„Datenlage spricht eher für Nulltoleranz“: Klinikdirektor über das Gläschen Rotwein am Abend


Stand: 15.09.2026, 19:25 Uhr

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Prof. Dr. Volker Schächinger ist als Direktor der Medizinischen Klinik I des Klinikums Fulda Spezialist für das gesamte Spektrum der Herz- und Kreislauferkrankungen. Im Interview spricht er über das Gläschen Rotwein am Abend und andere Alltagsfragen zur Herzgesundheit.

Fulda

Herr Professor Schächinger, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind noch vor Krebs die häufigste Todesursache in Deutschland. Welche Beschwerden deuten auf eine Erkrankung des Herzens hin?

Herzrasen oder ein unregelmäßiger Herzschlag sind Beschwerden, die nicht nur das Befinden beeinträchtigen. Es sollte abgeklärt werden, was dahintersteckt. Herzbeschwerden werden häufig zunächst bei körperlicher Belastung bemerkt. Gefährlich wird es, wenn Brustschmerzen oder ein plötzliches Druckgefühl im Brustkorb im Ruhezustand auftreten – das könnte auf einen Herzinfarkt hindeuten.

Ein Rotwein wird in ein Glas eingeschenkt.

Die aktuelle Datenlage spricht tendenziell für eine Null-Toleranz im Hinblick auf alkoholische Getränke. © Finn Winkler/dpa

Wenn das Herz geschädigt ist, das heißt eine Herzschwäche vorliegt, treten vor allem Luftnot, bei Belastung oder im Liegen, auf. Aber auch bei einer ungewöhnlichen Leistungsminderung oder Wassereinlagerungen an den Beinen sollte abgeklärt werden, ob eine Herzschwäche oder eine andere Erkrankung dafür verantwortlich ist.

Denn bei einer fortgeschrittenen Herzschwäche ist die Lebenserwartung ähnlich vermindert wie bei manchen Krebserkrankungen und eine rechtzeitige Behandlung kann diese verbessern. Auch der Hausarzt hat Möglichkeiten mit einfachen Labortests bei Verdacht auf eine ernste Herzerkrankung, beispielsweise mit dem Troponin bei Herzinfarkt oder dem NTproBNP bei Herzschwäche.

Null-Toleranz auch bei Rotwein: Alkohol begünstigt Vorhofflimmern

Wie kommt es eigentlich dazu, dass ein Herz krank wird?

Viele verschiedene Erkrankungen münden darin, dass das Herz schwach wird. In Deutschland werden deswegen jedes Jahr 500 von 100.000 Einwohnern stationär aufgenommen, das ist ein sehr hoher Wert. Wichtig ist es, die klassischen Risikofaktoren ernst zu nehmen – und zwar möglichst früh. Blutdruck, LDL-Cholesterin, Diabetes, Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel sind entscheidend.

Blutdruck und Blutfette sollten schon im jugendlichen Alter kontrolliert werden. Liegt das „schlechte“ LDL-Cholesterin über 116 mg/dl, sollte man das im Blick behalten, auch wenn man noch gesund ist. Bei Patienten mit einer Erkrankung der Gefäße oder nach Herzinfarkt muss das LDL-Cholesterin hingegen auf kleiner 55 mg/dl abgesenkt werden!

Wie verhindere ich, dass mein Herz überhaupt krank wird?

Körperliche Aktivität ist ein regelrechtes Wundermittel: 150 Minuten Sport pro Woche können das Herzinfarktrisiko um etwa 20 Prozent senken, und wenn man das nicht schafft, hat selbst ein täglicher Spaziergang schon einen günstigen Effekt. Das verlängert nachweislich das Leben und – wenn man es dann noch mit Krafttraining kombiniert – auch die Fitness und Selbstständigkeit im Alter.

Was sagt der Kardiologe zum Gläschen Rotwein am Abend?

Als ich mit der Medizin anfing, war der angeblich vor dem Herzinfarkt schützende Rotwein noch ein Klassiker auf jedem Kongress. Das hat sich komplett geändert: Die aktuelle Datenlage spricht eher für eine Null-Toleranz, weil Alkohol am Herz Vorhofflimmern begünstigt und auch schon bei kleinen Mengen das Risiko für verschiedene Krebserkrankungen erhöht. Rein auf den Herzinfarkt bezogen schadet ein gelegentliches Glas vermutlich nicht – in der Gesamtbetrachtung kann ich heute aber keine Trinkempfehlung mehr aussprechen.

Und Kaffee?

Kaffee schneidet in Studien überraschend gut ab: Zwei bis drei Tassen täglich senken sogar das Herzinfarktrisiko und schützen offenbar vor Diabetes. Bei fünf, sechs Tassen wird es kritisch, vor allem bei schlecht eingestelltem Blutdruck oder Neigung zu schnellem Puls.

Stark verarbeitete Kohlenhydrate ungünstig für die Herzgesundheit

Wie kann ich mich herzgesund ernähren?

Stark verarbeitete Kohlenhydrate – Fertigprodukte, Weißbrot, Teigwaren – sind für Herz und Gewicht ungünstiger als ihr Ruf lange nahelegte. Fett dagegen wurde jahrzehntelang zu Unrecht verteufelt – gesunde Fette etwa aus Nüssen oder Olivenöl gelten heute als unproblematisch bis vorteilhaft. Wer abnehmen will, fährt meist besser mit weniger Kohlenhydraten als mit striktem Fettverzicht.

Was halten Sie von Fitnesstrackern und Smartwatches zur Herzüberwachung?

Das ist eindeutig die Zukunft, vor allem beim Screening auf Vorhofflimmern, das unbehandelt Schlaganfälle verursachen kann. Allerdings darf man sich auf die Uhr allein medizinisch noch nicht verlassen – häufige Extraschläge werden manchmal fälschlich als Vorhofflimmern gedeutet. Wer eine Uhr mit EKG-Funktion hat, kann damit aber eine echte Rhythmusstörung dokumentieren und zum Arzt mitbringen – das ist heute schon gelebter Alltag.

Sind die populären Abnehmspritzen auch gut fürs Herz?

Die Datenlage spricht dafür, dass sie auch Herzkreislauferkrankungen verhindern können. Aktuell werden sie von den gesetzlichen Kassen aber als Lifestyle-Medikament eingestuft, Patienten müssen sie selbst bezahlen. Idealerweise sollte die Therapie mit Ernährungsumstellung und körperlicher Bewegung kombiniert werden, die oftmals erst wieder möglich ist, wenn das starke Übergewicht etwas reduziert werden konnte.

Was tun Sie persönlich für Ihr Herz?

Ich fahre viel Rennrad, auch im Winter – im vergangenen Jahr kamen einige Tausend Kilometer zusammen. Dieses Jahr konnte ich weniger fahren, dafür schwimme ich inzwischen mehr.