(+) „Viertel wird langweilig“: Letzte Kneipe vor dem Aus – nach 121 Jahren
Hamburg
Die Gaststätte „Drei Eichen“ in Groß Borstel gibt es seit 1905, doch nun droht der letzten Kneipe im Stadtteil die Schließung. Ein Besuch bei Kneipenwirt Ronald Drost.
Ich habe den Laden noch nicht einmal betreten – und schon schlägt mir der kalte Zigarettenrauch, der sich hier seit 1905 festgesetzt hat, entgegen: Wer die Türschwelle der Gaststätte „Drei Eichen“ am Spreenende in Groß Borstel überschreitet, betritt eine Welt, die vom Aussterben bedroht ist.
Kleine Tafeln mit scherzhaften Sprüchen, Antiquitäten aus der Seefahrt und Werbungen diverser Bier- und Spirituosenmarken schmücken die Wände. Hits aus den 80ern wie „Out of Touch“ oder „Don’t Worry Be Happy“ kommen aus den Boxen, während Wirt Ronald Drost (56) an der Theke Kette raucht. An diesem Dienstagnachmittag haben sich bereits die ersten Stammkunden für ein Feierabendbier am Tresen eingefunden.
Seit 1905 in Groß Borstel – auch während der Weltkriege geöffnet
„Nicht einmal in den beiden Weltkriegen war der Laden richtig geschlossen“, erzählt er mir. Zusammen mit seiner Frau Kerstin (51) betreibt der gelernte Altenpfleger seit 2012 die letzte Kneipe im Stadtteil. Doch jetzt soll Schluss sein. Der Eigentümer möchte das Haus verkaufen.
Der Gesamtzustand sei zu schlecht und der Investitionsbedarf zu hoch. Ein Erdwärmeanschluss, neue Türen und eine neue Heizung sind fällig. „Es klemmt an allen Ecken und Kanten“, fasst Drost den Zustand des Hauses zusammen.
Als die beiden vor 14 Jahren die ehemalige Milchsammelstelle übernahmen, mussten sie unter anderem den Tresenbereich und die Sanitäranlagen sanieren: „Der alte Tresen war aus den Fünfzigern, da kamen dir schon mal die Türen entgegengefallen.“ Es gebe immer wieder etwas zu tun – und dieser Berg an Aufgaben sei nun zu groß geworden.
Eine Zukunft für die Kneipe sieht der Wirt nicht. „Die Zeiten der Kneipen sind vorbei“, sagt Ronald Drost. Der Kundenstamm, den das Ehepaar 2012 übernommen hat, sei über die Jahre immer kleiner geworden. Viele alte Kneipengänger seien verstorben und es rücke keine neue Generation nach.
„Kneipensterben“ nicht nur in Groß Borstel, sondern in ganz Deutschland
Dieses Problem gibt es nicht nur im „Drei Eichen“, sondern in ganz Deutschland. Wie viele Kneipen es in Hamburg noch gibt, lässt sich nicht genau beziffern. Fakt ist jedoch: Es werden immer weniger. Hohe Mieten, gestiegene Fixkosten und eine schwächere Nachfrage treiben das Aussterben der klassischen Schankwirtschaften voran.
„Wenn die Kneipe weg ist, dann wird das Viertel langweiliger“, prognostiziert Drost, während er an seiner Zigarette zieht. Als die absehbare Schließung der Kneipe im Stadtteil die Runde machte, seien viele Menschen, die teilweise ewig nicht im „Drei Eichen“ waren, in die Kneipe gekommen, um ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. Das habe dem Betreiberehepaar die Bedeutung des Lokals für den gesamten Stadtteil noch einmal vor Augen geführt.
In den 14 Jahren hätten er und seine Frau sehr viele schöne Momente hinter dem Tresen erlebt und nur zwei Hausverbote aussprechen müssen. „Das kriegt so manche Kiez-Kneipe in zehn Minuten nach der Eröffnung hin”, sagt Ronald Drost schmunzelnd. Viele Partys, Konzerte und Darts-Turniere haben in ihren Räumlichkeiten stattgefunden, teils auch mit prominenten Gästen. Unter anderem saß hier der ehemalige Synchronsprecher von Ernie aus der Sesamstraße am Tresen.
Zukunft des Betreiberehepaars ungewiss
Die letzte Party hat im „Drei Eichen“ bereits stattgefunden. Wie es für das Ehepaar Drost beruflich weitergeht ist ungewiss. Seine Frau Kerstin habe ein langes Krebsleiden und könne deshalb nicht mehr arbeiten gehen. Seine berufliche Zukunft lasse er auf sich zukommen, erzählt Drost.
Vorerst ist jedoch nicht klar, wann der Eigentümer das Haus verkauft. Daher ist offen, wann die Kneipe schließt. Die Immobilie sollte schon im Juli verkauft werden, doch der Deal kam nicht zustande. Aktuell kann das Ehepaar immer nur vier Wochen im Voraus planen, da der Eigentümer weiterhin einen neuen Käufer sucht.
„Wenn das von Monat zu Monat so weitergeht, dann raubt das die Lust. So führt man kein Geschäft”, sagt Ronald Drost ernüchtert. Und zündet sich eine weitere Zigarette an.
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