampf für ihren Sohn, sagt Hedrich. Evangelikale Gemeinden hätten in Favelas oft konkrete Grundbedürfnisse aufgegriffen und damit an Einfluss gewonnen, während die katholische Kirche dort an Boden verloren habe. Lula wiederum habe wenig Zugang zu religiösen Fundamentalisten. Seine Gesellschaftspolitik werde von Gegnern als „woke“ und als Projekt einer urbanen linken Elite dargestellt.

Couto hält Flávio inhaltlich für eine Fortsetzung dessen Vaters. Der Sohn vertrete dasselbe autoritäre Projekt, auch wenn sein persönlicher Stil weniger grob sei. „Wir sprechen nicht von etwas grundlegend anderem“, sagt der Politikwissenschaftler. Der Bolsonarismus sei zudem ein „familistisches politisches Projekt“ – und innerhalb der brasilianischen Rechten inzwischen hegemonial. Der Kontrast der Wahlkampfbilder könnte kaum größer sein: hier Lula, der trotz seines Alters und der wirtschaftlichen Unzufriedenheit als vertraute nationale Figur auftritt; dort Flávio Bolsonaro, der versucht, das Erbe seines Vaters anschlussfähiger zu verpacken. Entscheidend könnte sein, ob die Unzufriedenheit über Preise und Lebenshaltungskosten schwerer wiegt als die Sorge vor einer Rückkehr des Bolsonarismus.

Justiz im Kreuzfeuer – Erinnerung an den Sturm auf Brasília

Ein zentrales Thema im Wahlkampf ist ein Streit um die Justiz, die auf den 8. Januar 2023 zurückgeht. Nach der Wahlniederlage Jair Bolsonaros stürmten dessen Anhänger Regierungsgebäude in Brasília. Die Aufarbeitung des Angriffs durch die brasilianische Justiz und die Verhaftung Jair Bolsonaros sind für Hedrich ein Gegenbild zu den Erfahrungen in den USA: „Brasilianer sind stolz darauf, wie die Justiz diesen Vorfall aufgearbeitet hat. Vor allem im Vergleich zu den USA.“ Der Oberste Gerichtshof sei damals sogar als „Held“ bezeichnet worden. Hedrich sieht darin ein Zeichen für die Stärke der Institutionen einer noch jungen Demokratie.

Bolsonaro-Anhänger wittern hingegen eine politische Verschwörung. Im Zentrum ihrer Kritik steht Richter Alexandre de Moraes, der den Prozess gegen Bolsonaro führte und aktuell selbst unter Korruptionsverdacht steht. Hedrich betont, de Moraes sei eine Einzelperson, doch brasilianische Rechte und Konservative gingen inzwischen grundsätzlich auf Antikurs zur Justiz. Auch Couto hält die Rolle des Obersten Gerichtshofs für zentral – als Bremse gegen autoritäre Angriffe und gegen Mehrheiten, die institutionelle Grenzen überschreiten wollen. Zugleich hält er das Gericht für mitverantwortlich für seinen Legitimationsverlust: durch das Auftreten einzelner Richter und politische Äußerungen außerhalb von Verfahren.

Anhänger Flávio Bolsonaros präsentieren ein Abbild von US-Präsident Donald Trump

Anhänger Flávio Bolsonaros präsentieren ein Abbild von US-Präsident Donald Trump – in der Hand ein Puppe, die Lula da Silva als Gefangenen darstellt. © Andre Penner/picture alliance/dpa/AP

Diese Spannung wird im Wahlkampfdiskurs zur Sollbruchstelle. Auf der libertären Konferenz „Vientos de Cambio“ in Buenos Aires am 1. September bezeichnete der brasilianische Liberale Ricardo Gomes den Obersten Gerichtshof als Akteur, der sich in den politischen Prozess eingemischt habe. Er sprach von „politischen Gefangenen“ und forderte eine Justizreform, die die Macht des Gerichts und seiner Richter beschneidet. Die Anhänger Bolsonaros nennen die Verurteilten des Angriffs „Opfer des 8. Januars“ – eine Deutung, die die Verantwortungsfrage umkehrt.

Couto warnt, Flávio Bolsonaro habe bereits erklärt, in einer zweiten Amtszeit die Zusammensetzung des Obersten Gerichtshofs verändern, Amtsenthebungsverfahren gegen Richter vorantreiben und Entscheidungen des Gerichts durch präsidentielle Begnadigungen aushebeln zu wollen. Das könne, so Couto, ein „sehr gravierendes Ungleichgewicht im Verhältnis der Gewalten“ schaffen und jene vor Strafverfolgung schützen, die einen institutionellen Bruch versucht hätten. Zugleich könnte Jair Bolsonaro begnadigt werden – ein Szenario, das die Debatte um den Umgang mit dem Sturm auf Brasília weiter verschärfen würde.

USA mischen bei der Brasilien-Wahl mit – Meta sperrte Lulas Konten

Außenpolitik ist in Brasilien selten das große Wahlkampfthema. Diesmal ist sie es, sagt Hedrich: „Durch Trump und seine Zölle ist das erste Mal Außenpolitik in den brasilianischen Wahlkampf eingeflossen.“ Viele Menschen hätten Angst, dass von außen in den Wahlkampf eingegriffen werde. Die USA seien dabei in der Wahrnehmung vieler Brasilianer die imperialistische Macht – nicht China oder Russland.

Das ist bemerkenswert, weil China Brasiliens größter Handelspartner ist. Laut Hedrich kam China in brasilianischen Medien zuletzt kaum noch vor. Brasilien wolle China aber nicht ersetzen, sondern seine Beziehungen diversifizieren. Zugleich sind die USA für wichtige Exportbranchen relevant: Kaffee und Orangensaft gehörten zu den zentralen brasilianischen Ausfuhren dorthin. Trumps Zölle haben Lula damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch herausgefordert.

Zusätzliche Unruhe löste Meta aus. Das Unternehmen blockierte zeitweise die Möglichkeit Lulas, über eigene Social-Media-Konten für die eigene Kampagne zu werben. Nach einer Intervention der Arbeiterpartei PT und der Drohung, die Wahlgerichtsbarkeit einzuschalten, seien Sperren wieder aufgehoben worden. Für Couto wirkt das nicht wie ein Einzelfall: Entscheidungen des Unternehmens hätten wiederholt in dies Richtung gezeigt – etwa bei Inhalten rund um Bolsonaro und bei politischen Gerüchten. „Das sorgt für Befremden“, sagt er und verweist auf die Nähe großer Technologiekonzerne zur Trump-Regierung und den Versuch Washingtons, sich in Wahlen Lateinamerikas einzumischen, wie es etwa im Nachbarland Argentinien bei den Parlamentswahlen im Oktober passiert ist.

Bei der libertären Konferenz in Buenos Aires brachte Präsident Javier Milei die Botschaft des Lagers auf den Punkt: „Es geht nicht nur darum, Wahlen zu gewinnen. Es ist ein Kulturkampf!“ Ricardo Gomes beschrieb den Freiheitsdiskurs als „Leuchtturm“ und sagte: „In Argentinien wurde die Linke mit der Freiheit besiegt.“ Für Couto liegt genau darin die regionale Tragweite: Ein Sieg Flávio Bolsonaros würde, so seine Einschätzung, ähnliche Kräfte in anderen Ländern ermutigen und Brasilien enger an Washingtons rechte Agenda binden.

Lula dagegen geht mit der Erfahrung ins Rennen, eine Wahl bereits gewonnen, Trumps Zollpolitik überstanden und sich als überparteiliche Vaterfigur behauptet zu haben. Aber die Preise sind spürbar, die Gesellschaft bleibt tief gespalten, und die Justiz ist zugleich Schutzwall und Streitobjekt. Das Duell verspricht deshalb nicht nur eine Entscheidung darüber, wer Brasilien regiert. Es wird auch zeigen, wie belastbar die Institutionen sind, wenn ein Teil des Landes sie nicht mehr als neutrale Schiedsrichter anerkennt. (Aus Buenos Aires berichtet Laura May)