Bildung: Viele Schulabbrecher, aber Spitze in zwei Kategorien – was der Bildungsmonitor übers Saarland verrät
Bildung Viele Schulabbrecher, aber Spitze in zwei Kategorien – was der Bildungsmonitor übers Saarland verrät
Köln/Saarbrücken · Das kleinste Flächenland legt im Vergleich mit den anderen Bundesländern beim Bildungsmonitor zu. Verbesserungsbedarf gibt es dennoch. Den hat allerdings auch die Bildungsstudie selbst aufgrund ihrer unscharfen Kriterien.
14.09.2026 , 19:02 Uhr
Im Vorjahr noch auf Platz sieben, jetzt auf Platz fünf: Das Saarland ist im diesjährigen „Bildungsmonitor“ der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) auf Platz fünf gelandet.
Foto: dpa/Patrick Pleul
Dass die saarländischen Lehrerverbände die Ergebnisse des jüngsten, am Montag veröffentlichten „INSM-Bildungsmonitors 2026“ gar nicht erst kommentieren, hat Gründe. Er wird seit 2013 alljährlich vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), einem Lobbyverband des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, erstellt. Dem INSM-Bildungsmonitor eilt der Ruf voraus, aufgrund unscharfer Parameter und einer allzu statistischen Herangehensweise kaum nachvollziehbare, unscharfe Ergebnisse zu liefern. Weshalb die Lehrerverbände die Vergleichbarkeit der Ergebnisse in der Vergangenheit wiederholt anzweifelten.
Wo das Saarland einen Spitzenplatz einnimmt
Weil das Saarland im neuen „INSM-Bildungsmonitor 2026“ unterm Strich gut abschneidet, verzichtet das Ministerium für Bildung und Kultur (MBK) hingegen naheliegenderweise nicht auf eine Kommentierung der INSM-Befunde. Zum einen belegt man in der Gesamtauswertung hinter Sachsen, Bayern, Hamburg und Baden-Württemberg den fünften Platz unter den 16 Bundesländern (und hat sich damit gegenüber dem Vorjahr um zwei Plätze verbessert).
Zum anderen landet das Saarland in zwei der 13 zugrundegelegten Handlungsfelder auf dem Spitzenplatz. Bei „Ausgabenpriorisierung“ (Anteil der Bildungsausgaben am „Gesamtbudget“) und „Digitalisierung“ (Digitalisierungsgrad und Ausbildungs- und Forschungsleistung im Bereich Digitalisierung) liegt das SPD-geführte Saarland demnach bundesweit vorne.
Wieso die Aussagekraft des Bildungsmonitors gering ist
Dass diese (wie auch andere) Ergebnisse des Bildungsmonitors mit äußerster Vorsicht zu betrachten sind, zeigt etwa das Handlungsfeld Digitalisierung. Setzt sich das hiesige Spitzenergebnis doch aus ganz unterschiedlichen Befunden zusammen: Berücksichtigt wird nicht nur die Anzahl der betrieblichen Ausbildungsverträge im IT-Bereich bzw. der IT-Hochschulabsolventen, sondern auch der Umfang des schulischen Informatikunterrichts oder die WLAN-Ausstattung der Schulen.
Gleiches gilt für die Bildungsausgaben: Anstatt hier nach Schulen und Hochschulen zu trennen, würfelt man sie zu einem einzigen Kriterien-Mischmasch zusammen: Erfasst werden neben den Bildungsausgaben im Grundschulbereich – dort sind die Saar-Ausgaben mit 9200 Euro pro Schüler tatsächlich höher als im Bundesschnitt (9000 Euro) – und denen an den allgemeinbildenden bzw. den beruflichen Schulen auch die Hochschulausgaben. Das Ganze krankt mithin an der fehlenden Trennschärfe.
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Traditionell basiert der INSM-Bildungsmonitor sehr stark auf rein bildungsökonomischen Faktoren. Im Handlungsfeld „Forschungsorientierung“ wird die Platzierung eines Bundeslandes etwa an so unterschiedlichen Dingen wie der Habilitations- und Promotionsquote, dem Hochschuletat pro Forscher und den eingeworbenen Drittmitteln pro Forscher vorgenommen. Dass das Saarland dabei laut den IW-Berechnungen deutschlandweit Platz zwei einnehmen soll, ist – gelinde gesagt – erstaunlich.
Einige aufschlussreiche Teilergebnisse gibt es dann doch
Es sind daher eher einzelne Teilergebnisse, die eine gewisse Aussagekraft haben. Sei es, dass das Saarland, gemessen an seiner akademischen Wohnbevölkerung, bemerkenswert viele Akademiker ausbildet (6,5 Prozent gegenüber 4,3 im Bundesschnitt). Oder deutschlandweit – gemessen an der Bevölkerungsgröße – nirgendwo mehr duale Studien aufgenommen werden.
„Wir reden nicht nur über Chancengerechtigkeit, wir handeln danach“, kommentiert Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) die überwiegend positiven saarländischen Resultate der Erhebung. Es gibt allerdings auch Schattenseiten. Die im Handlungsfeld „Inputeffizienz“ untersuchte Betreuungsrelation etwa ist – festgemacht an der sogenannten „Investitionsquote“ – an den allgemeinbildenden saarländischen Schulen (Grund-, Förder- und Gesamtschulen plus Gymnasien) unterdurchschnittlich (Saarland: 9,1 Prozent; Bundesschnitt: 10,6 Prozent).
Überdurchschnittlich hohe Schulabbrecherquote
Auch verlässt hier gut jeder vierte Zuwanderer die Schule ohne Abschluss (Saarland: 26,3 Prozent; Bundesschnitt: 20 Prozent). Bemerkenswert ist auch, dass das Saarland generell mehr Schulabbrecher aufweist als ansonsten in Deutschland üblich (Saarland: 9,1 Prozent, Bundesschnitt: 7,8 Prozent). Nahezu Schlusslicht ist das Saarland ferner im Ländervergleich, was die Absolventenquote an Berufsfachschulen, Fach- und Fachoberschulen betrifft (Saarland: 77,1 Prozent, Bundesschnitt: 80,4).
Aufs Ganze gesehen zieht das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft aus seiner Erhebung folgende Schlüsse: 1) Rund ein Fünftel der Bevölkerung verfügt über keinen berufsqualifizierenden Abschluss. Und wer keinen Schulabschluss hat, ist laut IW „fast sechsmal häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Personen mit beruflicher Ausbildung“. 2) Bildungserfolg und sozioökonomische Herkunft korrelieren sehr stark.
Welche Schlüsse aus den INSM-Befunden zu ziehen sind
Daher fordert Axel Pluennecke, einer der Hauptautoren des INSM-Bildungsmonitors und zugleich Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHfPG) in Saarbrücken, denn auch „flächendeckende, verpflichtende Sprachstandserhebungen vor dem Grundschuleintritt“ sowie eine „Stärkung datengestützter Unterrichtsentwicklung“ mittels Vergleichsarbeiten in mindestens zwei Jahrgängen pro Schulform, um Lernzuwächse wie auch -defizite endlich besser messen zu können.
Derweil betont der SPD-Fraktionsvorsitzende im saarländischen Landtag, Ulrich Commerçon, Ziel bleibe es, „den Bildungserfolg stärker von der sozialen Herkunft zu lösen. Allen Kindern alle Chancen, das ist unser Anspruch.“ Commerçon wie auch Ministerin Streichert-Clivot verweisen darauf, dass die Bildungsausgaben im Saarland stark ausgeweitet wurden. „2012 lagen die Bildungsausgaben des Landes noch bei rund 608 Millionen Euro. 2026 sind es rund 1,6 Milliarden Euro“, rechnet der SPD-Fraktionsvorsitzende noch einmal vor. (sas)