„Der Krieg muss endlich aufhören“
Stand: 23.10.2026, 14:11 Uhr
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Standhalten oder weggehen? Junge Menschen in der Ukraine wollen beim Wiederaufbau helfen, doch ihre Widerstandskraft schwindet. Dazu kommt die Angst vor Zwangsrekrutierungen. Die Regierung versucht fieberhaft, neue Perspektiven zu bieten. FR-Redakteurin Ursula Rüssmann (Text und Fotos) war in Odessa und hat erlebt, wie die Stimmung zwischen Kampfgeist und Erschöpfung schwankt.
Da klafft ein Riesenloch in der Außenwand der 1. Etage, das Flachdach davor ist auch neun Monate nach zwei Drohneneinschlägen einsturzgefährdet und darf nicht betreten werden. Da, wo im Januar die 200 Fenster der Berufsfachschule für Bau- und Gastronomieberufe in Odessa zerplatzten, sind die Wandlöcher immer noch notdürftig mit Spanplatten geflickt. Drinnen baumeln Notstromkabel von den Decken. Im Hof ein ausgebranntes Auto: Auch eine Gasleitung war explodiert.

Schüler sind hier in der Bazarnastraße kaum anzutreffen, stattdessen viel Baumaterial, das dringend auf Verwendung wartet: ein Stapel Solarpanels, finanziert von der deutschen Regierungsorganisation GIZ, daneben Wand- und Deckenplatten. Schulleiter Ihor Tschernenko hastet durch die Gänge, zeigt den Gästen aus Deutschland dies und das, ist wie getrieben: „Wir müssen hier wieder aufbauen. Die Schüler brauchen eine gute Ausbildung, sie sind unsere Zukunft!“ Und wenn wieder eine Drohne einschlägt? „Wir zeigen den Russen, dass wir nicht aufgeben. Dann bauen wir wieder auf!“
4000 Angriffe auf Schulen – allein das sind 4000 Kriegsverbrechen
Dass das nötig werden könnte, ist nicht ausgeschlossen. Russland hat seine Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine dramatisch verschärft, allein mehr als 4000 Bildungseinrichtungen hat Putins Armee seit Kriegsbeginn landesweit beschädigt oder zerstört. 4000 Angriffe auf Schulen – allein das sind 4000 Kriegsverbrechen. Auch hier in Odessa glaubt niemand, dass die zwei Attacken auf die Berufsschule in der Bazarnastraße ein Versehen waren. Eine regelrechte Vertreibungsstrategie verfolge Moskau, sagen sie hier: Denn wenn erst Schulen und Krankenhäuser kaputt sind, treibe das auch die Menschen fort.

Direktor Tschernenko tut alles, damit seine Jugendlichen bleiben können. Die Berufsschule hat 340 Schüler:innen, sie behelfen sich seit Monaten mit Online-Unterricht. Und die Praxis-Ausbildung? Schwierig. Angehende Köche und Konditoren mussten in Restaurants, Cafés und Schulkantinen der Stadt wechseln, denn die Lehrküche ist kaputt. Vor Ort gibt es an diesem Septembertag nur einen Workshop für Metall-Auszubildende. Im zweiten Stock ziehen künftige Trockenbau-Monteur:innen unter Anleitung Gipskarton-Trennwände ein. „Die Schüler helfen mit am Wiederaufbau ihrer Schule“, sagt Direktor Tschernenko. Er hofft, im Januar wieder eröffnen zu können – schwer vorstellbar in diesem fünften Kriegsherbst.
Die jungen Trockenbauer sind im dritten Lehrjahr, im Mai ist ihre Abschlussprüfung. Wo sehen sie ihre Zukunft? Ein junges Mädchen tritt sofort aus der Reihe vor: „Ich will helfen, das Land wieder aufzubauen. Unser Beruf wird hier ja dann überall gebraucht.“

Andere aus der Klasse wirken weniger sicher. Bei den jungen Männern spielt auch die Wehrpflicht eine Rolle: Ab 18 wartet auf sie die Grundausbildung, ab 25 der immer gefürchtetere Fronteinsatz. Ein junger Lehrling will nach Dänemark, ein anderer plant mit Japan. Ein dritter zögert lange, seufzt schwer und sagt dann leise, er wolle bleiben.
Viele fallen an der Front, die Einheiten müssen gewechselt werden
„Der Krieg muss endlich aufhören!“, platzt es plötzlich aus einer Jugendlichen heraus, sie bricht in Tränen aus und läuft hinaus. Die jahrelangen Kämpfe, die Alarme, die alltägliche Angst: Das alles ist jetzt hier im Raum zu greifen. „Unsere Psyche hat schon ziemlich gelitten“, bringt ein Schüler hervor. Gerade sei eine Drohne in seinem Viertel eingeschlagen, ein Nachbarhaus wurde getroffen, er ist sichtlich angefasst. Der Direktor sagt, schon 20 Absolventen der Schule seien an der Front gefallen. „Es fällt uns sehr schwer, damit umzugehen.“
Standhalten? Oder weggehen? Das Ringen darum ist allgegenwärtig in unseren Begegnungen hier im Südwesten der Ukraine. Wer mit Jungen und Alten, mit Lehrern, Ärztinnen und Vertriebenen spricht, erlebt Menschen voller Entschlossenheit und Überlebenswillen, die im nächsten Augenblick zusammenbrechen. Die viel beschworene kollektive Resilienz der Menschen bröckelt. Eine Spurensuche.

Schon die Metropole Odessa selbst, die sich immer noch stolz „Perle am Schwarzen Meer“ nennt, zeigt ihre tiefen Wunden nicht auf den ersten Blick. Die Cafés und Bars sind voll in diesem lauen Herbst und die Liegen am Strand gut besucht. Ortskundige beschwören euphorisch die „mediterranean vibes“. An der Potemkinschen Treppe hinunter zum Hafen, weltberühmt geworden durch den sowjetischen Propaganda-Stummfilm „Panzerkreuzer Potemkin“, gibt es Zuckerwatte und Eis. Ein Straßenmusiker spielt zum Wegträumen „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin.
Der Ausblick aber: Zerstörung und Stillstand. Kein umtriebiges Hafenleben mehr, keine Kreuzfahrtschiffe, Fähren, Frachter. Stattdessen die ausgebrannte Ruine des 19-stöckigen Hotels Odesa. Der Seehafen war der wichtigste Umschlagplatz des Landes für Im- und Export, damit ist längst Schluss. Die vermehrten russischen Attacken mit Drohnenschwärmen und ballistischen Raketen haben die Schifffahrt lahmgelegt.
Und dann heult auch schon wieder der Luftalarm aus den städtischen Sirenen und den zahllosen Air-Alert-Apps. Eine junge Frau mit Kinderwagen hastet aufgeschreckt weg Richtung Zentrum. Alle anderen bleiben. Gleichgültigkeit angesichts der Lebensgefahr? Nein, sagen Fachleute und sprechen von einem inneren Abwehrmechanismus, der das Weiterfunktionieren in einem unabsehbar langen Krieg überhaupt erst möglich macht. Ein Mitarbeiter des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), in der Stadt Dnipro zu Hause, die noch näher an der Front im Osten liegt, beschreibt, wie er das bei seiner Tochter erlebt hat: „Sie war am Anfang des Krieges wochenlang völlig aufgelöst und panisch bei Alarmen. Sie hat vier Wochen im Badezimmer geschlafen, weil das ganz im Inneren der Wohnung liegt und sicherer ist. Heute reagiert sie gar nicht mehr.“

Spurlos bleibt das alles trotzdem nicht. Mentale Erschöpfung, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit, auch Aggressivität nehmen zu. Laut Weltgesundheitsorganisation und ukrainischer Regierung benötigen mindestens ein Viertel der rund 36 Millionen Menschen im Land psychologische Hilfe, längst nicht mehr nur Soldaten, die von der Front oder aus Gefangenschaft zurückkehren. Die Ressourcen reichen dafür nicht.
Wir verlassen die Stadt, fahren nordwestlich hinaus in das Dorf Stari Schompoly, das zur Landgemeinde Dobroslav gehört. Es geht vorbei an gigantischen Sonnenblumenfeldern, die Ernte der öligen Kerne steht kurz bevor. Ein fast surreal anmutendes Bild unbehelligter agrarischer Prosperität, aber es trügt. Denn es ist fraglich, ob das Pflanzenöl noch seinen Weg zu den internationalen Abnehmern finden kann. Jahrelang war die Ukraine Weltmarktführer bei dem Produkt. In dieser Saison hat sich erstmals Russland an die Spitze gebombt, mit den Dauerattacken auf die ukrainische Frachtschifffahrt über das Schwarze Meer.

Neben den Feldern ziehen sich bis an den Horizont dreireihige Panzersperren aus Beton. Sie wurden gleich 2022 errichtet, aus Angst, die russische Armee, die im ersten Ansturm weite Teile des Ostens und Südostens besetzt hatte, könne auf dem Landweg von Mykolajiv aus auch auf Odessa vorrücken. In der Stadt taten sich damals die Menschen in den Wohnblocks zusammen, nahmen Ströme Geflüchteter aus den umkämpften Gebieten auf. Sie bauten in den Kellern Molotowcocktails und diskutierten, ob sie sie erst auf die feindlichen Panzer oder auf deren Tankwagen werfen sollten.
Olga Grynko, Dolmetscherin und Hochschuldozentin, war auch dabei. Sie habe damals in ihrem Keller jede Menge Lebensmittel und Wasservorräte deponiert und Schlafplätze eingerichtet, erzählt sie: „Da hätten mein Sohn und ich im Notfall eine Zeit lang durchhalten können.“ Fliehen sei keine Option gewesen. Damals entstand die Heldenerzählung von der bemerkenswerten Widerstandskraft der Ukrainerinnen und Ukrainer.
2022 wurde der Feind auf dem Landweg gestoppt. Heute aber schlagen seine Drohnen und Raketen aus der Luft umso brutaler in den Alltag der Menschen ein. Links auf der Straße liegen die verkohlten Trümmer eines gerade zerstörten, großen Baumarkts und Logistikzentrums. Zwei Tage nach unserem Gespräch wird Olga Grynkos Wohnanlage von einer Rakete getroffen, zwei Menschen sterben, fast 40 werden verletzt. Sie überlegt inzwischen, wenigstens den Winter woanders zu verbringen, allein schon wegen der drohenden Stromausfälle.
Die ukrainische Führung tut alles, um die kollektive Moral trotz der zermürbenden Kriegsgewalt zu erhalten. Die Hauptstraße des Städtchens Dobroslav wird flankiert von ukrainischen Flaggen, mit Porträts gefallener Soldaten aus dem Ort, viele sehr jung. Überall sieht man solche öffentlichen Gedenkorte für die „Helden der Verteidigung“, Blumen und Kerzen werden hier abgelegt.

In Stari Schompoly ist das Jugendzentrum der Ort, der die Gemeinschaft festigen und so den Menschen, vor allem den jungen, mehr Gründe zum Bleiben geben soll. Auf den letzten 20 Kilometern in das beschauliche 750-Einwohner-Dorf rumpelt das Auto über eine staubige Schotterstraße, ein Schulbus verkehrt hier aber auch. „Die Demografie ist das Problem unserer Dörfer“, sagt Irena Matyar, Kultur- und Jugendreferentin in Dobroslav, „wir tun alles, um die Abwanderung zu verhindern“.
Für die Wirtschaft ist es überlebenswichtig, die schleichende Abwanderung zu stoppen
Geholfen hat dabei das nationale Jugendaustauschprogramm „Vidnova“, das Jugendliche landesweit in den Wiederaufbau einbeziehen will. 30 junge Freiwillige aus der ganzen Ukraine und der Gegend hier haben 2025 im örtlichen Kulturhaus einen großen Jugendraum instandgesetzt. Mitfinanziert von den Vereinten Nationen, gibt es jetzt endlich, was vorher fehlte: Filme, Feste, Kreativkurse. Einen Ort für Debatten und einfach zum Chillen. Und für Mitbestimmung – denn in der Verwaltung von Dobroslav bestimmt ein Jugendrat als offizielles Beratungsgremium mit. Junge Delegierte aus Stari Schompoly und anderen Dörfern können sich jetzt zu den hybriden Sitzungen einwählen.
Das Jugendzentrum ist beliebt. Mindestens einmal pro Woche komme sie her, sagt eine Jugendliche, „vorher hatten wir hier ja keinen Treffpunkt“. Die anderen nicken. Sie ist auch Mitglied im Jugendrat und sichtlich stolz darauf.
Insgesamt wurden im Vidnova-Programm landesweit bisher an die 70 Jugendzentren neu- oder wiederaufgebaut. Dabei geht es auch darum, Binnenflüchtlinge aus den umkämpften und verlorenen Gebieten zu integrieren. Wiederaufbau schon im Krieg, ist die Devise. Vize-Jugendminister Andrij Tschesnokow lobt das Programm als wichtiges Instrument, „junge Menschen in die Erneuerung der Ukraine einzubinden und den Zusammenhalt zu stärken“.
Aber reicht das, um zu bleiben? Die Schule in Stari Schompoly führt bis zur 9. Klasse. Wer danach Abitur machen will, fährt täglich mit dem Schulbus nach Dobroslav. Schnell kommt das Gespräch auf den Krieg: „Die Schule hier hat keine Schutzräume, bei Alarm müssen wir rüber in den Schutzkeller im Kulturhaus“, sagt ein Junge. 200 Meter sind das, oft wird Unterricht so unmöglich. Derzeit findet er deshalb im Wechsel statt: eine Woche online, eine Woche Präsenz. Nach ihrem Abschluss wollen einige studieren, Jura und Medizin vielleicht. In Odessa vielleicht – oder auch im Ausland. „Ich chatte oft mit einem Freund, der in Deutschland ist“, sagt das Mädchen. „Er ist so froh, dass es da keine Luftalarme gibt.“

Zurück in Odessa, wo die für das Land so wichtigen drei Schwarzmeerhäfen auf nicht absehbare Zeit im Koma liegen – und wo trotzdem junge Leute Fernwehträume von einer Karriere auf See haben. „Der Arbeitsmarkt für Seeleute geht wegen des Kriegs stark zurück“, stellt Igor Dotsenko fest, Vizedirektor der Schule für maritime und Eisenbahnberufe. Dennoch wird in die Einrichtung investiert. Man muss und will bereit sein für den Neuanfang, irgendwann.
Ein angehender Schiffsnavigator im dritten Lehrjahr übt gerade an einem topmodernen Simulator. Hier sieht es aus wie auf der Kommandobrücke eines großen Frachters: An einem großen Schaltpult steuert er das virtuelle Schiff, dieses Mal durch den Bosporus, der auf drei Bildschirmen vor ihm zu sehen ist. Untiefen, Strömungen, Wind- und Wetterverhältnisse, Gegenverkehr: Alle Daten sind programmiert. Gerade noch scheint die Sonne, jetzt stellt der Lehrer den Simulator auf Sturm. Der Stresspegel beim Schüler steigt, auf dem Screen peitschen die Wellen höher, dann taucht auch noch ein Schlepper von der Seite auf. Das Schiff neigt sich gefährlich, Zusammenstoß.
Solche Übungen sind kein Spaß. Sie müssen vielmehr das notwendige Praxistraining ersetzen, das die russischen Drohnenschwärme auf dem Schwarzen Meer unmöglich gemacht haben. Laut Vizedirektor Dotsenko ist die Nachfrage nach den Ausbildungsgängen seiner Schule trotz der unsicheren Zukunft groß. Warum? 20 junge Kadetten sitzen ernst und etwas steif im Klassenraum. „Andere Länder sehen“, ist das meistgenannte Motiv, Kanada, Italien, Frankreich zum Beispiel. Manche wollen dauerhaft im Ausland leben. Damit sind sie nicht allein.
Zur See zu fahren, hat in Odessa eine lange Tradition. Die Liebe zum Beruf wird in vielen Familien seit Generationen weitergegeben. Nach der Ausbildung hier kann man noch studieren und Offizier oder Kapitän werden. Ukrainische Arbeitskräfte sind auf Schiffen weltweit begehrt. Sie verdienen oft gut und haben nach Monaten auf See lange Urlaub, um die Familie zu sehen. Das tun sie derzeit aber nicht mehr in der Heimat: Rund 50.000 ukrainische Seeleute sind Schätzungen zufolge seit Kriegsbeginn nicht mehr zurückgekehrt, weil sie fürchten, dass sie nicht mehr ausreisen dürfen und für die Armee rekrutiert werden.
Der Exodus hat Folgen: Auch sehr viele ihrer Familien haben das Land verlassen und leben im Ausland, vor allem in Polen, der Republik Moldau oder in Deutschland. Damit fließen auch die Löhne der Seeleute nicht mehr zurück, die ein erheblicher Wirtschaftsfaktor waren. Die Gehaltstransfers schrumpften laut der Ukrainischen Nationalbank von 15 Milliarden US-Dollar 2021 auf rund acht Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Vor dem Krieg hatten Rücküberweisungen aller Arbeitsmigranten insgesamt immerhin acht Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen.

Für die Wirtschaft der Ukraine ist es überlebenswichtig, die schleichende Abwanderung zu stoppen. Überall sprießen Programme und Projekte. Das Arbeitsamt für die Region Odessa etwa hilft seit gut zwei Jahren Binnenvertriebenen und Veteranen bei der Existenzgründung – als Alternative zur Arbeitslosigkeit. Das landesweite Dachprogramm „Made in Ukraine“ wird vor allem von Japan und dem UN-Entwicklungshilfeprogramm (UNDP) unterstützt.
Die junge Iryna K. (Name geändert) musste aus der Region Saporischschja fliehen, als die Russen das Gebiet einnahmen, mit ihrem damals sechsmonatigen Baby. „Ich habe monatelang nur irgendwie funktioniert“, erzählt sie. Der Mann an der Front, allein mit dem kleinen Kind – „ich hatte keine Perspektive, konnte keinen Plan fassen“. Bis sie, unterstützt und begleitet vom Amt, einen kleinen privaten Kindergarten gründen konnte, ganz nah bei ihrer Hochhauswohnung. Dort betreut sie nun neben dem eigenen Kind auch andere Flüchtlingskinder. „Ich hätte das ohne die Hilfe der Behörde nicht geschafft“, sagt sie. „Sie glauben manchmal mehr an mich als ich selbst.“
Ein Kriegsveteran entwirft und vertreibt Patches für Zivil- und Militärkleidung, eine Friseurin bekam Unterstützung bei der Stromversorgung. Eine alteingesessene Fensterfirma – im Krieg eine systemrelevante Branche – musste ihren Onlineauftritt modernisieren und wurde vom Amt dabei unterstützt. Andere machten sich mit einem Reinigungsservice, Fitnesscenter, Tanzclub selbstständig. Insgesamt entstanden in gut zwei Kriegsjahren 740 neue Unternehmen im Großraum Odessa, und 1200 neue Arbeitsplätze. So stemmt sich, auch abseits der Front, eine bedrohte Nation gegen die Ausblutung.
Und sie setzt Zeichen gegen Ohnmacht und Verzweiflung. Ortstermin in der Familie-Glodan-Straße im Süden von Odessa. Die Straße heißt seit diesem Sommer so, benannt nach der jungen Familie, die hier bis vor vier Jahren lebte: Yuriy Glodan, seine Frau Valeria und die kleine Tochter Kira. Einen Tag vor dem orthodoxen Osterfest im April 2022 endete ihr junges Familienglück. Eine russische ballistische Rakete schlug in den Wohnblock ein, traf auch die Wohnung der Glodans im vierten Stock und tötete Valeria, ihre Mutter Ljudmyla und die dreimonatige Kira. Yuriy war einkaufen und sah das Haus in Flammen, als er vom Supermarkt zurückkam. „Da hat er einen Teil von sich selbst verloren“, wird seine Mutter später sagen. Yuriy meldete sich bald zur Armee, zur Infanterie. Er fiel im Herbst 2023 bei schweren Kämpfen nahe Bachmut.
Wir waren schon seit 2014 Frontstadt, da wurde all die Jahre bereits gekämpft. Wir haben zeitweise rund um die Uhr Verletzte behandelt, auch das Krankenhaus wurde mehrfach beschossen.
Ausgerechnet in der Straße der Glodans gibt es seit Sommer 2025 einen Ort der Heilung – wie ein Ausruf, dass Tod und Zerstörung nicht das letzte Wort haben sollen. In der Polyklinik „Mariupol.Health“ arbeiten jetzt Fachärztinnen und Therapeuten, die 2022 bei der verheerenden Belagerung aus Mariupol fliehen mussten, und Vertriebene aus dem Donbass. Auch viele ihrer Patienten und Patientinnen sind Binnenvertriebene.
Radiologin Marina Korneeva steht neben dem Ultraschallgerät, schnell fließen die Sätze aus ihr, als diktiere sie wie gewohnt einen Arztbrief. Sie kommt aus Avdijivka, der Stadt im Donbass, die die ukrainische Armee 2024 nach langen Kämpfen den Russen überlassen musste. Die Ärztin ist seit 35 Jahren im Beruf, sie blieb, solange es ging, in der Heimatstadt: „Wir waren schon seit 2014 Frontstadt, da wurde all die Jahre bereits gekämpft. Wir haben zeitweise rund um die Uhr Verletzte behandelt, auch das Krankenhaus wurde mehrfach beschossen.“ Seit 2025 lebt und arbeitet sie jetzt hier in Odessa, wie auch ihr Sohn. Die Enkelin sei hier geboren worden, sagt sie und lächelt erstmals.
Korneevas Patient:innen sind Kriegsveteranen oder leben in Odessa. „Aber zu mir kommen auch Leute, die ich schon in Avdijiwka behandelt habe.“ Das helfe ihr, sagt sie, aber „der Donbass bleibt in meinem Herzen“.
Und dann fließen die Tränen schon hemmungslos. Denn ihre alte Mutter, inzwischen 86, ist jetzt ganz allein in der Stadt Donezk, die schon seit 2014 russisch besetzt ist. Zuletzt durfte die Ärztin die damals 81-Jährige 2021 besuchen, weil sie ein Bein gebrochen hatte. Seit 2022 geht nichts mehr: „So viele Familien zerbrechen“, schluchzt die Medizinerin: „Wir werden uns vielleicht nie mehr wiedersehen.“
Auch Alina Kalaschnikowa weiß nicht, ob sie ihren Mann noch einmal in die Arme schließen kann. Die 31-jährige Gynäkologin, geflüchtet aus Mariupol, ist mit einem Frontsoldaten verheiratet, er war in russischer Kriegsgefangenschaft, hat dann eine Psychotherapie durchlaufen, berichtet sie. Jetzt kämpft er wieder, und zwar in der Asow-Brigade, die regelmäßig an den am härtesten umkämpften Frontabschnitten eingesetzt wird.
Ihr früherer Direktor aus der Klinik Mariupol habe sie aus Kiew nach Odessa geholt, berichtet die junge Ärztin und wirkt sehr kontrolliert. Sie führt zahlreiche Gesundheitsprobleme bei ihren Patientinnen auf den Krieg und den chronischen Stress zurück. Hormonelle Störungen gehören dazu, vermehrte Komplikationen bei Schwangerschaften. „Generell werden weniger Kinder geboren, die Frauen schieben ihren Kinderwunsch auf.“ Ihre persönlichen Pläne? Sie hat die Heimat längst noch nicht aufgegeben. „Ich nehme den ersten Bus zurück nach Mariupol, sobald das wieder geht“, sagt sie und strahlt.
Für Alina Kalaschnikova und Marina Korneeva ist nicht vorstellbar, was Millionen anderer getan haben: die Ukraine zu verlassen. Und auch unter denen, die ins Ausland geflüchtet sind, brennt vielmals die Sehnsucht nach ihrem Zuhause. Manche sind der Heimat deshalb so nah geblieben, wie es irgend ging.
In der Nacht darauf schlagen russische Drohnen im nahen Grenzübergang Starokosatsche ein
Das Dorf Palanca liegt nur gut 50 Kilometer entfernt von Odessa, aber hier, auf der moldauischen Seite der Grenze zur Ukraine, fühlen sich die Menschen noch einigermaßen sicher. In der Pension Casa Veche, einem renovierten, hundert Jahre alten Bauernhaus mit Reetdach und Lehmwänden, kann man auf bekannten Webplattformen Übernachtungen im Doppelzimmer buchen. Umgerechnet 70 Euro inklusive Frühstück. Gerade ist ein US-amerikanischer Radurlauber zu Gast. Er durchkreuzt die pittoreske Landschaft am Grenzfluss Dnjestr und lässt sich moldauische Spezialitäten schmecken, die köstlichen Placinte zum Beispiel, süß oder herzhaft gefüllt. Am Vortag hat er bei bestem Sonnenschein spontan einen Kurzausflug auf die ukrainische Seite gemacht, nur um einen Stempel vom ukrainischen Grenzposten in seinen Pass zu bekommen.
Eine Stippvisite mit hohem Risiko: In der Nacht darauf schlagen russische Drohnen im nahen Grenzübergang Starokosatsche ein, zwei Menschen sterben. Wenig später trifft ein Geschoss einen Bus am Grenzposten Palanca. Es ist Zufall, dass nur eine Person leicht verletzt wird.
Solche Angriffe häufen sich, Moskaus Armee nimmt zunehmend auch die Landwege von Odessa nach Westen ins Visier. Hochangespannt haben wir die wichtige grenznahe Mayaki-Brücke passiert, mit ihren Rissen im Beton und den provisorischen Befestigungen: Viermal wurde die Brücke seit Jahresende attackiert, zuletzt Ende September. Es gab mehrfach Tote und Verletzte.
Der kleine Grenzverkehr, der dem jungen US-Touristen als prickelndes Vergnügen erschien, ist für Anna L. und Milana S. jedes Mal mit Ängsten besetzt. Die beiden Rentnerinnen, die in Wahrheit anders heißen, sind in den Gastraum der Casa Veche gekommen, um mit uns zu sprechen. Sie sind aus Odessa hierher nach Palanca geflohen, denn die Belagerung ihrer Stadt, die ständigen nächtlichen Alarme und Angriffe haben sie nicht mehr ausgehalten. Trotzdem zieht es sie immer wieder dahin zurück. Dann buchen sie einen Platz in einem der vielen pendelnden Kleinbusse und zittern bei jeder Fahrt über die gefährliche Mayaki-Brücke.
Es mischt sich Bitterkeit in die Beteuerungen der Heimatliebe
Beide Frauen haben noch ihre Wohnungen in Odessa. Anna fürchtet: „Wenn ich nicht ab und zu hinfahre, schnappt sie sich irgendwann jemand anderes.“ Aus Angst vor Luftangriffen bleibt sie aber nie über Nacht. Damit kann aus dem Tagesbesuch eine Tortur werden, denn in der angespannten Lage dauert es an der Grenze auch mal mehrere Stunden.
Auch ihren vertrauten Ärzten in Odessa halten Anna L. und Milana S. die Treue. Milana verbrachte im vergangenen Winter sogar drei Monate in der umkämpften Hafenmetropole – das Feuerholz in Palanca sei ihr zu teuer geworden. Hier im moldauischen Dorf kann sie in ihrem Elternhaus leben, in dem sie auch ihre Kindheit verbracht hat. Sie zieht eigenes Gemüse und nennt das Haus ihren „sicheren Hafen“. Aber Heimat ist Odessa für sie. Irgendwann gehe sie für immer zurück, hofft sie.
Dann aber mischt sich Bitterkeit in die Beteuerungen der Heimatliebe. Denn beide Frauen haben Söhne, die weiter in der Ukraine leben. Anna L. hebt die Hände wie zum Stoßgebet, Tränen in den Augen: „Wir wollen endlich Frieden!“ Sie hat Riesenangst um ihren Sohn. Der 44-Jährige sei im Mai plötzlich abends abgeholt und zum Militär eingezogen worden. Erst kam er in eine Ausbildungseinheit, dann hat sie nichts mehr von ihm gehört. Jetzt fürchten sie und ihre Schwiegertochter um sein Leben. „Vielleicht ist er schon an der Front? Da sterben so viele Unschuldige“, schluchzt sie und wird wütend: Die Musterungszentren seien korrupt, viele, die das Geld hätten, kauften sich frei.
Viele, sagt Milena, wissen gar nicht, wofür sie kämpfen: Wir gehören doch alle zur slawischen Nation
Die Lage der Ukraine ist äußerst prekär: Weil die Freiwilligen-Meldungen rückläufig sind, an der Front aber viele fallen und die Einheiten ausgewechselt werden müssen, gehen die Rekrutierungskräfte immer härter vor. Vorwürfe von Gewalt, beliebigen Festnahmen Wehrpflichtiger am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Straßenbahn häufen sich. Im Web kursieren entsprechende Videos. Und solche, in denen wütende Passanten gemeinschaftlich auf patrouillierende Rekrutierungskräfte einprügeln. Eine Kluft der Entfremdung tut sich da auf in der bisher so solidarischen Nation.
Auch die Wirte in der idyllischen Casa Veche kennen viele, die sich dem opferreichen Fronteinsatz im Osten entziehen wollten. Das Gastgeberpaar Zaharii und Tatiana Arama erinnert sich vor allem an drei junge Männer: „Die kamen durchnässt, frierend und verschlammt hier an und sagten, sie suchten Asyl.“ Irgendwie hatten die drei es durch den von der Ukraine streng überwachten Fluss geschafft. Andere, so Zaharii, „bestechen die Grenzposten mit 10.000 Euro, wenn sie es sich leisten können.“ Wer einmal in Palanca auf moldauischem Territorium ist, wird nicht mehr zurückgeschickt und hat das Recht auf ein Asylverfahren. Darauf weist schon am Grenzübergang ein großes blaues Schild von UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, und dem moldauischen Ombudsmann für Menschenrechte hin, mehrsprachig und mit QR-Code versehen.
Im Casa Veche macht sich derweil die Rentnerin Milana S. ihre eigenen Gedanken über all die Gewalt, das Leid und das Sterben. Ihr eigener Sohn, erzählt sie, sei trotz vier Kindern und einer Behinderung auch erst mal eingezogen worden, irgendwann habe man den Irrtum aber zum Glück bemerkt. „Viele“, sagt sie dann noch, „wissen doch gar nicht, für was sie eigentlich kämpfen. Wir gehören doch alle zur slawischen Nation.“
Transparenzhinweis: Die Recherche
fand statt bei einer von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) organisierten und mitfinanzierten Journalistenreise.