Danger Dan fehlt: „Die Anstalt“ rechnet mit dem ZDF ab


Es sollte eine Pressekonferenz zum Jubiläum werden. Doch nach wenigen Sekunden ist klar: In dieser „Anstalt“ gibt es nichts zu feiern. Die AfD habe es geschafft, selbst hier Unfrieden zu stiften, sagt Claus von Wagner. Eigentlich müsse man gemeinsam gegen den Angriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufstehen. „Wir können heute deswegen auch nicht so tun, als wäre das eine normale Sendung.“ Max Uthoff hustet: „War’s nicht.“

Zum 100. Mal sendet „Die Anstalt“. Das Jubiläum ist kein Best-of – gut, ein paar Geburtstagsgrüße von Kolleginnen und Kollegen gibt es –, sondern ein Stück über politische Radikalisierung und die Wehrhaftigkeit der Demokratie. Genauer: ein geschlossenes Anti-AfD-Stück, das zugleich Regierung, Union und Linke nicht schont. Von Wagner kündigt an: „Ich möchte über vielleicht bald brennende Bücher sprechen.“

Claus von Wagner steht bei der Aufzeichnung der Jubiläumssendung von der ZDF-Politsatire «Die Anstalt» 2024 in einem TV-Studio. (zu dpa: «Team der «Anstalt» unterstreicht Kritik an ZDF-Entscheidung»)

Claus von Wagner steht bei der Aufzeichnung.© Sven Hoppe/dpa | Sven Hoppe/dpa

Friedrich Merz trifft Heidi Reichinnek beim Anti-AfD-Dinner

Beim politischen Dinner sitzen sich Friedrich Merz, gespielt von Uthoff, und Heidi Reichinnek, gespielt von Maike Kühl, gegenüber. Eigentlich sollen sie gemeinsam gegen die AfD antreten. Stattdessen erklären sie einander zunächst, warum ausgerechnet das jeweilige Gegenüber dafür völlig ungeeignet sei.

„Wie soll ich denn mit einem Rassisten gegen einen Faschisten kämpfen?“, fragt Reichinnek. Merz antwortet empört: „Toll, keine Minute hier und schon bin ich ein Fascho.“ Reichinnek wirft der Union vor, sich im Europaparlament gemeinsam mit Rechtsextremen abzusprechen und Stück für Stück das Asylrecht abzubauen. Merz hält der Linken den Umgang mit Antisemitismus entgegen.

„Dann entfernen Sie erst einmal Jens Spahn aus Ihren Reihen“

„Entfernen Sie erst einmal Ihre Extremisten aus Ihren Reihen“, fordert Merz. Reichinnek kontert: „Dann entfernen Sie erst einmal Jens Spahn aus Ihren Reihen.“

Es ist die ungewollt beste Pointe des Abends. Wie eine Einblendung zeigt, wurde die Sendung bereits am 15. Juli aufgezeichnet – drei Tage vor Spahns Rücktritt als Vorsitzender der Unionsfraktion. Während das Studiopublikum noch eine politische Spitze beklatscht, klingt sie bei der Ausstrahlung bereits wie eine erstaunlich präzise Vorhersage. Manchmal kann Satire offenbar sogar hellsehen.

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Spahn

Beim Dinner einigen sich Merz und Reichinnek wenigstens auf Musik. Er wünscht sich etwas Klassisches von Igor Levit, sie etwas Politisches von Danger Dan. Auf der Bühne stehen ein Flügel und ein Mikrofon. Doch niemand kommt. Die Stille dauert unangenehm lange. Das Publikum beginnt zu murmeln. Dann treten Kühl, Uthoff und von Wagner auf die Bühne – nicht mehr als Politiker, sondern als die drei Menschen, die diese Sendung verantworten.

Das ZDF hält sieben Minuten Musik für nicht einzuordnen

„Wie Sie hören, hören Sie nichts“, sagt Kühl. Das liege nicht an technischen, sondern an politischen Problemen. Danger Dan und Igor Levit seien vom ZDF zwei Tage vor der Aufzeichnung wieder ausgeladen worden. Der geplante Song „Keine Angst“ könne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden und stehe damit im Widerspruch zu den Programmrichtlinien des Senders.

Dass der Text dem ZDF bereits seit Wochen vorgelegen habe, betont Uthoff ausdrücklich. Von Wagner liest die Erklärung des Senders vor: Der Widerspruch zu den ZDF-Programmrichtlinien lasse sich nach der mehr als siebenminütigen Live-Performance nicht durch die anschließende Diskussion auflösen.

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Igor Levit und Danger Dan

„Wir sind im ZDF gegen das ZDF“ 

Die „Anstalt“ widerspricht ihrem eigenen Sender offen: „Wir sind nicht das ZDF. Wir teilen auch nicht die Einschätzung des ZDF“, stellt Uthoff klar. „Das heißt, wir sind im ZDF gegen das ZDF“, ergänzt Kühl. Das klinge vielleicht nach einem Unentschieden, sagt sie, tatsächlich hätten sie aber verloren. „Wir sind zwar die Leiter der Anstalt, aber nicht die Leiter der Anstalt“, stellt von Wagner klar.

Dann tun die drei genau das, was das ZDF nach eigener Darstellung für nicht ausreichend hielt: Sie setzen sich mit dem Song journalistisch auseinander. Dabei verschweigen sie keineswegs, welche Passagen sie selbst für problematisch halten.

Ruft Danger Dan zum Doxxing auf?

In einer Passage erinnert Danger Dan an sogenannte „Outingaktionen“ gegen Rechtsextreme: Flugblätter und Plakate in deren Wohnvierteln, versehen mit Fotos, Funktionen, Namen und Adressen. Uthoff ordnet ein: „Das könnte Doxxing sein.“ Und das wäre strafbar.

Er dreht die Perspektive um: Wie würde man reagieren, wenn Rechte in einem Lied dazu aufriefen, Linke bei ihren Arbeitgebern anzuzeigen? Von Wagner antwortet: „Das sollen sie ruhig machen, dann weiß das ZDF endlich, wo ich stehe.“

In einer weiteren Strophe heißt es: „Schon am ersten Tag, wenn ihr die Party macht besteht die Möglichkeit, dass es vor der Türe kracht / Also plant immer mit der Konfrontation / Habt Überraschungen dabei, wenn sie komm.“ Uthoff interpretiert das auffällig großzügig als „kreative Vorbereitung einer Notwehrsituation“. Sonst könne man schließlich „jeden Taekwondo-Verein dichtmachen“.

Lina, Gucci, Maja und Nanuk: Die heikelste Songzeile

Die letzten vier Zeilen hätten sie auch lange diskutiert. Die da lauten: „Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt / Ich lasse ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant / Ist eh klar was zu tun ist, ich sag nichts mehr dazu / Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.“ Vier Personen, die wegen gewaltsamer Angriffe auf Nazis angeklagt oder teilweise bereits verurteilt worden seien.

„Man könnte das schon als Aufruf verstehen“, räumt Kühl ein. Genau diese Ambivalenz macht den Song brisant, der Gewalt nicht ausdrücklich als Handlungsanweisung gibt, aber eine Nähe zu Menschen aufbaut, denen politisch motivierte Gewalttaten vorgeworfen werden.

Ist „Keine Angst“ ein Aufruf zur Gewalt?

„Die Anstalt“ redet die problematischen Stellen also nicht klein. Sie lotet die Grenze zwischen antifaschistischem Widerstand, Selbstschutz, Selbstjustiz und Gewalt aus. Von Wagner verweist auf Gegenden, in denen ein Klima der Angst herrsche und Menschen sich vom Staat nicht ausreichend vor Rechtsextremen geschützt fühlten.

Was geschehe, wenn der Staat sein Gewaltmonopol nicht durchsetze? „Wer springt da ein?“, fragt Uthoff. Kühl sagt, sie kenne die Antwort nicht. Sie wisse nur, wie wichtig die Debatte sei. „Wir hätten es als öffentlich-rechtliche Pflicht angesehen, das Lied zu präsentieren und danach zu diskutieren“, sagt sie. Von Wagner nennt die Entscheidung des ZDF angesichts der hohen Zahl rechtsextremer Gewalttaten „einfach mutlos“.

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Norbert Himmler

ZDF verschiebt die Danger-Dan-Debatte zu „Aspekte“

Das ZDF verlegte die Auseinandersetzung stattdessen in eine 16-minütige Sonderausgabe von „Aspekte“. Dort diskutierten Juristen, Kabarettisten und Senderverantwortliche über Kunstfreiheit, Gewalt und die Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Was sich nach einem siebenminütigen Auftritt angeblich nicht ausreichend einordnen ließ, beschäftigte anschließend also gleich zwei Sendungen.

Dabei war diese Jubiläumsausgabe auch ohne Danger Dan politisch alles andere als zurückhaltend. Niemand im Ensemble stellt infrage, dass die AfD eine Gefahr für die Demokratie ist. Gestritten wird lediglich darüber, wie die übrigen Parteien darauf reagieren – und ob sie dabei nicht längst selbst demokratische Grundsätze beschädigen.

Hätte Danger Dan diese Sendung wirklich verändert?

Man kann sich deshalb fragen, welchen entscheidenden Unterschied der Auftritt von Danger Dan überhaupt gemacht hätte. Er hätte die Haltung des Abends kaum verändert. Er hätte sie musikalisch zugespitzt und an einigen Stellen provoziert. Doch genau für diese Provokation war die anschließende Debatte vorgesehen.