Christof Lauer – „Frankfurt ist mit Widersprüchen und Spannungen immer gut umgegangen“
Stand: 23.08.2026, 17:26 Uhr
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Jazz im sakralen Raum: Der Saxofonist Christof Lauer über seine Solo-Konzerte in der Alten Nikolaikirche, die Architektur der Musik und Zeiten ohne Soundcheck.
Christof Lauer spielt seit mehr als sechs Jahren regelmäßig einmal im Monat ein Solo-Konzert in der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg.
Christof Lauer, eine Kirche ist nicht unbedingt ein selbstverständlicher Ort für zeitgenössischen Jazz. Wie kam es zu dieser Wahl?
Es ist vor allem der Raum, der mich seit je fasziniert hat, und vor allem seine Akustik. Der Kirchenraum muss einen Hall haben, der den Klang des Instruments aufnehmen und verstärken kann, der sich aber in der Wahrnehmung nicht in den Vordergrund schiebt.
Der Kirchenraum darf also eine bestimmte Größe weder unter- noch überschreiten?
Eine Kapelle wäre vermutlich für das, was ich mache, weniger geeignet. Obwohl ich schon einmal in Italien mit einem Trio in einer ziemlich kleinen Kapelle gespielt habe, in die gerade 30 Leute reinpassten. Das hat wunderbar geklungen. Es kommt wohl auf die Bauweise an, auf die Raumhöhe, die Anordnung der Nebenräume. Was die Nikolaikirche anbelangt, habe ich mich erst mit dem Raum anfreunden müssen. Er reagiert nicht immer gleich, und ich spiele ja auch nicht immer das Gleiche. Ich probiere im Konzert auch am Instrument Dinge aus und bekomme aus dem Raum ganz neue Impulse zurück. Manchmal gibt es etwas wie ein Herantasten an etwas Neues, das sich dann schrittweise herausbildet.
Zur Person
Christof Lauer, 1953 im hessischen Melsungen geboren, kam als Sohn eines Pfarrers 1960 nach Frankfurt. Er studierte zunächst Cello an Dr. Hoch’s Konservatorium und wechselte 1971 zum Saxofon. Er spielte in zahlreichen Ensembles und Besetzungen, unter anderem ging er 1993 als Solist zur NDR Bigband. 2018 kehrte er nach Frankfurt zurück.
Seit 2019 gibt er improvisierte Solokonzerte in der Alten Nikolaikirche am Römerberg – in der Regel am zweiten Montag eines Monats. Daraus entstand auch sein kürzlich herausgekommenes Album „Odyssea Sonorum“ (An:Bruch), gewürdigt mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik..
Die spätgotische Alte Nikolaikirche wurde während der Bombardements im Zweiten Weltkrieg zwar beschädigt, aber nicht so stark zerstört wie das Frankfurter Rathaus gegenüber und die umgebende Altstadt. Seit 1949 war die Kirche wieder hergerichtet und nutzbar.
Das nächste Konzert von Christof Lauers Solo-Reihe ist am 14. September, 19 Uhr. Am 4. September spielt er ein Duo-Konzert mit Armin Reuss in St. Ignaz in Mainz. Am 13. Oktober eröffnet Lauer das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt.
Sie überraschen sich auch selbst?
Ja, das trägt mich. Ich gehe Risiken ein.
Die Nikolaikirche liegt mitten im historischen Zentrum der Stadt. Sie kommen meistens einige Zeit vor dem Konzert und gehen in der Innenstadt herum. Nehmen Sie davon Eindrücke in Ihre Konzerte mit?
Ich gehe eher am Main entlang. Die Römerberg-Ostzeile erinnert mich ein bisschen an die Aufbauten einer Spielzeugeisenbahn. Das alte Technische Rathaus hat seinerzeit in der Umgebung noch wie ein beharrlicher Widerspruch gewirkt. Ich trauere dem nicht nach, obwohl es den Platz auf seine Weise geprägt hat. Was mich an Frankfurt schon immer fasziniert hat, ist dieses widersprüchliche Gebilde einer kleinen Großstadt – diese bombastisch aussehende Skyline, die man dann doch fast in einer Stunde umwandern kann. Frankfurt war immer eine Stadt, die mit Widersprüchen und Spannungen gut umgegangen ist, und sie hat sich dabei immer weiterentwickelt. Ich kann aber nicht sagen, dass meine Konzerte von dieser Umgebung inspiriert sind. Von dem Kirchenraum dagegen schon.
Die Nikolaikirche steht mitten in diesem widersprüchlichen Gebilde und ist von alledem fast unberührt.
Als ich mit Klaus Söhnel von der Jazzinitative diese Konzertreihe ins Leben gerufen habe, habe ich von Anfang an gesagt, dass wir einen zentralen Innenstadt-Ort finden sollten. Die Katharinenkirche wäre noch infrage gekommen, aber die ist größer und hat eine ganz andere Akustik. Liebfrauen hat einen Raum, in den wir einmal ausgewichen sind, aber der funktioniert anders, und die Leonhardskirche war auch keine Option. Als die Paulsgemeinde, also die Nikolaikirche, zugesagt hatte, haben wir nicht weiter gesucht.
Eine Kirche ist als ein Raum gedacht, in dem etwas verkündet wird und in den man kommt, um zuzuhören. Was von dieser Rolle spüren Sie in sich selbst?
Ich will mit meiner Musik eine Geschichte erzählen. Wenn Zuhörer dies als etwas wie eine Botschaft aufnehmen und damit etwas anfangen können, finde ich das schön. Das ist ja der Sinn der Sache, sonst könnte ich einfach in meinem Übungsraum spielen.
Sie bekommen als Musiker von dem Raum und seiner Akustik etwas zurück?
Ja, ich bekomme etwas von dem Raum zurück, da gibt es wirklich ein Geben und Nehmen.
Sie spielen meist Tenorsaxofon, das entspricht in etwa der Stimmlage, die Sie hätten, wenn Sie singen würden. Abgesehen von der Spieltechnik ist der wesentliche Unterschied zwischen Stimme und Instrument vielleicht vor allem die Dynamik und ihre Differenzierung?
Die Differenzierung ist das Entscheidende. Man kann extrem leise spielen, und trotzdem trägt der Raum den Ton. Und man kann fortissimo spielen, wodurch sich eine ganz andere Welt öffnet. Es gibt in der Kirchenraum-Akustik Verzögerungen und einen Nachhall. Das wirkt ein bisschen wie ein Delay, damit kann man spielen. Man kann Tonfolgen oder Tonkaskaden entwickeln, die auf dieser Verzögerung aufbauen. Diese Möglichkeiten nutze ich auch. Der ideale Zustand beim Spielen ist, von allen Zwängen befreit zu sein. Das versuche ich herzustellen und dabei unterstützt mich der Raum.
Sie haben 25 Jahre lang zum Saxofon-Satz der NDR Bigband gehört. Das ist ein ganz anderer musikalischer Kontext als dieses Solo-Projekt. Wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten?
Es gibt vor allem Gemeinsamkeiten zwischen dem Spielen in kleineren Ensembles und in der Bigband. Aber auch im Bigband-Kontext gibt es manchmal Stücke, die jemand einem auf den Leib geschrieben hat. Da kann es passieren, dass man beim Spielen ein Gefühl bekommt, als würde man sich in einer Kathedrale befinden. Das hängt dann damit zusammen, wie das Stück arrangiert ist, wie der Solist eingebettet ist und dieser Kontext das eigene Spiel beeinflusst. Da entsteht etwas wie eine unterstützende Ensemble-Architektur für einen Solisten oder eine Solistin.
Wie Architekturen kann also auch Musik gebaut und konstruiert sein mit genauer Kenntnis des Materials, mit Dimensionen, Umgebungen und Ausblicken, mit Wegen und Bewegungsrichtungen, die sich anbieten und zeigen?
In der Musik wie in der Architektur spielt der Raum eine zentrale Rolle. Der Idealfall für mich wäre ein Raum, in dem man keine Verstärkung braucht, in dem man nicht auf Mikrofone und Monitore und stundenlange Soundchecks angewiesen ist.
Was in modernen Konzerträumen und den meisten zeitgenössischen Konzertsituationen unvermeidlich ist.
Wir alle haben uns daran gewöhnt. Aber noch in den 1960er Jahren haben die Bands von Miles Davis oder John Coltrane auch in größeren Hallen ohne Monitore und weitgehend unverstärkt gespielt. Das Instrumentarium hat sich seither verändert. Elektrische und elektronische Instrumente müssen immer verstärkt werden, und wenn ein Instrument verstärkt wird, dann muss man das mit den anderen auch machen. Wir proben zwar auch ohne diese Technik, aber für die Konzerte gibt es schließlich die Erwartungen des Publikums.
Sie haben immer auch in kleineren Formationen gespielt, deren Bandleader Sie oft waren. Gibt es zwischen solchen Formationen und dem aktuellen Solo-Projekt stärkere Parallelen als zwischen der Bigband und dem Solospiel?
Wenn ich mich frage, warum ich Musik mache, egal ob im Trio, Quartett, solo oder einem anderen Format, komme ich immer zu selben Grund: Ich möchte mich mitteilen. In einer kleineren Band wird man eher aufgefangen oder mitgenommen, es gibt Leute, die einen mittragen – das ist der wesentliche Unterschied zum Solo. Das Zusammenspiel in kleineren Formationen ist anders, man ist von Mitspielern abhängig und umgekehrt. Es ist eine andere Art von Geben und Nehmen.
Was bekommen Sie vom Publikum mit, das während des Konzerts den Raum mit Ihnen teilt?
Ich merke sofort, wenn Konzentration im Raum herrscht oder wenn eine Unruhe entsteht. Oh spornt es mich an und führt mich weiter. Wie eine Solo-Improvisation sich gestaltet, hängt mit sehr vielen verschiedenen Faktoren zusammen: Was habe ich erlebt? Wie fühle ich mich, was für eine Atmosphäre habe ich tagsüber oder während der vorangegangenen Woche eingefangen? Ich schöpfe in der Improvisation aus meinen Erfahrungen und Fähigkeiten und aus der Situation, in der ich spiele. Da kann es durchaus auch eine Auseinandersetzung geben, in die ich mit mir selbst gerate – Momente, in denen ich den Eindruck habe, dass da etwas nach hinten losgeht und ich eine Möglichkeit suchen muss, mich wieder aufzufangen und aufzurichten. Die Musik, die ich in der Kirche spiele, soll immer ein Ausdruck des Zustands sein, in dem ich gerade bin.