Mercosur-Abkommen in der Schwebe: Wirtschaft und Bauernverband im Clinch


Publiziert19. Juli 2026, 04:23

Mehr günstige Steaks?Darum ist der Schweizer Mega-Deal mit Südamerika so umstritten

Das neue Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und den Mercosur-Staaten steht auf wackeligen Beinen: Die Bauern bäumen sich zusammen mit den Linken gegen die Wirtschaft auf – und lösen damit einen wüsten öffentlichen Streit aus.

Christina Pirskanen

Darum gehts

Die Schweiz als Efta-Mitgliedstaat soll ein Freihandelsabkommen mit den vier Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay eingehen. Doch derzeit liegt das Vorhaben, welches Bundespräsident Guy Parmelin bereits vergangenes Jahr unterzeichnet hat, auf Eis.

Der Grund: Der Nationalrat erteilte dem Abkommen in der Sommersession überraschend eine Absage. Die Fronten zwischen Befürwortern und Kritikern sind verhärtet – eine Übersicht.

Das kritisieren die Gegner

Gescheitert ist das Abkommen in der Grossen Kammer aufgrund einer «unheiligen Allianz» zwischen den Bauern und den linken Parteien SP und Grüne.

Das Freihandelsabkommen führe zu Einkommenseinbussen, warnten die Bauern. Weil National- und Bundesrat ihnen nicht die gewünschte Entschädigung aussprechen wollten, versenkten die Landwirte das Abkommen im Nationalrat. (Im Bild: Bauernverbandspräsident und Mitte-Nationalrat Markus Ritter)

Das Freihandelsabkommen führe zu Einkommenseinbussen, warnten die Bauern. Weil National- und Bundesrat ihnen nicht die gewünschte Entschädigung aussprechen wollten, versenkten die Landwirte das Abkommen im Nationalrat. (Im Bild: Bauernverbandspräsident und Mitte-Nationalrat Markus Ritter)20min/Taddeo Cerletti

Die Landwirte um Bauernverbandspräsident Markus Ritter (Mitte) forderten zusätzliche Subventionen in Höhe von 880 Millionen Franken. Denn mit dem Abkommen gebe es erstmals bilaterale Zusatzkontingente, die über die üblichen Mengen hinausgingen, wie Ritter gegenüber der «NZZ» erklärt. Mehr billiges Poulet, günstige Steaks oder Wein aus Südamerika bedeuteten Einkommenseinbussen für die hiesigen Bauern.

Wirtschaftsminister Parmelin sah hingegen eine Entschädigung von 158 Millionen Franken vor – was Ritter als «Provokation» bezeichnete. Der Nationalrat versenkte die Bauern-Forderung, woraufhin die Landwirte im Gegenzug das Freihandelsabkommen in der Gesamtabstimmung bachab schickten.

Grüne und SP forderten schärfere Richtlinien gegen Zwangsarbeit und Waldrodungen. (Im Bild: Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher)

Grüne und SP forderten schärfere Richtlinien gegen Zwangsarbeit und Waldrodungen. (Im Bild: Grünen-Nationalrätin Christine Badertscher)20min/Matthias Spicher

Dies gelang mithilfe der ebenfalls ablehnenden Stimmen aus der linken Ratshälfte. SP und Grüne verlangten zusätzliche Regeln gegen Zwangsarbeit und forderten die Übernahme der EU-Vorschriften gegen Entwaldung. Die Vorschriften sehen vor, dass Produkte, für die Wald gerodet wurde – etwa Kakao, Rindfleisch oder Soja –, nicht mehr importiert werden dürfen. Die Forderungen fanden keine Mehrheit, weshalb die linken Parteien letztlich ebenfalls das gesamte Abkommen ablehnten.

Wie wichtig ist dir die Herkunft von Lebensmitteln, die du kaufst?

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Ziemlich wichtig, aber der Preis spielt auch eine Rolle.

Nicht so wichtig, Qualität und Geschmack zählen mehr als die Herkunft.

Gar nicht wichtig, ich kaufe, was mir gefällt und ins Budget passt.

Ich achte nur bei bestimmten Produkten auf die Herkunft.

Ich mache mir darüber keine Gedanken.

Befürworter sprechen von Erpressung

Innerhalb der «Geld und Gülle»-Allianz brodelt es heftig – die Blockade der Bauern sorgt in der Wirtschaft für hochrote Köpfe. Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler kritisierte die 800-Millionen-Forderung der Landwirte und die damit einhergehende «Torpedierung» des Mercosur-Abkommens als «No-go»: «Das sprengt jedes Mass und ist ein massiver Vertrauensbruch zwischen Wirtschaft und Bauernverband», wetterte er in einem Interview mit dem «Blick».

Stadler-Rail-CEO Peter Spuhler kritisierte die Bauern-Blockade scharf.

Stadler-Rail-CEO Peter Spuhler kritisierte die Bauern-Blockade scharf.Urs Jaudas

Das Vorgehen der Bauern sei eine Erpressung gegenüber der Wirtschaft, kritisieren sowohl Spuhler wie auch Swissmem-Chef Stefan Brupbacher. «Da sind wir von der Industrie extrem enttäuscht von der Landwirtschaft», betonte er in der SRF-«Arena». Die Bauern legten sich für diesen «Pakt mit dem Teufel» mit den Linken ins «Lotterbett», wetterte er.

Referendum gegen Freihandelsabkommen mit Malaysia

Ebenfalls während der Sommersession befasste sich das Parlament mit dem Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und Malaysia. Im Gegensatz zum Mercosur-Abkommen winkten National- und Ständerat dieses durch – trotz Widerstand von SP und Grünen. Die beiden Parteien haben nun das Referendum ergriffen.

Sie kritisieren, dass das Abkommen mit Malaysia «Menschenrechte missachtet» sowie den Regenwald und das Klima gefährde – «für den Profit von Pharma- und Agrarkonzernen». Die Kritik richtet sich insbesondere gegen die Palmölproduktion, für deren Anbau oftmals Regenwald abgeholzt und damit der Lebensraum vieler Tiere bedroht wird.

So argumentiert der Wirtschaftsminister

Mit dem Abkommen erhalte die Schweizer Industrie Zugang zu 270 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten, erklärt Parmelin. Zudem gebe es «erhebliches» Wachstumspotenzial für die Schweizer Exportwirtschaft.

Wirtschaftsminister Guy Parmelin (rechts) bei der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens im vergangenen Jahr.

Wirtschaftsminister Guy Parmelin (rechts) bei der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens im vergangenen Jahr.X/Guy Parmelin

Mit dem Abkommen würden rund 96 Prozent der Schweizer Exporte in die Mercosur-Staaten vollständig zollbefreit. Damit könnten Schweizer Firmen Zollkosten von über 155 Millionen Franken pro Jahr einsparen. Ausserdem gewähre die Schweiz insgesamt 25 bilaterale Importkontingente für «sensible Agrarprodukte» wie etwa Fleisch. Die meisten Kontingente seien bei unter zwei Prozent des Schweizer Gesamtkonsums begrenzt oder der Umfang entspreche den heutigen Importen. «Sie sind daher für die Schweizer Landwirtschaft verkraftbar», schlussfolgert der Bundesrat.

Wie es jetzt weitergeht

Als Nächstes ist der Ständerat dran: Er wird sich ebenfalls über das Freihandelsabkommen beugen – und die Forderungen der Bauern und Linken. Möglicherweise kommt die Kleine Kammer der Landwirtschaft finanziell entgegen, womit das Abkommen gerettet werden könnte.

Christina Pirskanen

Christina Pirskanen (pir) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist seit Januar 2026 stv. Leiterin des Ressorts Politik.

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