Das Martyrium der Margaretha: Bauersfrau stirbt 1608 als „Hexe von Wind“
Stand: 18.10.2026, 08:00 Uhr
Kommentare

Eine Bäuerin aus Wind bei Forstinning wird 1607 als Hexe verhaftet und im Münchner Falkenturm gefoltert. Trotz Daumenschrauben gesteht Margaretha Kressierer nicht – und rettet damit das Ebersberger Land vor einer Hexenverfolgung.
Forstinning – Eine Bäuerin von einem Hof bei Forstinning wird 1607 als Hexe beschuldigt und grausam gefoltert. Acht Monate später ist sie tot. Andererseits sagt Kreisheimatpfleger Thomas Warg: „Wir hatten keine Hexenverfolgung in Ebersberg.“ Wie passt das zusammen? Warg meint die systematische Suche nach angeblichen Hexen, deren Folter und Hinrichtung. Wohl aber gab es einzelne Fälle wie eben jenen, der im Jahr 1607 alles hatte, was man sich unter einem Hexenprozess vorstellt. Nur dass die Geschichte anders endet als erwartet.

Als Pfarrer Christoph Lang im September 1607 seine Kirche in Forstinning betritt, zuckt er zusammen. Eine Bauersfrau aus Wind bewegt sich wirr zwischen den Kirchenbänken, besprengt sich selbst und den Altar mit Weihwasser und stößt obszöne Worte aus. Auch das Glockseil bestreicht sie mit Salbe. Dann rennt sie davon. Der Pfarrer ist sicher: Was er gesehen hat, ist Teufelswerk.
Serie
Die Ebersberger Zeitung hat Mordfälle im Landkreis Ebersberg aus 400 Jahren recherchiert. In einer losen Artikelserie berichten wir über einige spektakuläre Verbrechen. Folge 21.
Der Teufel ist Schuld am Hungerjahr
Es ist ein verhängnisvoller Zeitpunkt. Der Sommer hat den Bauern kaum etwas eingebracht. Die Ernte fällt aus, ein Hungerjahr steht bevor. „Gebete auf den Flurumgängen waren unerhört geblieben“, schreibt Willi Kneißl aus Pliening im Jahrbuch des Historischen Kreisvereins 2004. Irgendjemand muss an der Misere schuld sein. Da kommt die seltsame Frau gerade recht.
Lang zeigt sie beim Pflegsverwalter Leonhard Niedermayr an, nennt sie eine teuflische Hexe. Niedermayr zögert und befragt Nachbarn. Die Frau ist keineswegs als Hexe verschrien. Doch es kursieren Geschichten: Sie soll Heil- und Wetterzauber betrieben haben.
Für einen Hexenprozess reicht das eigentlich nicht. Aber der Druck auf Niedermayr wächst. Schließlich wird die „Bäurin von Wind“ verhaftet. Wind ist damals wie heute ein kleiner Weiler nördlich von Forstinning mit drei Höfen. Von der Frau ist nur bekannt, dass ihr Mann Balthasar „Paur“ heißt – „Paur“ ist der bis heute gebräuchliche Hofname in Wind. Aus den Akten des Klosters Ebersberg lässt sich ihr Name erschließen: Sie hieß Margaretha und war die Ehefrau des Balthasar Kressierer. Bei ihrer Verhaftung dürfte sie etwa 50 bis 60 Jahre alt gewesen sein.
Haft und Folter im Münchner Falkenturm
Margaretha wird nach München in den Falkenturm gebracht. „Das war das Urteil zu einem grausamen Tod“, sagt Warg über das berüchtigte Gefängnis an der Maximilianstraße. Hier will man von ihr ein Geständnis erzwingen. Mehr noch: Man hofft, über sie einer größeren Hexenverschwörung auf die Spur zu kommen.
Die Folter beginnt. Man legt die Daumenschrauben an, bis Blut fließt. Später werden ihr die Hände auf dem Rücken zusammengebunden und sie daran hochgezogen. Doch Margaretha aus Wind gesteht nicht. Im Hofrat formiert sich Widerstand. Während die einen auf weitere Folter bestehen, halten andere die Gefangene für eine Frau, die schlicht nicht bei Verstand sei.
Die Richter ringen lange miteinander. Rund acht Monate verbringt die Beschuldigte in ihrer Zelle. Trotz Folter gesteht sie nicht, sagt keine weiteren Hexen an. Damit erspart sie dem Ebersberger Land eine blutige Hexenverfolgung mit unzähligen Prozessen. Anderswo sagen die Gequälten in ihrer Not, Nachbarinnen oder Bekannte am Hexensabbat gesehen zu haben.
Nicht so die „Bäurin von Wind“. Sie harrt einen Winter in ihrer Zelle aus. Dann wird es Frühling. Schließlich hält sie es nicht mehr aus: Im Mai 1608 ist sie tot. Die „Hexe von Wind“ erhängt sich in ihrer Zelle. Auch wenn es sich offiziell um Suizid handelt – „das ist nicht weniger als ein Justizmord“, ordnet Ortschronist Kneißl den Fall ein.