"Wenn ich Klavier spielen kann, bin ich viel näher an mir selbst"


Interview Danger Dan über "Keine Angst"

“Wenn ich Klavier spielen kann, bin ich viel näher an mir selbst”

Rapper Danger Dan sorgt bei einem Festival für musikalische Höhepunkte. (Quelle: dpa/Wüstneck)
Rapper Danger Dan sorgt bei einem Festival für musikalische Höhepunkte. (Quelle: dpa/Wüstneck)

Icon Kommentar

Von

Anne Kohlick

Danger Dan ist zurück am Klavier und verbindet persönliche Geschichten mit klarer politischer Haltung. Im Interview spricht er über sein neues Album "Keine Angst", die Ausladung aus der ZDF-Sendung "Die Anstalt" im Juli und die anschließende Debatte über Kunstfreiheit.

rbb: Mit Ihrem neuen Klavier-Album "Keine Angst" knüpfen Sie an den Erfolg des letzten Solo-Albums "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" an. Warum haben Sie erneut diese im Vergleich zum Rap ganz andere Form der Musik gewählt?

Danger Dan: Mit zunehmendem Alter fühle ich mich in dieser Rolle des Rappers, der so über die Bühne springt und rumpöbelt, gar nicht mehr so richtig wohl. Wenn ich Klavier spielen kann, bin ich viel näher an mir selbst.

Das muss aber nicht unbedingt nur an der Form liegen, sondern vielleicht auch an den Texten. Es gibt Antilopen-Gang-Texte, die haben wir so mit Mitte zwanzig geschrieben und dann schreien wir da zum Beispiel: Fick die Uni! Jetzt bin ich dreiundvierzig und irgendwie passt das gar nicht mehr so richtig zu mir und meinem Leben.

Zur Person

Danger Dan. (Quelle: Bastian Bochinski)

Danger Dan, bürgerlich Daniel Pongratz, ist Musiker und Mitglied der Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang. In seinen Solo-Projekten verbindet er Klavier und Gesang mit bissigen, politischen Texten. Sein neues Album "Keine Angst" erscheint am 2. Oktober 2026.

rbb: Vor einigen Jahren erhielten Sie die Diagnose Retinitis pigmentosa, eine Augenerkrankung, durch die Ihre Sehkraft zunehmend nachlassen wird. Wie geht es Ihnen damit?

Danger Dan: Wenn man so eine Diagnose erhält, ist man konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Mit ein paar Jahren Abstand, habe ich aber das Gefühl, dass ich da auch Vorteile draus ziehe. Ich weiß, dass ich irgendwann nichts mehr sehen werde und wenn man sich einmal bewusst gemacht hat, hey, das hier hat eine zeitliche Begrenzung, kann das auch ganz viel Mut machen. Ich habe dadurch eine viel größere Risikobereitschaft entwickelt und einen ganz großen Lebenshunger.

rbb: Im Song "Dass es hier so schön ist" thematisieren Sie das sehr eindrücklich. Haben Sie dadurch Nachrichten von anderen Betroffenen erhalten?

Danger Dan: Es gibt in Deutschland nur etwa 30.000 Leute, die diese Erkrankung haben. Ich glaube, die haben das jetzt alle mitbekommen [dass es diesen Song gibt, d.Red]. Ich bekomme unglaublich viele Nachrichten von Betroffenen, Augenärzten und Angehörigen von Betroffenen - ganz viele Leute sind ganz gerührt. Das hatte ich vorher gar nicht so auf dem Schirm, was das für die bedeutet, wenn man so ein Lied veröffentlicht. Ich hatte gar nicht die Idee, ich will irgendjemandem Mut machen oder will, dass sich jemand gesehen fühlt. Eigentlich ging es mir um eine Auseinandersetzung mit mir selbst.

rbb: Ihre Texte sind außerdem weiterhin sehr politisch. Für das Lied "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" von 2021 nutzten Sie damals den Konjunktiv im Text als Ausdrucksmittel. Was ist jetzt anders?

Danger Dan: "Keine Angst" [das Lied des gleichnamigen Albums, d.Red.] ist im Imperativ geschrieben. In der Zwischenzeit zum letzten Album hat sich unglaublich viel verändert und verschärft, sodass es mittlerweile eine Dringlichkeit gibt, zu der der Imperativ viel besser passt als der Konjunktiv.

Es gibt in Deutschland, in Europa, wahrscheinlich in der ganzen Welt, einen Rechtsruck, der einfach nicht zu übersehen ist. Zusätzlich eine Diskursverschiebung von Dingen, die eigentlich mal nicht sagbar waren, mittlerweile aber sagbar sind - sowas wie diese furchtbare Wortschöpfung von Remigration. Das ist etwas, das sich nicht nur auf die AfD oder so militante Neonazi-Strukturen beschränkt. Die CDU redet plötzlich über Abschiebungen, die Grünen, die SPD, das zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Das sind schon Vorzeichen für das, was uns die nächsten Jahrzehnte erwarten wird, wenn wir uns nicht aktiv dagegen verhalten.

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Es gibt in Deutschland, in Europa, wahrscheinlich in der ganzen Welt, einen Rechtsruck, der einfach nicht zu übersehen ist.

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Danger Dan

rbb: "Keine Angst" kann wie eine Anleitung für antifaschistischen Widerstand gelesen werden. Inwiefern werden beim Schreiben solcher Lieder vielleicht auch Grenzen ausgelotet?

Danger Dan: Mir geht es nicht darum, Grenzen auszuloten, die Grenzen sind heutzutage schon lange überschritten. Was ich da erkläre und was ich da erzähle, das ist erst mal nur ein Debattenbeitrag und ich weiß auch nicht, ob alle, die das Lied hören, dann Lust haben, irgendwie antifaschistischen Selbstschutz aufzubauen. Aber vielleicht kann das Lied einen Anlass geben, mal darüber zu reden, was man überhaupt machen kann. Ich glaube, das hat auch ganz gut funktioniert, dass Leute darüber diskutieren: Funktioniert das überhaupt noch so? Würde ich das selbst machen? Heiße ich das für gut oder nicht?

Ich schreibe so ein Lied in Solidarität mit den Leuten, die sich ernsthaft mit Neonazi-Strukturen auseinandersetzen und sich diesen Gefahren in allen Konsequenzen aussetzen. Vielleicht kann das aber auch dazu inspirieren, darüber nachzudenken, wie man selbst ins Handeln kommt. Wie komme ich raus aus so einer passiven Rolle, in der man so tut, als sei Faschisierung einer Gesellschaft was Unaufhaltbares oder ein Naturgesetz - das ist es nämlich nicht.

rbb: Im Juli sollten Sie "Keine Angst" gemeinsam mit dem Pianisten Igor Levit in der ZDF-Sendung "Die Anstalt" präsentieren, wurden jedoch kurzfristig wieder ausgeladen. Wie haben Sie das erlebt?

Danger Dan: Wir waren bereits in München vor Ort, hatten schon monatelang mit den Leuten von "Die Anstalt" gesprochen. Ich habe mich eigentlich sehr gefreut auf diesen Auftritt. Plötzlich hat die ZDF-Intendanz entgegen jeder redaktionellen Freiheit, die die Anstalt aus meiner Sicht eigentlich haben müsste, entschieden, dass sie das Lied nicht aufgeführt sehen wollen. Das fand ich schon ernüchternd und sehe dahinter auch eine gewisse Programmatik.

rbb: Anschließend gab es eine große öffentliche Debatte und der Text wurde viel besprochen. Haben Sie in diesem Kontext ebenfalls nochmal anders auf das Lied geblickt?

Danger Dan: Die Leute haben enorm viel diskutiert und ich finde die Debatte, die daraus entstanden ist, total gut. Ich glaube, man sollte von einem Lied nicht erwarten, dass es so eine allumfassende Kritik ist. Ich bin aber eigentlich ganz froh, dass es so eine Debatte um das Lied gibt, die das Lied ergänzt. Allein dadurch und durch die kreative und vielseitige Kritik, ist das Lied total gewachsen.

Es ist natürlich anstrengend, wenn irgendwie alle über einen reden, das ganze Internet davon voll ist und jede Zeitung, jeder Podcast ihren Senf noch dazugeben will. Ich kann mir das dann auch nicht alles anhören und habe irgendwann einfach die Social-Media-Apps von meinem Handy gelöscht und mich mal zwei Wochen zurückgezogen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das Lied wirklich so eine große gesellschaftliche Debatte auslöst, aber tendenziell finde ich die Debatte total konstruktiv und gut.

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Ich verabscheue Gewalt wirklich, aber ich halte antifaschistischen Selbstschutz für eine aus den politischen Realitäten abzuleitende Notwendigkeit.

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Danger Dan

rbb: Einer der Vorwürfe, der "Keine Angst" gemacht wurde, ist, dass es zu Gewalt aufrufen würde. Gibt es Kontexte, in denen Sie Gewalt für gerechtfertigt halten?

Danger Dan: Ich finde Gewalt nie gerechtfertigt, sondern verabscheuenswürdig. Aber wir müssen, glaube ich, schon dem Fakt ins Auge sehen, dass bereits ganz viel Gewalt stattfindet. Und wenn man sich Nazis in den Weg stellt, die Politik mit Hass und Gewalt machen, werden die kommen - dann ist es gut, sich auf diese Gewalt vorbereitet zu haben. Ich verabscheue Gewalt wirklich, aber ich halte antifaschistischen Selbstschutz für eine aus den politischen Realitäten abzuleitende Notwendigkeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Anne Kohlick für rbbKultur – das Magazin. Es handelt sich um eine gekürzte und redaktionell redigierte Version. Redaktionelle Bearbeitung: Paula Spitzner.

Sendung: rbbKultur - Das Magazin, 26.09.2026, 18:30 Uhr
Video: rbbKultur - Das Magazin, 26.09.2026, Anne Kohlick

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