Blockade statt Bildungsbürgertum: Jugend im Aufstand


Schüler stehen um ein Feuer herum

Schülerproteste in Frankreich

(Bild: frzubtsov/Shutterstock.com)

Von Paris bis Brüssel gehen Schüler auf die Straße. Ihr Protest hat verschiedene Dimensionen – und ähnliche Gründe. Kommt die Bewegung auch nach Berlin?

Paris und Brüssel erleben zunehmend Schüler-Mobilisierungen. Diese stellen mittlerweile eine Gretchenfrage unserer Zeit: Welche politischen Prioritäten werden die Zukunft bestimmen?

Anlässe, Träger und Forderungen mögen sich unterscheiden, gemein ist jedoch, dass Jugendliche gegen konkrete Missstände aufbegehren und dabei weitreichende Verteilungsfragen aufwerfen.

Besonders in Frankreich erinnert die Mobilisierung an den Streikgeist des Mai 1968. Der Vergleich bemüht zunächst die Dynamik, nicht historische Gleichwertigkeit: Droht ein Überschwappen gen Berlin – vergleichbar mit der 68er-Dynamik?

Von Paris nach Berlin

Am Montag wurde deutscher Boden erreicht, auch das Berliner Deutsch-Französische Gymnasium war Streikzone geworden. Mehr als 200 Schüler sollen die Eingänge blockiert haben. Mit Mülltonnen und Unrat machten die Jugendlichen, der vergleichsweise elitären Einrichtung, an welcher sowohl das Abitur als auch das Baccalauréat erworben werden kann, den Streik nahe der Kurfürstenstraße sichtbar.

In sozialen Medien kursierten Aufnahmen mutmaßlich gewaltsamer Festnahmen. Das Neue Deutschland zitierte einen beteiligten Schüler mit der Forderung nach "mehr Geld im öffentlichen Dienst".

Der singuläre Protest belegt bisweilen noch keine Ausweitung der französischen Bewegung auf Deutschland. Ergänzt um Solidaritätsbekundungen aus dem Umfeld der deutschen Schulstreikbewegung gegen die Wehrpflicht, dem Kampf des Berliner Wald-Gymnasiums wie den aktuellen Sozial- und Friedensprotesten, verweisen all jene jedoch auf mögliche Berührungspunkte unterschiedlicher Mobilisierungen über nationale Grenzen hinweg.

In Frankreich begann der Protestzyklus vor vier Wochen mit Blockaden am Lycée Saint-Exupéry in Créteil. Auslöser waren primär fehlende Lehrkräfte, überfüllte Klassen und bauliche Mängel. Wie eine Analyse von Le Monde beschreibt, stand damit jedoch nicht eine einzelne Gesetzesverschärfung, sondern der generelle Schulalltag im Zentrum.

Als sich die Blockaden von rund 60 Schulen im Großraum Paris auf hunderte Einrichtungen landesweit ausweiteten, wurde deutlich, dass der Personalmangel nur unmittelbarer Auslöser blieb. Soziale Medien beschleunigten, ähnlich wie bei den Generation Z Protesten, die Vernetzung erheblich; staatliche Gegenmaßnahmen, so wurde einem Schüler aus Lens die Hand durch eine Polizeigranate gesprengt, verstärkten emotional.

Lokal, national, international?

In der vergangenen Woche beteiligten sich besorgt-schützende Eltern und die starken französischen Gewerkschaften an den Protesten. Die Auseinandersetzung verlagerte sich inhaltlich, ohne die Auslösethemen fallen zu lassen, auf allgemein-politische Fragen wie die Finanzierung öffentlicher Aufgaben.

Am Freitag kündigte die Regierung ein erstes Zugeständnis an: 3.000 qualifizierte Lehrkräfte sollen an besonders betroffene Schulen entsandt werden. Ob das zur Eindämmung genügt, ist fraglich – dennoch ein großer Erfolg.

Derartige Zugeständnisse konnten den Übertrag kaum bremsen: Auch im frankophonen Belgien demonstrierten zuletzt bis zu 30.000 Menschen gegen Sparpolitik. Ein gewerkschaftlicher Streik, der durch die politische Klasse vom vermeintlich randalierenden Teil der Bewegung in der medialen Darstellung künstlich getrennt wurde, legte Teile des öffentlichen Sektors lahm.

Schulproteste im geopolitischen Minenfeld

Ohne direkten inhaltlichen Zusammenhang zu Westeuropa regen sich auch Schulproteste in Aserbaidschan: Im Allijew-Land haben neue Kleidungsvorschriften Proteste und Schulboykotte ausgelöst. Weil die Regeln den Hijab faktisch ausschließen, wurden Schülerinnen und Lehrkräfte Berichten zufolge unter Druck gesetzt; mindestens 37 Menschen sollen festgenommen worden sein.

Während die Regierung auf den säkularen Staat pocht, werden die Proteste in staatsnahen Medien mit angeblichen iranischen Einflussversuchen verknüpft – ohne belastbare Belege für eine Steuerung durch Teheran.So droht ein Streit um Religionsfreiheit zur Sicherheitsfrage umgedeutet und staatliche Repression legitimiert zu werden.

Möglicherweise droht die dortige Protestwelle unter den Druckwellen eines aserbaidschanisch-iranisch Kriegsszenarios, zuletzt durch eine Drohnen-Krise verschärft, pulverisiert zu werden.

Verteilungsfragen

Dort Geopolitik, hier soziale Fragen, er rumort – doch zurück nach Paris: Insbesondere die französische Protestbewegung ist Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung um öffentliche Ausgaben. Denn: Öffentliche Sekundarschulen betreuen rund 250.000 Schüler mehr als 2008, verfügen aber über weniger Lehrkräfte als damals. Mehr als 70 Prozent der Klassen im öffentlichen allgemeinbildenden und technischen Sekundarbereich haben über 30 Schüler. Gleichzeitig plant die Regierung Einsparungen von 54 Milliarden Euro.

Seit Emmanuel Macron 2017 Präsident wurde, wurden die Vermögensteuer auf Finanzvermögen abgeschafft, die Körperschaftsteuer gesenkt und Kapitalerträge steuerlich begünstigt – der Staat neoliberal ruiniert. Laut Oxfam Frankreich hat sich das Vermögen französischer Milliardäre seitdem verdoppelt. Anfang 2026 besaßen 53 Milliardäre demnach zusammen mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung.

Zugleich schütteten die Unternehmen des Leitindex CAC 40 2025 einen Rekordbetrag von 107,5 Milliarden Euro über Dividenden und Aktienrückkäufe aus. Diese Zahlen belegen nicht, dass einzelne Steuerentscheidungen die Schulkrise verursacht haben, jedoch dass abschöpfbares Geld vorhanden ist. Sie verdeutlichen ferner den europaweit-belegbaren Gegensatz zwischen privaten Vermögenszuwächsen und dem Finanzierungsdruck auf öffentliche Einrichtungen.

Jener Zielkonflikt macht auch vor Berlin nicht Halt: So will die Bundesregierung den Verteidigungshaushalt 2027 auf 109,7 Milliarden Euro erhöhen – während Deutschlands Superreiche reicher werden. Gleichzeitig stehen Sozialleistungen unter Konsolidierungsdruck. Die geplanten Investitionen aus dem Infrastruktur-Sondervermögen in Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur sollen von 1,2 Milliarden Euro 2026 auf 600 Millionen Euro 2030 sinken.

Vom Schulstreik zum sozialen Protest?

Ob daraus eine vergleichbare Protestbewegung wie in Frankreich entsteht, bleibt offen. Die französischen und belgischen Proteste sind besonders dort anschlussfähig, wo Schüler Verbindungen zu Gewerkschaften, Beschäftigten und öffentlichen Diensten herstellen. Wenn Eisenbahner, Feuerwehrleute und Jugendliche gemeinsam auftreten, können aus einzelnen Bildungskonflikten breitere Auseinandersetzungen über die Finanzierung des Gemeinwesens bis zu Friedenskämpfen entstehen.

Und ob daraus eine dauerhafte Streikbewegung wird, hängt davon ab, ob solche Bündnisse bestehen bleiben und Proteste aus Schulen, Betrieben und öffentlichem Dienst koordiniert werden können. Erst dann dürfte es Regierungen schwerer fallen, einzelne Gruppen mit begrenzten Zugeständnissen zu befrieden – siehe 3000 Lehrerstellen.

Deutschland ist nicht grundsätzlich immun, alle sozialen Parameter deuten gen Wutausbruch. Doch auch historische Erfahrungen prägen die unterschiedlichen Kulturen: Die Revolution von 1789 gehört zum politischen Erinnerungsrepertoire Frankreichs. In Deutschland stehen dem primär, gescheiterte Revolutionen (1848, 1918) gegenüber. Solche Prägungen erklären politische Kulturen nicht allein, können aber kollektiven Widerstand beeinflussen.

Ein europaweiter Protestzyklus ist bislang nicht zu beobachten, ein Übertrag auf Berlin noch Zukunftsmusik. Doch die Entwicklungen zeigen, wie rasant sich lokale Missstände mit Verteilungsfragen zu Grundsatzdebatten verbinden können. Der Herbst könnte – trotz Kälteeinbruch – für Merz und Macron heiß werden.