Das Ziel ist im Weg: Woher Zufriedenheit wirklich kommt
Der moderne Mensch ist ein Um-zu-Wesen. Er läuft auf dem Laufband, um die Pizza vom Vortag ungeschehen zu machen. Er räumt die Wohnung auf, um Gästen vorzugaukeln, er hätte sein Leben im Griff. Er arbeitet sich ins Burn-out, um sich endlich die Therapie leisten zu können. Er spart, um sich später etwas zu gönnen. Später ist er leider manchmal schon tot, aber die handgetöpferte Urne darf dann richtig teuer sein.
Bei den meisten Menschen springt der innere Motor erst an, wenn ein bestimmter Zweck den Zündschlüssel umdreht. Im Urlaub sucht der von der Optimierung getriebene Mensch dann die Erholung. Vielleicht regeneriert sich unsere Psyche tatsächlich im genauen Gegenteil, in der Zwecklosigkeit, am besten.
Ich könnte diesen Sommer den Felgaufschwung wieder üben und, falls ich ihn beherrsche, dann niemandem zeigen. Ich könnte auf einer Sonnenliege ein Buch über den nahenden Weltuntergang rückwärts lesen und schauen, ob es vielleicht optimistisch endet. Ich könnte versuchen, meine letzte Steuererklärung zu tanzen. Ich könnte ganz alleine auf einem Tandem durch Wien fahren und lautstark meinem unsichtbaren Hintermann etwas über die Ringstraßengebäude erzählen. Ich könnte ins Mittelmeer eine Flaschenpost werfen, in der sich nur ein Zettel mit dem Code für mein Fahrradschloss befindet. Natürlich denken Sie sich jetzt sicher: „Das ist doch alles Unfug!“ Aber liegt nicht manchmal der Sinn des Lebens im Unsinn?
Die Lebensleistung von Radha Kant Bajpai aus Indien beruhte darauf, in seinem Leben seine Ohrenhaare auf eine Länge von 28 Zentimetern wachsen zu lassen. Graham Barker aus Australien wiederum sammelte über viele Jahre hinweg täglich die Fusseln aus seinem Bauchnabel und bewahrte sie in Gläsern auf. Beide Männer beschrieben sich in Interviews als äußerst glückliche Menschen. Zufriedenheit kommt also ganz offensichtlich nicht immer von außen. Manchmal kommt sie auch aus dem Ohr. Und gelegentlich sogar aus dem Bauchnabel.
kurier.at, salz | 25.07.2026, 17:30