Bratwurst, Bier und Simson-Treffen: Wie Siegmund Sachsen-Anhalt mit Volksfest-Wahlkampf zum Gewinner wurde
Der „Feelgood-Populist“: Wie Siegmund mit Bratwurst und Simson eine radikale Agenda verkaufte
Stand: 06.09.2026, 18:27 Uhr
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Bratwurst statt Debatte, Lächeln statt Programm: Wie Ulrich Siegmund mit „Dorfgrillromantik“ eine rechtsextreme Agenda als Volksfest verkaufte. Eine Analyse.
Magdeburg – Sein Porträt auf dem Spiegel-Cover, regelrechte Fanaufmärsche bei seinen Wahlkampfauftritten und Rückendeckung durch die Bundespartei. Bereits vor dem Ergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt war klar, dass es einen großen Gewinner gibt: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Dem 35-jährigen Politiker ist in den vergangenen Wochen etwas gelungen, womit sich die Rechtsaußenpartei bei vorangegangenen Wahlkämpfen teilweise schwertat. Siegmund inszenierte sich bei jeder erdenklichen Möglichkeit als der nahbare Nachbar von nebenan.

Statt harter Debatten setzte der AfD‑Kandidat auf eine Entpolitisierung der politischen Bühne und auf eine regelrechte „Dorfgrillromantik“. Mit Bratwurst, Bier und Simson-Treffen erzeugte Siegmund im Wahlkampf für die als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Partei in Sachsen-Anhalt vor der Wahl eine Stimmung, die eher an Normalität erinnerte, und weniger an radikale Vorhaben.
Gewinner der Sachsen-Anhalt-Wahl: Siegmund als „charismatische Person“ von nebenan
„Lange Zeit fehlte der Partei eine charismatische Person“, schrieb Johannes Hillje in einem taz-Gastkommentar mit dem Verweis auf Höcke, Weidel und andere. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verschob die AfD daher ihre Kampagne. Unter „Alles ist möglich“-Slogans generierte die Rechtsaußen-Partei ein Wir-Gefühl, obwohl das Parteiprogramm, die sogenannte Vision 2026, die Exklusionen im großen Stil fordert. Weg vom Rundfunkbeitrag, Nein zur Schulpflicht, umfassende Abschiebungen und ein abwertender Umgang mit Behinderungen: In Sachsen-Anhalt gleicht das „Regierungsprogramm“ der AfD einer radikalen Agenda.
Im Schatten dieser Vorhaben gelang dem „gefährlichen Mann Deutschlands“, wie der Spiegel wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt über Siegmund titelte, der Aufstieg in der Wählergunst. Und Siegmund wurde bereits vor der eigentlichen Wahl in Sachsen-Anhalt zum Gewinner. Egal, wo der Politiker hinkam, waren die Schlangen lang. Der 35-Jährige überzeugte mit direkter Rhetorik und wurde von den Massen gefeiert wie ein Politik-Popstar. Bei Simson-Ausfahrten wurden zum Wir-Gefühl noch „schöne“ Clips produziert, um auch den letzten Wähler vom rechten Weg zu überzeugen.
Dabei war Siegmunds Aufstieg in den Reihen der Rechtsaußen-Partei in Sachsen-Anhalt nicht vorgegeben: Er war als junger Erwachsener kurz CDU-Mitglied, ehe ihm 2016 mit der AfD der Sprung in den Landtag gelang. 2023 folgte dann ein erster großer Dämpfer: Siegmund hat an einem Treffen in Potsdam teilgenommen, bei dem der frühere Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, über „Remigration“ sprach. Auch in die Vetternwirtschaftsaffäre der AfD war er verstrickt.
Siegmund als Gewinner der Sachsen-Anhalt-Wahl – „Feelgood-Populist“
Siemund konnte im Wahlkampf vor der Sachsen-Anhalt-Wahl diese Verbindungen weglächeln. Und auch das umstrittene Spiegel-Cover wusste er, für sich zu nutzen. Wie die Zeit schrieb, galt das besagte Heft in weiten Teilen des Bundeslandes als ausverkauft und es wurde von AfD‑Sympathisanten tausendfach auf den Partei-Veranstaltungen herumgetragen – und fleißig vom Spitzenkandidaten signiert. Die Warnung des Nachrichtenmagazins verpuffte. Siemund gelang es, das Narrativ zu seinem Vorteil zu drehen, und die Titelseite als Werbung für seine Kandidatur zu nutzen.
Großes Anliegen Siemunds war es, sich bereits vor dem Ergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt als Gewinner zu positionieren. Dies gelingt auch dadurch, dass er sich oft als moderater als das eigentliche AfD-Parteiprogramm gibt. Um seine potenziellen Wähler vor der Landtagswahl zu erreichen, setzte der AfD-Spitzenkandidat auf möglichst einfache Sprache, wie Joern Kettler gegenüber Focus erklärte. Während andere Kandidaten dazu neigten, Politik in abstrakten Bildern zu umschreiben, setzte Siegmund auf das Gegenteil. Ob seine Botschaften dabei wahrhaftig waren, blieb zweitrangig. Im MDR-Interview fielen manche Aussagen durch den Faktencheck. Einige waren teilweise zutreffend, andere nicht belegt oder falsch. Trotzdem verfingen sie bei der Wählerschaft.
Einfache Sprache, konkrete Bilder, emotionale Themen, gemeinsame Identität, klare Gegensätze, rhetorische Fragen und wahrgenommene Authentizität seien laut Kettler der Schlüssel dafür, dass Menschen als nahbar wahrgenommen werden. Auf Siegmund könnten diese Strategien zutreffen. Gegenüber dem Tagesspiegel beschrieb Hillje Siegmund als sogenannten „Feelgood-Populisten“.
Gewinner der Wahl in Sachsen-Anhalt: Doch für Siegmund könnte die AfD zum Problem werden
Doch obwohl sich Siegmund im Kontext der Sachsen-Anhalt-Wahl als Gewinner inszenieren könnte, bleibt nun nach der Wahl das große Fragezeichen: Zwar hat die AfD in dem Bundesland viel vor, doch die Vorhaben gelten als finanziell nicht umsetzbar. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Mindestens 2,2 Milliarden Euro fehlen. Andere Versprechen könnten an Gesetzen scheitern. Und während Siegmund sich selbst als moderat inszeniert, zeigt ein Blick auf sein direktes Umfeld die tatsächliche Radikalität der Landespartei. Martin Reichardt, Landesvorsitzender der AfD Sachsen-Anhalt, gehört laut Deutscher Presse-Agentur in die Abteilung Attacke. Die Wortwahl des ehemaligen Offiziers ist oft martialisch, er setzt auf scharfe Rhetorik mit militärischen Bezügen. „Wir sind der Rammbock des Volkes“, sagt er etwa.
Fraktionschef Oliver Kirchner teilte in der Vergangenheit insbesondere bei der Migrationspolitik gegen die politische Konkurrenz aus, was ihm regelmäßig Ordnungsrufe einbrachte. Auch wegen mancher DDR-Vergleiche steht er immer wieder in der Kritik. Hans-Thomas Tillschneider ist einer der führenden Köpfe, wenn es um die Inhalte der AfD geht. Sein Verhältnis zu Russland hat in der Vergangenheit immer wieder eine Rolle gespielt. Im September 2022 war er einer von drei AfD-Politikern, die nach Russland reisten und auch einen Besuch in der besetzten Ostukraine geplant hatten. In seinem Wahlkreisbüro in Querfurt stand zuletzt eine Tasse der russischen Armee, was ebenfalls für Wirbel sorgte.
AfD-Landesverband gilt als „gesichert rechtsextrem“
Der Verfassungsschutz hat am 7. November 2023 auf Anfrage bestätigt, dass der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ im Sinne des Landesverfassungsschutzgesetzes eingestuft wird. Nach einem umfangreichen Prüfprozess sei die Behörde zu dem Schluss gekommen, dass sich die politische Agitation der Partei gegen zentrale Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung richte – insbesondere gegen die Menschenwürde-Garantie aus Artikel 1 des Grundgesetzes und das Demokratieprinzip aus Artikel 20.
Patrick Harr hält sich meist im Hintergrund, doch in der sachsen-anhaltischen AfD laufen viele Fäden bei Harr zusammen. Er ist nicht nur Geschäftsführer und Pressesprecher der Landtagsfraktion, sondern auch Sprecher der Landespartei. Er könnte unter Siegmund wichtige Aufgaben übernehmen. Dass die AfD nach der Wahl in Sachsen-Anhalt politisch stolpert, wurde bereits im Vorfeld nicht ausgeschlossen. „Für die AfD geht es vor allem darum, zu zeigen, dass die Stimme an sie nicht verschenkt ist“, sagte der Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg der Tagesschau.
„Moralisches Tabu verliert an Wirkung“: Siegmund hat in Sachsen-Anhalt politische Kehrtwende angestoßen
Ob die „Dorfgrillromantik“ des Ulrich Siegmunds auch weit über die Sachsen-Anhalt-Wahl hinaus trägt, werden die kommenden Wochen zeigen müssen. Doch das strategische Ziel der AfD in Sachsen-Anhalt ist ohnehin längst erreicht: Durch die professionelle Verkleidung einer radikalen Agenda als nahbares Volksfest hat Siegmund die Grenzen des Sag- und Wählbaren ein weiteres Stück verschoben. „Die Illusion, Deutschland habe aus dem Nationalsozialismus ein für alle Mal gelernt, liegt in Trümmern. Das moralische Tabu verliert an Wirkung“, warnte Matthias Quent von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena vor wenigen Tagen gegenüber der Tagesschau.
Siegmund hat bewiesen, dass man mit einem Dauerlächeln selbst die Einstufung als „gesichert rechtsextrem“ zur Nebensache degradieren kann. Unabhängig vom Einzug in die Staatskanzlei, wird er künftig als der Mann dastehen, der das politische Koordinatensystem Sachsen-Anhalts dauerhaft verändert hat. Der eigentliche Triumph des „Feelgood-Populisten“ hat längst stattgefunden. (Quellen: dpa, Zeit, Handelsblatt, Focus, Spiegel, Tagesspiegel, AFP, MDR, taz) (fbu)