Bingeworthy: Die 5 besten Serien der Herbstsaison
„East of Eden“: im besten Sinn hypnotisch
Eine Klassikerverfilmung als der große Herbsthit auf Netflix hatte niemand auf dem Schirm. Nicht nur, dass East of Eden nach einer Woche in 40 Ländern auf Platz 1 lag, auch der Buchhandel meldet mit um 200 Prozent gestiegenen Verkäufen von John Steinbecks Roman einen „Netflix-Effekt“.
Die Erinnerung an Elia Kazans Version von 1955 beschränkt sich meist auf James Dean und seinen sagenhaft gutaussehenden „Bad Boy“. Zoe Kazan, Enkelin von Elia, adaptiert den Roman nun in sieben Folgen in seinem gesamten epischen Zeitrahmen vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.
Das Ergebnis ist im besten Sinn hypnotisch: Von der großartigen Florence Pugh als – im feministischen Sinn neuinterpretierte – „böse“ Cathy kann man kaum die Augen lassen; Mike Faist und Christopher Abbot geben als Brüder, deren Leben sie erhellt und verdirbt, eindringliche Porträts männlicher Einsamkeit.
Die wahre Entdeckung der Serie ist Hoon Lee als Bediensteter Lee, dessen Rolle behutsam und doch einleuchtend aufgewertet wird.
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„Carrie“: Stephen King plus Social Media
Der Abschlussball, die fiesen Mitschüler, das Blut und die übernatürlichen Kräfte – von den ersten Szenen an ist die Amazon-Prime-Serie Carrie als Neufassung von Stephen Kings Horror-Klassiker erkennbar. Mike Flanagan, der in Netflix-Serien wie The Haunting of Hill House und Midnight Mass das Horrorgenre mit berührenden Geschichten um Trauer, Sucht und Ausgrenzung vertieft hat, gelingt wieder eine einleuchtende Modernisierung des Stoffes, die dem Buch sogar mehr entspricht als es die Filmversion tat.
Carrie ist jetzt die Tochter eines Preppers, die bis zu dessen überraschendem Unfalltod das Haus nie verlassen hat. Die Highschool erlebt sie zuerst als Abenteuer und Befreiung aus der strengen Aufsicht der religiösen Mutter. Das bald einsetzende Mobbing, durch Social Media raffinierter als noch im Film, trifft sie deshalb umso bitterer. Aber auch Carries „Nemesis“ Chris Hargensen werden eigene, nachvollziehbare Motive zugestanden. Wie überhaupt ein komplexes Kleinstadtporträt entsteht.
Längst nicht nur was für Horrorfans!
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„War“: Gute Anwaltsserien sind rar
Anwaltsserien sind eine Art Grundnahrungsmittel des Fernsehens. Die guten haben sich in letzter Zeit rar gemacht. Ryan Murphys Scheidungskanzlei-Drama All’s Fair mit Kim Kardashian und Glenn Close wurde im vergangenen November vom Start weg verrissen. In diesem Oktober gibt es jedoch einen vielversprechenden Neuanfang.
War – „Krieg“ ist eine britisch-amerikanische HBO/Sky-Produktion, in der die Scheidungsauseinandersetzung eines prominenten und reichen, von Dominic West und Sienna Miller verkörperten Paares als Auslöser für einen Krieg zwischen konkurrierenden Kanzleien fungiert. Die eine davon kommt hochkarätig, traditionsbewusst und mit allen Wassern gewaschen daher.
Die andere ist der hemdsärmelige Neubeginn eines Anwaltsehepaars, das anfangs hoffnungslos unterlegen wirkt. Aber sind sie wirklich so wenig darauf gefasst, dass die andere Seite schmutzige Tricks anwendet? War ist großartiges, eskapistisches Fernsehen: Hochglanzkulissen, schmissige Dialoge und Plotwendungen, was das Zeug hält.
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„Und hüte dich vor dem Bösen“: großartige Kulisse
Der internationale Titel dieser niederländischen Serie ist The Perfect Lie, wobei die „Lüge“ im Titel als Hinweis dient: Es handelt sich um ein „Erwachsenen-Drama“ im Stil von Big Little Lies, bei dem die Geschichte einer Gruppe befreundeter Paare um ein vermutetes Verbrechen herum entfaltet wird. Wie in der Vorbildserie ist die Kulisse allein schon großartig: Hier ist es die Küste bei Bergen in Nordholland.
Die wegen eines Arbeitsstreits von ihrem Moderatoren-Job beurlaubte Karen findet mit Mann und Kind Aufnahme in einem zuerst freundlich, fortschrittlich und dem luxuriösen Lebensstil sehr zugetanen Freundeskreis. Dann kommt Familienvater Evert bei einem Hausbrand ums Leben. Die Polizei ermittelt, ob es ein Selbstmord war und ob er womöglich seine ganze Familie mit in den Tod reißen wollte.
Nach und nach entpuppt sich, wie üblich, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick schien. Trotz seifen-opernhafter Erzählstruktur besticht die Serie durch die präzisen Porträts der vier Ehepaare und ihrer je ganz eigenen Dynamik.
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„Youth“: Frankfurt can be quite edgy
Die Irin Sharon Horgan ist als Autorin, Produzentin und Schauspielerin immer noch ein Geheimtipp, obwohl ihre Serie Catastrophe (2015 – 2919, zur Zeit bei Arte verfügbar) inzwischen Kult-Status erreicht hat. In ihrer neuen Produktion für HBO, Youth, spielt sie eine Londoner Literaturagentin. Von ihrem Mann ist sie lang geschieden, der 18-jährige Sohn (gespielt von Cillian Murphys Sohn Aran) ist dabei auszuziehen.
Sie selbst fühlt sich vor die Tatsache gestellt, als Frau von über 50 nur noch wenige Jahre zu haben, um noch als sexuell attraktives Wesen wahrgenommen zu werden. Aber ob aus der alten On/Off-Geschichte mit Pat (Rupert Friend) noch eine „richtige“ Beziehung werden kann? Horgans Stil ist zu ungefällig, um als Sex and the City-Version zu taugen.
Ihr Blick sowohl auf das eigene Alter als auch auf das Muttersein ist erbarmungslos. Die toxische Beziehung zur besten Freundin, die gleichzeitig ihre Chefin ist, wird genauso aufs Korn genommen wie die Frankfurter Buchmesse, zu der die Serie in einer köstlichen Folge einen Abstecher macht.