Bildschirm aus, Wutanfall ein: Vier Tipps für leidgeprüfte Eltern


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Bildschirm aus, Wutanfall ein: Vier Tipps für leidgeprüfte Eltern

Warum Kinder so schwer von Tablet, Handy und Fernseher loskommen – und was Eltern laut Forschung dagegen tun können

Nadja Kupsa

Eine Frau nimmt einem weinenden Mädchen auf einem Sofa ein Tablet weg, während ein Junge daneben sitzt und sich die Augen reibt. Thema: Abhängigkeit von digitalen Geräten.
Zwei Folgen Peppa Wutz waren ausgemacht. Dennoch, beim Abschalten folgt dann oft der Schreianfall.

Viele Eltern kennen solche Szenen: Man muss schnell das Abendessen kochen, noch ein wichtiges Telefonat führen oder kurz durchschnaufen, also erlaubt man dem Vierjährigen eine Folge der Kinderserie "Paw Patrol" oder "Bluey".

Fünfzehn Minuten Stille, herrlich. Aber dann, wenn die Folge der Kinderserie endet und es Zeit ist abzuschalten, passiert oft das: Diskussionen, Tränen, Wut.

Das nervt. Schließlich hatte man ja vereinbart, dass es nur die eine Folge ist. Viele Eltern reagieren dann ebenfalls genervt oder wütend, und der Bildschirm, der eigentlich kurz entlasten sollte, bringt am Ende genau das Gegenteil.

Doch warum ist für Kinder so schwer, den Bildschirm auszuschalten? Und: Geht das nicht anders?

Helle Farben, schnelle Bildwechsel

Die Antwort ist simpel: Es soll schwierig sein, abzuschalten. Digitale Inhalte konkurrieren um die knappste Ressource überhaupt: Aufmerksamkeit. Deshalb sind sie so gestaltet, dass Nutzer oder Zuseherinnen möglichst lange dran bleiben. Das ist längst kein Geheimnis mehr.

Was viele Eltern und Bezugspersonen nicht wissen: Selbst Videos für Kleinkinder werden so gestaltet, dass sie ständig für kleine Belohnungen im Gehirn sorgen: helle Farben, schnelle Bildwechsel, überraschende Reize. Es soll ständig etwas Neues passieren.

Algorithmen lernen außerdem erstaunlich schnell, welche Inhalte gefallen könnten und welches Video als Nächstes die größte Chance hat, noch ein paar Minuten Aufmerksamkeit herauszuholen.

Erwachsene werden auch Opfer dieser Mechanismus: Eigentlich wollte man nur kurz etwas nachschauen oder ein einziges Video ansehen – und plötzlich ist eine Stunde vergangen. Man kann sich vorstellen, dass dieser Sog auf Kinder noch stärker wirkt.

Kinder haben weniger Selbstkontrolle

Auch die Forschung beschäftigt sich damit, warum das Abschalten Kindern besonders schwerfällt. Der Entwicklungs- und Bildungsforscher Steven Howard von der britischen Universität Oxford hat die wissenschaftliche Evidenz dazu jüngst für die Wissenschaftsplattform The Conversation zusammengefasst. Seine Analyse zeigt: Viele Konflikte rund um die Bildschirmzeit haben nichts damit zu tun, dass die Kinder schlecht erzogen sind. Vielmehr sind sie Folge der Gestaltung digitaler Angebote. "Für Kinder ist es besonders schwer, sich von einem Bildschirm zu lösen, weil digitale Inhalte darauf ausgelegt sind, fesselnd zu sein", erklärt Howard.

Hinzu kommt, dass Selbstkontrolle nicht angeboren ist. Die Fähigkeit, mit etwas aufzuhören, obwohl es Spaß macht, entwickelt sich über viele Jahre hinweg. Erwachsene kämpfen oft schon damit, das Handy wegzulegen oder die nächste Folge einer Serie nicht mehr anzuklicken. Von einem achtjährigen Kind zu erwarten, dass es eine spannende Spielrunde ohne Widerstand beendet, ist deshalb ein hoher Anspruch.

Besonders kritisch sehen Forschende sogenannte "persuasive Design"-Elemente. Das sind Funktionen, die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange bei der Stange halten sollen. Howard beschreibt sie als Mechanismen, die Kinder "zu Entscheidungen bewegen, die sie andernfalls möglicherweise nicht getroffen hätten und die nicht unbedingt in ihrem Interesse liegen".

Das können Figuren aus beliebten Serien sein, die direkt zum nächsten Video locken, tägliche Belohnungen für regelmäßiges Einloggen oder die Aussicht auf den nächsten Erfolg nur wenige Minuten entfernt. Kein Wunder also, dass das Ende der Bildschirmzeit manchmal ähnlich emotional verläuft wie das Verlassen eines besonders guten Spielplatzes oder das Ende eines Kindergeburtstags.

In der Forschung gibt es dafür mittlerweile sogar einen eigenen Begriff: "Techno-Tantrums" – digitale Wutanfälle nach dem Ausschalten von Handy, Tablet oder Spielkonsole.

Nicht jede Bildschirmzeit ist problematisch

Die gute Nachricht: Eltern sind diesen Mechanismen nicht hilflos ausgeliefert. Howard verweist auf mehrere Strategien, die laut Forschung Konflikte rund um Bildschirmzeit deutlich entschärfen können.

1. Nicht jede Bildschirmzeit ist gleich

Zwischen einer Folge "Helmi" auf ORF Kids und einer Stunde YouTube mit Autoplay liegen in der Nutzung Welten. Während klassische Kindersendungen ein Ende haben, ist der nächste Clip auf vielen Plattformen oft nur einen Wisch entfernt.

Howard empfiehlt deshalb, wenn möglich, langsamere und interaktivere Inhalte zu bevorzugen. Bildungsangebote oder Anwendungen, bei denen Kinder aktiv mitmachen, führen oft zu weniger Konflikten als Formate, die permanent um Aufmerksamkeit kämpfen.

Entscheidend ist also nicht nur die Frage, wie lange Kinder vor Bildschirmen sitzen, sondern auch, womit sie diese Zeit verbringen.

2. Gemeinsam schauen, statt alleine konsumieren

Viele Eltern kennen das schlechte Gewissen nach einer halben Stunde vor dem Fernseher oder dem Tablet. Eine Lösung kann gemeinsamer Medienkonsum sein, wie sich in der Forschung zeigt. Wenn Eltern mitschauen, mitspielen oder über Inhalte sprechen, verändert sich die Nutzung deutlich. Bildschirmzeit wird zu einer gemeinsamen Aktivität statt zu einer Beschäftigung, die Kinder alleine erleben.

Howard verweist darauf, dass mögliche negative Effekte hoher Bildschirmzeiten deutlich geringer ausfallen können, wenn Erwachsene aktiv eingebunden sind. In der Forschung spricht man von "Co-Viewing" oder "Co-Playing".

3. Bildschirme nicht als Beruhigungsmittel einsetzen

Viele Eltern geben Kindern ein Handy in die Hand, um Wartezeiten zu überbrücken: beim Arzt, im Restaurant oder auf einer längeren Autofahrt. Das funktioniert kurzfristig erstaunlich gut. Ein quengelndes Kind lässt sich so schnell beruhigen, und die Erwachsenen können kurz durchatmen.

Genau das könnte langfristig aber problematisch sein, schreibt Howard. Wenn Bildschirme regelmäßig eingesetzt werden, um Langeweile, Frust oder Ungeduld zu vermeiden, lernen Kinder nicht den Umgang mit eben solchen Gefühlen.

Langeweile gehört zur Kindheit dazu, betont Howard, genauso wie Warten oder manchmal auch schlechte Laune. Kinder müssen diese tatsächlich erleben, um zu lernen, wie man sie bewältigt.

Zwei junge Mädchen sitzen vor einem Fenster mit halb geschlossenen Jalousien und konzentrieren sich auf ihre Smartphones.
Ein Anblick, vor dem es vielen Eltern graut: Kinder, die in den Ferien nur aufs Smartphone glotzen. Was hilft: Regeln!

4. Das Ende planbar machen

Der vielleicht wichtigste Punkt ist gleichzeitig der einfachste: Kinder akzeptieren Grenzen leichter, wenn sie vorhersehbar sind. Wenn klar ist, wann die Bildschirmzeit beginnt, wie lange sie dauert und was danach passiert, sinkt die Wahrscheinlichkeit für Streit deutlich.

Hilfreich kann eine Erinnerung fünf Minuten vor dem Ende sein. Ebenso eine sichtbare Zeitbegrenzung oder eine feste Routine danach: Abendessen, Vorlesen, Fußballtraining oder noch eine Runde Karten spielen.

Und kleine Entscheidungen können helfen. Wer selbst auf den Ausschaltknopf drücken darf oder mitentscheiden kann, was nach dem Tablet kommt, akzeptiert das Ende oft leichter. (Nadja Kupsa, 15.7.2026)

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