Mathias Imbach: Der Schweizer Bankchef, der Banken einst verachtete


Der Mann, der ohne Konto leben wollte und dann eine Bank gründete: Die ungewöhnliche Geschichte von Mathias Imbach

Der heutige CEO von der Bank Sygnum weigerte sich als junger Unternehmensberater einst, in Frankfurt bei einer Bank zu arbeiten. Er machte Karriere in Indien, und dann nahm sein Leben eine kuriose Wende.

18.07.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Mathias Imbach, CEO von Sygnum, der ersten Krypto-Bank der Schweiz.

Mathias Imbach, CEO von Sygnum, der ersten Krypto-Bank der Schweiz.

Samuel Schalch

Mathias Imbach hatte lange nur Verachtung für die Finanzbranche übrig. Er unternahm sogar einen Versuch, ohne Bankkonto zu leben: Sein Herz schlug damals ganz für ein alternatives, dezentrales Finanzsystem auf Basis der Blockchain.

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«Ich kann mich noch heute in allen Einzelheiten daran erinnern, wie ich zur Credit Suisse ging, um dort mein Bankkonto aufzulösen», sagt der CEO der Bank Sygnum, eines Instituts, das er im Jahr 2019 zusammen mit drei Weggefährten gegründet hatte. «Im Rückblick ist mir diese Episode ein bisschen peinlich, aber ich musste da wohl durch.»

Wenig überraschend stellte Imbach rasch fest, dass der Alltag ohne Bankkonto kaum zu bewältigen ist. Er habe aus diesem Experiment auf jeden Fall viel gelernt. «Es war ein kleines Puzzleteil, das mein Denken geprägt und letztlich dazu geführt hat, dass ich gemeinsam mit meinen drei Mitgründern Luka, Manu und Gerald Sygnum startete.» Diese Firma bezeichnet sich als die «weltweit erste Bank für digitale Vermögenswerte».

Sygnum schlägt eine Brücke zwischen der Blockchain-Technologie hinter Bitcoin oder Ethereum und dem herkömmlichen Finanzsystem. Heute ist eigentlich allen in der Branche klar, dass Aktien, Anleihen, Kredite oder Währungen früher oder später alle auf der Blockchain gehandelt werden – weil diese Technologie der herkömmlichen IT-Infrastruktur der Finanzbranche überlegen ist.

Doch als Imbach half, Sygnum aus der Taufe zu heben, war das erst die Meinung einer kleinen und nicht immer besonders vertrauenerweckenden Minderheit.

«Ich werde noch heute Abend kündigen»

Die Abneigung gegenüber Banken hätte Imbach beinahe seine erste Stelle nach dem Wirtschaftsstudium gekostet. Damals arbeitete er als Juniorberater bei Bain & Company, und sein Chef wollte ihn nach Frankfurt zu einer Bank schicken. Imbach sagte ihm: «Wenn ich jetzt da hinmuss, werde ich noch heute Abend kündigen.»

Ihm sei bewusst gewesen, dass er nicht besonders wichtig für Bain gewesen und dass er mit seiner Arbeitsverweigerung ein Risiko eingegangen sei, sagt Imbach. Sein damaliger Chef sah grosszügig über seine Allüren hinweg.

Imbach selbst hat nach eigenem Bekunden seine «libertär angehauchte Phase» überwunden und sieht sich heute als «liberalen Realisten». «Ich habe beim Aufbau von Sygnum einen enormen Respekt vor dem Banking bekommen. Ich würde heute nie mehr abschätzig darüber reden.»

Kleine Bank, hochkarätiger Verwaltungsrat

Ausgerechnet diesem Imbach und seinem Gründungsteam ist es gelungen, frühere Topshots von UBS, Swiss Life oder Prudential für den Verwaltungsrat von Sygnum zu gewinnen. Der ehemalige UBS-Chef Peter Wuffli, der als Vizepräsident amtet, war sogar der erste Berater und ein früher Investor. Dabei ist die Bank mit 250 Mitarbeitern und 6 Milliarden Franken verwaltetem Vermögen noch immer klein.

Wuffli bezeichnet Imbach als «Ausnahmetalent». Er gehöre zu der raren Spezies von Menschen, die blitzgescheit seien und gleichzeitig sehr integer und angenehm im Umgang. «Ich bin wegen Mathias zu Sygnum gekommen, nicht wegen der Krypto-Technologie.»

Imbach ist ein charismatischer Typ. Das sagen alle, die ihn kennen. Zu seinen Vertrauten gehörte namentlich der mittlerweile verstorbene indische Industrielle Ratan Tata. Dessen Family-Office führte Imbach, bevor er Sygnum mitgründete. Dieses diente Tata vor allem dazu, in Jungunternehmen zu investieren.

Wie Imbach zur rechten Hand des legendären Unternehmers aufstieg, sagt viel über seinen Charakter aus. Denn natürlich wusste Tata nichts von der Existenz des Studenten Imbach an der weit entfernten Universität St. Gallen. Es war Imbach, der es sich in den Kopf setzte, Tata kennenzulernen. Er wollte ihn als Redner und Sponsor für das St. Gallen Symposium gewinnen – eine Konferenz, die jeweils von Studenten organisiert wird.

Doch wie tritt man mit jemandem in Kontakt, der von seinem Umfeld systematisch abgeschirmt wird? «Erst versuchte ich, aus der Schweiz heraus an Tata heranzukommen, indem ich jeden Morgen um 4 Uhr aufstand und zum Telefonhörer griff, um seine Assistentin zu erreichen», sagt Imbach.

Als ihm klarwurde, dass er so nicht weiterkommen würde, reiste Imbach nach Indien. Er machte auf Packpapier eine grosse Netzwerk-Skizze von Tata und den Personen aus seinem Umfeld. Die klapperte er dann während zweier Wochen alle ab, bis ihm jemand den Tipp gab, dass Tata an einer Konferenz auftreten werde, und ihm ein Ticket organisierte.

Tata sass am Nachbartisch von Imbach. Er war ganz nahe und doch unerreichbar weit weg. Als der indische Unternehmer die Konferenz frühzeitig verliess, nahm Imbach allen Mut zusammen, lief ihm nach und rief: «Ich bin ein Student aus der Schweiz, und es würde die Welt für mich bedeuten, wenn Sie mir 15 Minuten Ihrer Zeit widmen könnten.»

Kurz: Imbach schaffte es, Tata nach St. Gallen zu bringen. Das glaubte man ihm an der Universität allerdings erst, als die ersten Zahlungen aus Indien eingingen. Der Kontakt zu Tata riss seither nicht mehr ab.

Als Imbach in Singapur ein MBA-Programm beginnen sollte, stattete er auf dem Weg dorthin seinem Mentor einen Besuch ab. Tata sagte ihm, er solle seine Zeit nicht verschwenden und lieber zu ihm nach Indien kommen und eine Doktorarbeit schreiben. Imbach dissertierte über die Tata-Gruppe.

Imbach wurde nicht nur zu einem engen Mitarbeiter von Tata, sondern zum bedingungslosen Fan. Der Sygnum-Chef kann stundenlang über den bemerkenswerten Unternehmer reden. Und so prägt Tatas moralisches Vorbild auch nach dessen Tod die Firmenkultur von Sygnum.

Sie solle von Demut und Integrität geprägt sein, sagt Imbach. «Tata war eine sehr bodenständige Person und behandelte alle Menschen gleich. Er schüttelte auch den Polizisten beim Sicherheitscheck am Flughafen die Hand – was ich in Indien nicht oft gesehen habe.»

Imbach versucht, wichtige Führungsprinzipien zu übernehmen, die er von seinem Mentor gelernt hat. «Let others shine» etwa. Dass man als Chef dafür sorgen sollte, dass andere im Vordergrund stehen.

«Zero-Asshole-Policy»

Als CEO von Sygnum möchte Imbach nicht im Scheinwerferlicht stehen, sondern lieber dafür sorgen, dass keine Widerlinge eingestellt werden. «Wir haben eine ‹Zero-Asshole-Policy› – wir wollen keine Mitarbeiter haben, die schlecht für unsere Firmenkultur sind und unsere Werte nicht teilen, egal wie erfolgreich und begabt sie sind.»

Er verzichte lieber auf Umsatz oder nehme negative Schlagzeilen in Kauf und trenne sich von Personen, die nicht zu Sygnum passten. Es sei ihm zwar sehr unangenehm, Mitarbeiter zu entlassen, aber er merke immer wieder: «Man überschätzt systematisch den negativen Impakt einer harten Entscheidung, und man unterschätzt die positiven langfristigen Folgen, die daraus resultieren», sagt Imbach.

«Mathias ist unglaublich stark darin, ein Team zu motivieren», attestiert Wuffli. «Und er hat diese Widerstandskraft, ohne die es in diesem Geschäft mit seinen Achterbahnzyklen schlicht nicht geht. Ich habe Mathias noch nie jammern gehört.»

2022 litt die noch sehr junge Bank massiv unter dem Preiszerfall von Bitcoin und Co. «Damals diskutierten wir, ob wir eine drastische Restrukturierung durchführen und die Hälfte der Mitarbeiter entlassen sollten», erinnert sich Wuffli. Doch Mathias und sein Team hätten sich entschieden dagegen ausgesprochen, und das beeindrucke ihn bis heute, sagt der frühere UBS-Chef. Imbach habe gesagt: «Wenn wir das tun, machen wir unsere Firmenkultur kaputt.»

Wahrscheinlich war Imbach auch bei jenem Entscheid vom indischen Vorbild inspiriert. «Ratan Tata machte oft den sogenannten Sunshine-Test mit mir zusammen. Zum Beispiel, wenn wir im Auto von einem Termin nach Hause fuhren», sagt Imbach.

Dieser Test geht so: Man stelle sich jeden Abend die Frage: «Wenn all das, was du heute getan hast, morgen auf dem Titelblatt einer Zeitung stehen würde: Müsstest du dich vor deiner Familie und den engsten Freunden dafür schämen?»

Das sei auch eine befreiende Übung, sagt Imbach. Wenn man die Frage verneinen könne, werde man die schlechten Gefühle los, die immer dann auftauchten, wenn man grosse Risiken eingehe. «Aber für solche Fehler braucht man sich nicht zu schämen. Man kann keine Firma aufbauen, ohne Fehler zu machen», sagt Imbach.

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