Tout de France: Pogacar vor Tour-Sieg – Carapaz gewinnt Königsetappe


Tadej Pogačar steht so gut wie sicher vor seinem fünften Sieg bei der Tour de France. Nach seinem vierten Platz auf der 20. und vorletzten Etappe muss der Slowene am Sonntag nur noch das Finale in Paris heil überstehen. Nur ein Sturz könnte ihn auf dem verkürzten Teilstück von 133 auf 89 Kilometer noch stoppen. Grund für die Verkürzung sind Waldbrände, die Polizei und Feuerwehren vor wichtigere Aufgaben stellen, als Dienst bei einem Radrennen zu leisten.

Pogačar wird mit großem Vorsprung triumphieren – aktuell sind es 6:26 Minuten. Mit 27 Jahren steigt er damit in den Kreis der Radsport-Legenden auf: Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain. Nur sie gewannen die Tour bisher fünfmal. Holt Pogačar im nächsten Jahr wieder den Sieg, wäre er mit sechs Erfolgen alleiniger König der Tour de France. Das Podium in Paris dürften am Sonntag Remco Evenepoel (Red Bull-Bora-hansgrohe) und Isaac del Toro, Pogačars Helfer vom Team UAE, komplettieren. Frankreichs Hoffnung, der erst 19-jährige Paul Seixas, beendet seine Premiere wohl auf einem beeindruckenden vierten Platz.

Etappensieger Richard Carapaz
Etappensieger Richard CarapazReuters

Am Freitag fügte Pogačar seiner großen Sammlung einen Sieg in Alpe d’Huez über den klassischen Aufstieg von Bourg-d’Oisans aus hinzu. Tags darauf begnügte er sich auf der Königsetappe mit 5600 Höhenmetern und einer finalen Auffahrt über den Col du Sarenne mit Platz vier und leistete Helferdienste für seinen Teamkollegen del Toro. Schon 60 Kilometer vor dem Ziel, im Anstieg zum 2600 Meter hohen Galibier, musste er als Helfer einspringen. Del Toro hatte Probleme und heftete sich – wie die anderen Podiumsanwärter Evenepoel und Seixas – an das Hinterrad des Patrons.

Pogačars legendäre Aufholjagd

Am Gipfel des Galibier hatte die Gruppe einen Rückstand von 4:40 Minuten auf die Spitze, wo der Amerikaner Sepp Kuss und der Kolumbianer Richard Carapaz das Tempo bestimmten. Am Einstieg zum 12,8 Kilometer langen Anstieg zum Col du Sarenne hatte Pogačar den Rückstand schon auf drei Minuten verkürzt. Die Auffahrt war für Zuschauer gesperrt. Zu eng, zu gefährlich. Wie gefährlich, zeigte sich auf der Abfahrt: Kuss prallte in Führung liegend gegen eine Begrenzungsmauer, musste damit Carapaz den Sieg überlassen und hatte großes Glück, nicht in einen Abhang zu stürzen. Er konnte weiterfahren und rettete sich auf Platz drei. Pogačar ließ Evenepoel noch den Vortritt, blieb bis zum Schluss bei del Toro und fuhr schließlich Hand in Hand mit ihm über die Ziellinie.

Am Freitag hatte Pogačar Geschichte geschrieben. Mit einem Rückstand von 3:20 Minuten auf die Spitzengruppe ging er in Bourg-d’Oisans in den 13,7 Kilometer langen Schlussanstieg mit seinen legendären 21 Kehren. Vor ihm quälten sich Lenny Martinez, Carapaz und Kuss die Steigung hinauf. Carapaz attackierte immer wieder mit explosiven Sprints, um seine Rivalen abzuschütteln und Pogačar auf Distanz zu halten.

Doch der Mann in Gelb flog wie am Seil gezogen den Berg hinauf und sammelte einen Fahrer nach dem anderen ein. Nach vier Kilometern ließ er seinen entkräfteten Helfer Adam Yates zurück. Als er Martinez einholte, klemmte sich der Franzose an sein Hinterrad und schloss im Schlepptau des Slowenen anderthalb Kilometer vor dem Ziel zu Carapaz auf.Die letzten 500 Meter gehörten Pogačar. Mit einem explosiven Antritt distanzierte er seine Verfolger. Martinez wurde Zweiter, Carapaz Dritter. Der Kolumbianer zahlte für seine offensive Fahrweise.

Pogačar hat an diesem Freitag einmal mehr seine Ausnahmestellung bewiesen. In 35:26 Minuten unterbot er Marco Pantanis bisherigen Bestwert aus dem Jahr 1997 um 1:24 Minuten. Seine durchschnittliche Geschwindigkeit: mehr als 23 Kilometer pro Stunde. Damit war er deutlich schneller als Pantani, dem besten Bergfahrer der Hochdopingzeit. Eine Leistung, die mal wieder für Erstaunen sorgt – und für Zweifel. Wie ist das möglich?