Dem letzten Schriftgießer Europas läuft die Zeit davon – Gutenbergs Erbe droht der Schrotthändler
Stand: 10.10.2026, 18:00 Uhr
Kommentare

Rainer Gerstenberg goss 60 Jahre lang Bleilettern – nun hat ihm das Hessische Landesmuseum Darmstadt gekündigt.
Frankfurt – Rainer Gerstenberg ist ein Macher, ein Gestalter und Freigeist. Eigenschaften, die laut Horoskop dem Wassermann zugesprochen werden: Just das Tierkreiszeichen des 79-Jährigen ist auf einem ein Zentimeter kleinen Quader aus Bleiguss zu sehen, die er aus einem Kästchen hervorholt. Jedem Besucher am Tisch schenkt er eine der kleinen Druckmatern mit dem passenden Sternzeichen. „Nehmen Sie‘s mit als Erinnerung“, sagt Gerstenberg.

Seine Geste wirkt, als ob er die Nachweise seines Schaffens möglichst noch unter die Menschheit bringen will. Denn das, was das Berufsleben des gelernten Schriftgießers ausmachte, ist heute nur noch museumsreif. Nicht mal mehr das: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt, das die letzten Schriftgussmaschinen in der Außenstelle „für Schriftguss, Satz und Druckverfahren“ in einem alten Fabrikgebäude in der Kirschenallee beherbergt, will die schweren Gerätschaften bis Ende des Jahres loswerden. Sie gehören Gerstenberg, der dort noch bis 2023 Schriftsätze auf Bestellung goß und zugleich Besuchern und Schulklassen die Geschichte der Buchdrucks nahebrachte.
Im Hessischen Landesmuseum Darmstadt lagern rund eine Million Matern
Ihm wurde gekündigt. Grund: Das frühere Fabrikgebäude von 1906 ist laut Landesmuseum baufällig, das Land Hessen will es verkaufen. Ein Betreiben der Maschinen sei aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich.
Im Keller des Museums lagern zudem rund eine Million Matern. Das sind die Metallformen, auf die Lettern und Schriftzeichen geprägt werden. Ohne die Maschinen wären sie wertlos und würden beim Schrotthändler landen. Doch wie kamen die Maschinen überhaupt nach Darmstadt? In seiner Gartenlaube am Sachsenhäuser Berg erzählt Gerstenberg seine Geschichte. Wie er als Lehrling bei der Firma Stempel in Sachsenhausen in der Hedderichstraße, einer der bedeutendsten Schriftgießereien Europas, seine Karriere begann. Anno 1961 war das. „Ich war der Jüngste, der erste Schriftgießer unter 18 Jahren.“ Die Arbeit lief im Akkord, bezahlt wurde nach Stücklohn. „Es war sehr hart.“
Buchdruck sollte nicht untergehen
Beim Buchstabengießen wird eine Bleilegierung erhitzt, bis das Metall flüssig ist. Damit werden die Druckmatern mit Buchstaben und Zeichen gegossen, die im Buch- und Zeitungsdruck verwendet wurden. 1895 hatte David Stempel die Firma gegründet. Gerstenberg schaffte sich bis nach oben, wurde Betriebsratsvorsitzender und saß im Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft. Doch modernere Drucktechniken wie Fotosatz und Offsetdruck machten dem Gewerbe in den 1970er-Jahren den Garaus. 1985 beschloss der Partner Linotype, der die Mehrheit der Aktien hielt, die Firma Stempel aufzulösen. „200 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Ich habe versucht, was ich konnte, sie unterzubringen. Manche wurden von Linotype übernommen und konnten in Eschborn im Fotosatz weiterarbeiten“, erinnert sich Gerstenberg.
Nicht nur die Mitarbeiter versuchte er zu retten, sondern auch das Handwerk selbst: Der Buchdruck, den Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert erfand, sollte nicht untergehen. Würde er es nicht tun, wäre die Geschichte des Buchdrucks per beweglichen Lettern für immer vorbei. Gerstenberg setzte alles daran, Maschinen und Werkzeuge zu erhalten. Zäh verhandelte er mit der Haas‘schen Schriftgießerei in der Schweiz, ebenfalls ein Traditionsunternehmen, um Maschinen, Matrizen und Lizenzen zu sichern.
Maschinen werden von Sachsenhausen nach Darmstadt gebracht
Schließlich konnte er sich selbstständig machen und das Gewerbe weiterführen. Die schweren Geräte wurden von Sachsenhausen nach Darmstadt transportiert. Dank dem Verein „Haus für Industriekultur“, der sich 1986 bereiterklärte, die komplette technische Einrichtung, die historischen Gießmaschinen, zu übernehmen. Der Verein war kurz darauf jedoch zahlungsunfähig, das Land Hessen übernahm das Gebäude, Gerstenberg wurde Mieter.

Die folgenden Jahrzehnte bis 2023 nutzte Gerstenberg die Maschinen weiter, stellte Bleilettern auf Bestellung her. Schriftsätze in lateinischen und kyrillischen Buchstaben mit Sonderzeichen für zahlreiche Sprachen verschickte er in die ganze Welt. Etliche Schriftsätze bewahrt er weiterhin in seinem Gartenhaus auf, noch immer verkauft er auf Nachfrage. Die Kundschaft sei betrübt darüber, dass nun Schluss sein soll. Besonders in den USA hat Gerstenberg viele Abnehmer.
Private Initiative organisierte Proteste
Doch niemand hat sich bisher gefunden, der das teure Erbe übernehmen will. „Eine Halle für die Maschinen müsste 500 Quadratmeter groß sein“, so Gerstenberg. Ihm wäre es wichtig, dass die Maschinen weiterbetrieben werden, als lebendiges Museum. Lange hatte er noch vor, jemanden auszubilden. Doch einem Nachfolger habe er keine wirtschaftlich sichere Zukunft bieten können.
Nun läuft dem letzten Schriftgießer Europas die Zeit davon. Eine private Initiative zum Erhalt des Hauses für Industriekultur hatte im Sommer Proteste organisiert. Sie fordert, dass das Land die Bedeutung des Orts ernst nimmt. Auch das Offenbacher Klingspormuseum für moderne und zeitgenössische Buch- und Schriftkunst setzt sich für den Erhalt ein. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur hatte nach eigenen Angaben Verhandlungen für einen neuen Mietvertrag angeboten, der ausgelaufen war – was 2023 Grund für die Kündigung war, so die Sprecherin Kerstin Scheidecker. Angeboten wurde auch „Unterstützung bei der Suche nach neuen Räumen“. Inhaltlich sei die Schriftgießerei für das Museum zwar wichtig, dem Landesmuseum Hessen fehle beim Thema jedoch das Fachwissen, so Scheidecker: „Das Hessische Landesmuseum Darmstadt ist ein renommiertes Haus mit vielen Sammlungsbereichen und Expertise. Im Bereich der Druckkunst haben andere Einrichtungen allerdings eine größere Expertise.“