Massaker oder Tragödie? – Die Ukraine und Polen werfen sich in ihrer Geschichtspolitik gegenseitig Gewalt vor
Massaker oder Tragödie? Die Ukraine und Polen werfen sich in ihrer Vergangenheitspolitik gegenseitig Gewalt vor
Obwohl Polen und die Ukraine gegenüber dem kriegerischen Aggressor Russland starke gemeinsame Interessen haben, verheddern sie sich in der gemeinsamen schuldhaften Geschichte. Gegenwärtig liegt das Klima zwischen Kiew und Warschau im tiefen Frostbereich.
Ulrich M. Schmid18.07.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Der Nationalistenführer Stepan Bandera ist für die Polen ein rotes Tuch, in der Ukraine geniesst er weit über ultranationalistische Kreise hinaus Verehrung. - Kiew, 2016.
Zuma / Imago
In Osteuropa gerinnt die Gegenwart langsamer zu Geschichte. Geschichte war immer erst gestern, egal, wie viel Zeit verstrichen ist. Nationalistische Auseinandersetzungen belasten das Verhältnis zwischen Serben und Kroaten, zwischen Ungarn und Rumänen, zwischen Albanern und Nordmazedoniern und natürlich auch zwischen Ukrainern und Polen.
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Die Wunden gehen tief, und entsprechend schwierig ist es, der Geschichtsfalle zu entkommen und nach Wegen für eine gemeinsame nachbarschaftliche Zukunft zu suchen. Gerade das ukrainisch-polnische Verhältnis ist enormen Schwankungen unterworfen, bei denen Freundschaftsbeteuerungen und gehässige Anklagen abwechseln. Gegenwärtig bewegt sich das geschichtspolitische Klima zwischen Kiew und Warschau im tiefen Frostbereich.
Schnittmenge null
Die gegenwärtige Debatte betrifft einmal mehr den Massenmord ukrainischer Nationalisten an der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. In Polen wird dieses Kriegsverbrechen als «wolhynisches Massaker», in der Ukraine als «wolhynische Tragödie» bezeichnet. Nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad im Februar 1943 wollte die ukrainische Aufstandsarmee (UPA) sicherstellen, dass die Westukraine nach Kriegsende nicht wieder an Polen fällt.
Während der «antipolnischen Aktion» tötete die UPA hunderttausend Menschen. Bei Vergeltungsaktionen der polnischen Heimatarmee kamen etwa fünfzehntausend Ukrainer ums Leben. In der Ukraine gelten die Soldaten der UPA als Wegbereiter einer eigenen Staatlichkeit, in Polen werden sie als Kriegsverbrecher und Mörder betrachtet. Die Schnittmenge der polnischen und der ukrainischen Geschichtsdeutung ist hier und in vielen anderen Fällen fast null.

Der polnische Präsident Karol Nawrocki legt am Denkmal zum Gedenken an die Einwohner von Radruz, die zwischen 1944 und 1946 von ukrainischen Nationalisten der OUN und der UPA ermordet wurden, einen Blumenkranz nieder.
Darek Delmanowicz / EPA
Die blutigen Ereignisse in Wolhynien wurden im 21. Jahrhundert zunächst in einem konstruktiven Geist aufgearbeitet. 2006 weihten der ukrainische und der polnische Präsident in Pawlokoma gemeinsam eine Gedenkstätte für 365 Ukrainer ein, die im März 1945 von polnischen Soldaten ermordet wurden. 2009 enthüllten die beiden Staatsoberhäupter in Huta Pieniacka ein Denkmal für 850 Polen, die von ukrainischen Angehörigen der Waffen-SS-Division «Galizien» umgebracht wurden.
Bald verhärteten sich jedoch die Fronten wieder. 2015 unterzeichnete Präsident Poroschenko ein Gesetz, das die UPA-Soldaten als nationale Freiheitskämpfer verklärte. 2016 antwortete das polnische Parlament mit einem Beschluss, der das Massaker in Wolhynien als «Völkermord» qualifizierte. Im selben Jahr nahm ein polnischer Kinofilm das Thema auf und präsentierte die ukrainische Mordaktion in drastischen Farben.
Vor diesem Hintergrund nützte auch die Geste von Präsident Poroschenko nichts, der 2016 in Warschau vor dem Mahnmal für das Massaker von Wolhynien niederkniete – Willy Brandts berühmten Warschauer Kniefall im Jahr 1970 imitierend. Heute findet zwischen der Ukraine und Polen ein Schlagabtausch statt, in dem beide Seiten Verdienstorden zurückgeben und neue Denkmalprojekte ankündigen.

Denkmal zum Gedenken an über tausend Polen, die am 28. Februar 1944 in Huta Pieniacka vom 5. SS-Polizeiregiment und ukrainischen Einheiten der SS-Galizien ermordet wurden.
Stako / CC BY-SA 3.0
In Kiew soll etwa ein «Pantheon der ukrainischen Nationalhelden» gebaut werden. Noch steht nicht fest, wessen sterbliche Überreste in die geplante Gedenkstätte übergeführt werden. In Polen fürchtet man, dass Kommandanten der ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) wie Roman Schuchewitsch oder Klim Sawur Einzug halten werden.
Rotes Tuch Bandera
Als rotes Tuch gilt vor allem der Nationalistenführer Stepan Bandera, der 1934 die Ermordung des polnischen Innenministers organisierte. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sass Bandera im Gefängnis. Nach dem Zusammenbruch Polens kam er 1939 frei. Er kollaborierte mit den Nazis, weil er in ihnen Verbündete für ein ukrainisches Nationalprojekt vermutete.
Kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion riefen Banderas Anhänger 1941 in Lemberg, dem heutigen Lwiw, einen ukrainischen Staat aus. Allerdings wollten Hitlers Schergen ihre territoriale Beute nicht mit den Ukrainern teilen. Sie verhafteten Bandera und internierten ihn bis zum Kriegsende im KZ Sachsenhausen. Danach ging Bandera ins Münchner Exil, wo er 1959 von einem Sowjetagenten ermordet wurde.
In der heutigen Ukraine wird Bandera unterschiedlich beurteilt. Im Westen gilt er als Nationalheld, der mit zahlreichen neuen Denkmälern geehrt wird. Im Osten überwiegt die Skepsis gegenüber Bandera. Im Jahr 2010 kam es sogar zu einem Auszeichnungschaos. Der abtretende Präsident Juschtschenko hatte in einer seiner letzten Amtshandlungen Bandera postum zum «Helden der Ukraine» ernannt. Der neue Präsident Janukowitsch annullierte die Ehrung gleich wieder.
Wolodimir Selenski hielt lange vorsichtige Distanz zu Bandera. 2021 lehnte er einen Vorstoss von 78 Parlamentariern ab, die Auszeichnung «Held der Ukraine» wiederherzustellen. Unter den Bedingungen des Kriegs ist der nationalistische Druck auf Selenski jedoch gestiegen. Deshalb erklärte er bei der Ankündigung des Pantheon-Projekts trotzig: «Niemand wird der Ukraine diktieren, welche Helden sie ehren soll.» Im Gegenzug hat der polnische Regierungschef Donald Tusk angekündigt, dass in Warschau eine neue Gedenkmauer mit den Namen der Opfer des Massakers von Wolhynien errichtet werde.
Aus polnischer Sicht sind weite Teile der Ukraine westlich des Flusses Dnipro historische Stammlande der polnisch-litauischen Adelsrepublik, die Ende des 18. Jahrhunderts zwischen Russland, Preussen und Österreich aufgeteilt wurde. Die Adelsrepublik war ein Vielvölkerreich, in dem sich nationale Identitäten übereinanderschoben. So beschrieb sich der Renaissance-Schriftsteller Stanislaw Orichowski in einer berühmten Wendung als «gente Ruthenus, natione Polonus», mithin als gebürtigen Ukrainer und polnischen Staatsbürger.

Petro Poroschenko am Mahnmal für das Massaker von Wolhynien in Warschau, 2018.
Krystian Dobuszynski / NurPhoto/ Getty
Nach den Teilungen verschwand der polnische Staat für über hundert Jahre von der europäischen Landkarte. Die Ukrainer fanden sich entweder in der Habsburgermonarchie oder im Zarenreich wieder. Oft übten aber nicht Österreicher oder Russen die faktische Herrschaft über die Ukrainer aus, sondern polnische Gutsherren.
Pragmatischer Pilsudski
Nach dem Ersten Weltkrieg zerfielen die grossen Monarchien in Europa. Während der ukrainischen Revolution brachen zwischen Polen und Ukrainern Kämpfe um Ostgalizien mit dem Hauptort Lemberg aus. Die Bevölkerungszahlen waren uneindeutig. In der Stadt Lemberg stellten die Polen etwa die Hälfte der Bevölkerung, in ganz Ostgalizien waren die Ukrainer knapp in der Mehrheit. Bis heute werden in Polen die erfolgreichen «Verteidiger von Lemberg» geehrt. Auf dem Lemberger Litschakiwski-Friedhof entstand eine grossangelegte Nekropolis. Gleichzeitig wurde der Mythos der «kleinen Adler» gepflegt: Auch polnische Gymnasiasten und Studenten hatten sich an den Kämpfen gegen die Ukrainer beteiligt.
Marschall Jozef Pilsudski verfolgte eine pragmatische Ukraine-Politik. Er schloss 1920 mit dem ukrainischen Regierungschef Simon Petliura ein Geheimabkommen, das polnische Militärhilfe an die Ukraine zur Abwehr der Bolschewiken gegen die Abtretung der Westukraine an Polen vorsah. Der ungleiche Handel nützte letztlich nichts: 1921 wurde die Westukraine im Vertrag von Riga Polen zugeschlagen, die übrigen ukrainischen Gebiete gerieten unter bolschewistische Herrschaft.
Zwei Jahre später verpflichtete sich Polen gegenüber den Siegermächten, den Ukrainern einen Autonomiestatus zu gewähren. Dieses Vorhaben wurde jedoch nie umgesetzt. In Wolhynien gab es zwar Ende der zwanziger Jahre ein gesellschaftspolitisches Experiment, das die Ukrainer zu loyalen polnischen Staatsbürgern formen sollte. Nach der Ermordung des Innenministers gingen die polnischen Behörden allerdings zu einer gewaltsamen Pazifizierung der Ukrainer über. Die beiden Bevölkerungsgruppen entfremdeten sich immer weiter.
Der gegenwärtige Geschichtsstreit sollte auf keinen Fall den Blick darauf verstellen, dass es in der Ukraine und in Polen nach wie vor gemeinsame Interessen gibt. Der wichtigste Bezugspunkt ist dabei die sogenannte ULB-Doktrin, die in den siebziger Jahren von dem Intellektuellenkreis um die polnische Exilzeitschrift «Kultura» ausgearbeitet wurde. Bereits damals wollte man einem allfälligen polnischen Revanchismus nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa einen Riegel schieben.
Die Autoren der «Kultura» argumentierten, dass eine Unterstützung neuer eigenständiger Staaten Ukraine (U), Litauen (L) und Belarus (B) im ureigensten Interesse Polens sein müsse. 1991 war Polen der erste Staat, der die ukrainische Unabhängigkeit anerkannte. Bereits damals fürchtete man ein imperialistisches Erstarken Russlands.
Die Abwehr der gemeinsamen Bedrohung aus Osten ist in der Tat das stärkste Band zwischen Polen und der Ukraine. Der ukrainische Aussenminister Andri Sibiha hat sogar einen gemeinsamen polnisch-ukrainischen Helden vorgeschlagen: Der ukrainische General Marko Besrutschko marschierte 1920 mit Pilsudskis Heer ins bolschewistisch besetzte Kiew ein und verteidigte die südpolnische Stadt Zamosc gegen die Rote Armee. Es fragt sich allerdings, ob der unbekannte Besrutschko den umstrittenen Bandera in den Schatten stellen kann.

Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer des Wolhynien-Massakers auf dem römisch-katholischen Friedhof im westukrainischen Olyka.
Vladyslav Musiienko / EPA
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