Kari Hukkilas Roman "Tausend und eins"
Ein Roman kann ein Strom sein, der einen mitreißt, eine ungezähmte Aufforderung, durch mäandernde Gedanken zu waten, beim Nachdenken dabeizusein, wie bei einer Operation an offen liegenden Organen. Solche Aufforderungen schaffen es selten auf den deutschen Buchmarkt, von etlichen Gegenwartsromanen geht eher eine gewisse Julizehhaftigkeit aus – das handelnde Personal scheint stets auf kleinen Holzschildern die Thesen mitzuführen, die es auskleiden soll. Im ersten Roman des finnischen Autors und Dramatikers Kari Hukkila dagegen blicken wir auf größere Operationen – die freilich nicht unbedingt gut ausgehen müssen.
Wenn „Tausend und eins“ jetzt auf Deutsch erscheint, liegt da eine Aufforderung zur Erinnerung vor uns: Hukkila, geboren 1955 in Helsinki, veröffentlichte „Tuhat ja yksi“ 2016, nachdem vorher eine Essaysammlung von ihm erschienen war – die Bände wirken zusammen als Nachdenken über Kultur, Flucht und Einwanderung. Sie schauen auf so etwas wie eine Verhärtung der Welt und Verkarstung von Mitgefühl. Jetzt, zehn Jahre später, steht gerade der Stadtname Ceuta für viele Europäer weniger für ein dramatisches Beispiel von Tod und Instrumentalisierung von Menschen in Not, sondern vielmehr für einen Anlass, Freizügigkeit in Europa abschaffen zu wollen, Grenzen zu bewehren und abschätzig über spanische Innenpolitik zu urteilen. Verpanzerung vor Elend (das oft genug Ergebnis unseres Lebensstils ist) soll Wirtschaftswachstum retten und rechtsdrängende Populisten im Zaum halten. Wir scheinen zehn Jahre weiter in der Ausprägung von Kaltherzigkeit zu sein, die bei Hukkila das Grundrauschen ausmacht und seine Prosa melancholisch färbt.

„Tausend und eins“ ist eine Art Essay-Roman, der damit beginnt, dass ein namenloser Ich-Erzähler aufs finnische Land fährt. In Waldeinsamkeit und Sommerhaus will er sich einem Schreibprojekt mit rigorosem Zeitplan widmen. Der Konjunktiv des ersten Satzes lässt uns ahnen, dass daraus nichts wird: „Bereits im April stand fest, dass ich am Donnerstag, den 17.6., von Helsinki nach Uukuniemi an der Ostgrenze fahren würde, um mich einer Arbeit zu widmen, die den ganzen Frühling auf mir lastete, weil sie durch eine Auseinandersetzung mit einigen meiner Verwandten geprägt war.“
Das Scheitern hat einerseits mit umgestürzten Bäumen zu tun, die den Eingang zur Hütte versperren, andererseits aber auch mit der Ungreifbarkeit des Projekts selbst: der Entfremdung vom Bruder, der sich in Internetforen rechter Stimmungsmache tummelt. Gedanken über Wittgenstein und Gustaw Herling, dem Überlebenden eines sowjetischen Straflagers, sind ein weites und einigermaßen unübersichtliches Geläuf. Die Widerspenstigkeit der Materie (in diesem Fall: Birken) kann da gut hineingrätschen und Zugänge versperren – der Ich-Erzähler gibt auf und reist zu seinem Freund Mara, einem gewesenen Philosophen (Schwerpunkt: Wittgenstein), nach Rom.
Gespräche mit alten Texten zur Erklärung der Gegenwart
Was als eine Art Übersprungshandlung beginnt, wird zu einem Gespräch, das manchmal im Fahrwasser von W.-G.-Sebald-Romanen schippert – diese Unterhaltung bestreitet Mara, der einen Mann kennenlernte, der sich bald als „der Äthiopier“ und damit als Illegalisierter herausstellt, mit Herlings dokumentarischen Aufzeichnungen aus dem Straflager Jercewo, mit Wittgenstein, der Poesie des finnisch-schwedischen Modernisten Gunnar Björling und einigen mehr. Allerdings ist die Fülle von Material nur Ausdruck einer tiefer liegenden Spannung, eines Gegensatzes, der sich zwischen Erzähler und seinem Bruder abbildet.
Dem Ersten gehen Erschütterungen nahe, ein Begriff, den wir uns merken müssen: Katastrophen, die wir täglich beobachten können, in denen sich Menschen verfangen. Etwa weil sie in Europa als „Dubliner“ gebrandmarkt werden, also zu Produkten der Dublin-Verordnung werden und als Asylsuchende in das Land zurückgebracht werden, durch das sie in die EU einreisten. Oder, ganz generell gesprochen, wenn Spielräume für Zugewandtheit und Nachdenklichkeit verschwinden.
Vom Bruder kommt vor allem „Undwennschon“
Dem gegenüber steht die Haltung des Bruders, die auf Abschätzigkeit zusammenschmurgelt: „Egal, was ich sagte, mein Bruder stieß zur Antwort ein kurzes Lachen aus, und wenn schon, und ein älterer Verwandter schaute wortlos mit einem übelwollenden Blick zu mir herüber, nur die Mundwinkel unter dem Bart verzogen sich zu einem Grinsen, wann immer mein Bruder sein Undwennschon von sich gab.“ Finnland, kann man kurz einwerfen, hat dramatische Probleme mit der Demographie, die sich seit Längerem abzeichnen – Landstriche veröden, Schulen werden geschlossen, Fachkräfte fehlen, die Versorgung von älteren Menschen wird zu einem Problem. Politische Versprechen gegen Einwanderung sind dagegen enorm populär.
In „Tausend und eins“ hofft der Erzähler gegen all das auf die Kraft von Erschütterungen, die von Erdbeben in Italien, kolonialer Vergangenheit, Herling oder Wittgenstein ausgehen könnten: „Wenn ich meinen Bruder nur zum Weinen und Lachen bringen könnte, würde dies sein Leben möglicherweise erschüttern.“ Dabei ist er kein triefäugiger Pathetiker, der mit Batiktüchern behängt stets ans Gute glaubt: Er sieht den Geflüchteten, Kurre, als bedürftig und verletzlich, „und ich hatte auch gesehen, wie schamlos Kurre Mara ausnutzen konnte, doch egal wie komplex das Netz der Ausnutzung zwischen ihnen war, ich hatte auch ein paar unschuldige Momente zwischen ihnen gesehen, und das war genug“.
Die Zwickmühle ist überklar, in der Hoffnung auf Erschütterungen offenbart sich dem Erzähler ein naiver Kern, eine Form von Idealismus als Glaube an Emotionen: Die Erschütterungen sollen den Boden für Überzeugungen zerbrechen und eine doch nur pathetisch beschreibbare Dimension von Menschlichkeit hervortreten lassen. Kari Hukkila ist zu klug, um auf so eine Katharsis zu hoffen.
Roland Barthes hat einmal über das Rauschen nachgedacht und darin den Ton des gut Laufenden gefunden. Im Rauschen liege ein Paradox, gewissermaßen das rucklos Funktionierende als Aufhebung des Geräusches selbst: „Die glücklichen Maschinen sind folglich die rauschenden.“ Das System von Ausgrenzung und Vertreibung, das wir uns mit der Europäischen Union zurechtgelegt haben, funktioniert keineswegs geräuschlos. Die ständig steigende Lautstärke der Empörungsmaschine zeigt an, mit wie viel Energie die Misstöne der Verpanzerung überdeckt werden müssen, wie kräftig die Erschütterungen sein könnten, die von ihr ausgehen.
Kari Hukkila: „Tausend und eins“. Roman. Aus dem Finnischen von Maximilian Murmann. Literaturverlag Droschl, Wien 2026. 208 S., geb., 25,– €.