Mercosur-Abkommen in der Schwebe: Wirtschaft und Bauernverband im Clinch
Publiziert19. Juli 2026, 04:23
Mehr günstige Steaks?Darum ist der Schweizer Mega-Deal mit Südamerika so umstritten
Das neue Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und den Mercosur-Staaten steht auf wackeligen Beinen: Die Bauern bäumen sich zusammen mit den Linken gegen die Wirtschaft auf – und lösen damit einen wüsten öffentlichen Streit aus.

Darum gehts
- Eine «unheilige Allianz» aus Bauern, SP und Grünen hat das Mercosur-Freihandelsabkommen im Nationalrat versenkt.
- Bundespräsident Guy Parmelin hatte das Abkommen bereits im September 2025 unterzeichnet.
- Die Landwirte forderten hohe Subventionen, um allfällige Einkommenseinbussen abzuwenden – der Nationalrat lehnte dies ab.
- In der Wirtschaft sorgt der Bruch in der «Geld und Gülle»-Allianz für rote Köpfe – sie sprechen von Erpressung und einem Vertrauensbruch.
Die Schweiz als Efta-Mitgliedstaat soll ein Freihandelsabkommen mit den vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay eingehen. Doch derzeit liegt das Vorhaben, welches Bundespräsident Guy Parmelin bereits vergangenes Jahr unterzeichnet hat, auf Eis.
Der Grund: Der Nationalrat erteilte dem Abkommen in der Sommersession überraschend eine Absage. Die Fronten zwischen Befürwortern und Kritikern sind verhärtet – eine Übersicht.
Das kritisieren die Gegner
Gescheitert ist das Abkommen in der Grossen Kammer aufgrund einer «unheiligen Allianz» zwischen den Bauern und den linken Parteien SP und Grüne.

Die Landwirte um Bauernverbandspräsident Markus Ritter (Mitte) forderten zusätzliche Subventionen in Höhe von 880 Millionen Franken. Denn mit dem Abkommen gebe es erstmals bilaterale Zusatzkontingente, die über die üblichen Mengen hinausgingen, wie Ritter gegenüber der «NZZ» erklärt. Mehr billiges Poulet, günstige Steaks oder Wein aus Südamerika bedeuteten Einkommenseinbussen für die hiesigen Bauern.
Wirtschaftsminister Parmelin sah hingegen eine Entschädigung von 158 Millionen Franken vor – was Ritter als «Provokation» bezeichnete. Der Nationalrat versenkte die Bauern-Forderung, woraufhin die Landwirte im Gegenzug das Freihandelsabkommen in der Gesamtabstimmung bachab schickten.

Dies gelang mithilfe der ebenfalls ablehnenden Stimmen aus der linken Ratshälfte. SP und Grüne verlangten zusätzliche Regeln gegen Zwangsarbeit und forderten die Übernahme der EU-Vorschriften gegen Entwaldung. Die Vorschriften sehen vor, dass Produkte, für die Wald gerodet wurde – etwa Kakao, Rindfleisch oder Soja –, nicht mehr importiert werden dürfen. Die Forderungen fanden keine Mehrheit, weshalb die linken Parteien letztlich ebenfalls das gesamte Abkommen ablehnten.
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Befürworter sprechen von Erpressung
Innerhalb der «Geld und Gülle»-Allianz brodelt es heftig – die Blockade der Bauern sorgt in der Wirtschaft für hochrote Köpfe. Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler kritisierte die 800-Millionen-Forderung der Landwirte und die damit einhergehende «Torpedierung» des Mercosur-Abkommens als «No-go»: «Das sprengt jedes Mass und ist ein massiver Vertrauensbruch zwischen Wirtschaft und Bauernverband», wetterte er in einem Interview mit dem «Blick».

Das Vorgehen der Bauern sei eine Erpressung gegenüber der Wirtschaft, kritisieren sowohl Spuhler wie auch Swissmem-Chef Stefan Brupbacher. «Da sind wir von der Industrie extrem enttäuscht von der Landwirtschaft», betonte er in der SRF-«Arena». Die Bauern legten sich für diesen «Pakt mit dem Teufel» mit den Linken ins «Lotterbett», wetterte er.
Referendum gegen Freihandelsabkommen mit Malaysia
Ebenfalls während der Sommersession befasste sich das Parlament mit dem Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Malaysia. Im Gegensatz zum Mercosur-Abkommen winkten National- und Ständerat dieses durch – trotz Widerstand von SP und Grünen. Die beiden Parteien haben nun das Referendum ergriffen.
Sie kritisieren, dass das Abkommen mit Malaysia «Menschenrechte missachtet» sowie den Regenwald und das Klima gefährde – «für den Profit von Pharma- und Agrarkonzernen». Die Kritik richtet sich insbesondere gegen die Palmölproduktion, für deren Anbau oftmals Regenwald abgeholzt und damit der Lebensraum vieler Tiere bedroht wird.
So argumentiert der Wirtschaftsminister
Mit dem Abkommen erhalte die Schweizer Industrie Zugang zu 270 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten, erklärt Parmelin. Zudem gebe es «erhebliches» Wachstumspotenzial für die Schweizer Exportwirtschaft.

Mit dem Abkommen würden rund 96 Prozent der Schweizer Exporte in die Mercosur-Staaten vollständig zollbefreit. Damit könnten Schweizer Firmen Zollkosten von über 155 Millionen Franken pro Jahr einsparen. Ausserdem gewähre die Schweiz insgesamt 25 bilaterale Importkontingente für «sensible Agrarprodukte» wie etwa Fleisch. Die meisten Kontingente seien bei unter zwei Prozent des Schweizer Gesamtkonsums begrenzt oder der Umfang entspreche den heutigen Importen. «Sie sind daher für die Schweizer Landwirtschaft verkraftbar», schlussfolgert der Bundesrat.
Wie es jetzt weitergeht
Als Nächstes ist der Ständerat dran: Er wird sich ebenfalls über das Freihandelsabkommen beugen – und die Forderungen der Bauern und Linken. Möglicherweise kommt die Kleine Kammer der Landwirtschaft finanziell entgegen, womit das Abkommen gerettet werden könnte.

Christina Pirskanen (pir) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist seit Januar 2026 stv. Leiterin des Ressorts Politik.
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