Der Meta-Effekt: Totalüberwachung als Fiebertraum der Tech-Millionäre


Smarte Brillen

Der Meta-Effekt: Totalüberwachung als Fiebertraum der Tech-Millionäre

Neue Technologien sind spannend und sollten eigentlich für Euphorie sorgen. Versteckte Kameras bei smarten Brillen, die aktuell boomen, sorgen aber eher für Entsetzen – bis hin zu totaler Ablehnung

Alexander Amon Jakob Pflügl

Ein Mann mit lockigem Haar trägt eine modern gestaltete Brille mit integriertem Display und spricht vor einem hellen Hintergrund.
Meta-CEO Mark Zuckerberg erwartet sich viel von seinen Smartglasses. Nun stößt er auf massive Gegenwehr.

Peter ist 17 und liebt Partys. Auch heute ist er eingeladen – die perfekte Gelegenheit, seine neue Brille auszuführen. Es ist nicht irgendein Gestell, sondern ein smartes Modell mit verbauter Kamera, Lautsprechern und Mikrofonen. Mit diesem neuen Gadget nimmt er auf der Feier mal mehr und mal weniger peinliche Momente auf, ohne dass es jemand bemerkt. Die kleine LED, welche die Aktivität der Kamera erkennen lassen soll, bemerkt im Trubel niemand. Als er ein paar Stunden später nach Hause kommt, wertet er das Material aus und lässt sich von Instagram binnen Sekunden Highlight-Clips erstellen, die sofort online gehen. Bis die anderen Jugendlichen am nächsten Tag aufwachen, weiß das Netz bereits, wer sich auf der Party danebenbenommen hat.

Was wie der Horror für Teenager und Eltern klingt, ist längst Realität. Sieben Millionen Smartglasses hat allein Mark Zuckerbergs Konzern Meta im Vorjahr verkauft. Eine Verdreifachung zu 2024. Zuckerbergs Entschlossenheit, in diesem Segment Marktführer zu werden, ist bis jetzt aufgegangen. Aktuelle Negativ-Schlagzeilen bremsen die Euphorie im Silicon Valley nicht. Die Tech-Branche hat eine neue Nische gefunden, die laut der Analysefirma Grand View Research von 3,2 Milliarden Dollar Umsatz in diesem Jahr auf zumindest 14 Milliarden Dollar bis Anfang der 2030er Jahre wachsen soll.

Deshalb werden aktuell weiter fleißig Patente angemeldet. Etwa auf die eingangs erwähnte Personenerkennung. Meta würde damit gerne die nächste Stufe der Entblößung unseres Privatlebens vorantreiben: smarte Brillen, die unauffällig Fotos und Videos knipsen, Gesichter scannen und direkt auf den Social-Graph aus Facebook- und Instagram-Profildaten zugreifen. Damit wüsste theoretisch jeder im Netz fast in Echtzeit, wer die gefilmten Personen sind – vorausgesetzt, sie besitzen ein Profil auf den Plattformen.

Was den Entwicklern vorschwebt, wirkt für andere wie die Vorstufe zur Totalüberwachung. Auch die Zahl der ohne Zustimmung erstellten und hochgeladenen Aufnahmen hat die Debatte um Privatsphäre jüngst neu entfacht. Derzeit geht es primär um belästigte Frauen, die ohne ihre Zustimmung gefilmt werden. Via Brille könnte man künftig aber auch im Bruchteil einer Sekunde Infos über das Gegenüber abrufen oder unbemerkt Nachrichten über diese Person empfangen. Gespräche auf Augenhöhe wären damit kaum noch möglich.

Eigentlich sinnvoll?

Wem das bekannt vorkommt, der hat wohl vor rund zehn Jahren bereits die Diskussion rund um die Smartglasses von Google mitbekommen. Tatsächlich sorgte massiver Gegenwind dafür, dass das Projekt vorerst, zumindest für die Öffentlichkeit, auf Eis gelegt wurde. Warum aber ließen die Tech-Riesen nicht locker und wagen nun den erneuten Vorstoß? Wissend, dass Datenschützer auf die Barrikaden steigen werden?

Die Antwort sind die multimodale KI-Modelle, die momentan boomen.

Wer derzeit mit Chatbots kommuniziert, muss noch zum Smartphone greifen. Geht es nach Zuckerberg und Co., ist das nicht mehr lange nötig. Im Idealfall kommuniziert man mit seinem KI-Assistenten nahtlos über das Gestell auf der Nase oder über smarte Ohrstöpsel – an denen, Gerüchten zufolge, etwa Apple mit integrierten Kameras arbeitet, um seiner Visual Intelligence die Umgebung zu zeigen.

Aus Nutzersicht steckt darin enormes Potenzial für Komfort und Barrierefreiheit. Ein kurzer Blick auf eine historische Fassade genügt: "Erzähl mir etwas über dieses Gebäude." Oder, wenn der Magen knurrt: "Wo ist das nächste Lokal – und wie komme ich hin?" Genau solche Alltagsmomente ließen sich freihändig lösen. Zudem hätten Menschen, die Probleme beim Sehen oder Hören haben, eine Erleichterung.

Dazu gesellt sich für die Konzerne ein praktischer Nebeneffekt: Smarte Brillen sind eine wunderbare Datenquelle. Um ihre KI-Modelle weiterzutrainieren, gieren Meta, Google und Co. nach First-Person-Videomaterial aus der echten Welt. Wer die Brille trägt, füttert mit dem Datenschatz die KI von morgen.

Rechtlich schwierig

Die aktuelle Debatte über Smartglasses dürfte den Tech-Konzernen da kaum ins Drehbuch passen. Die Geräte werden als "Spannerbrillen" bezeichnet, ihre Träger als "Glassholes". Der Missbrauch der Brillen, um Personen – vor allem Frauen – unbemerkt zu filmen, führt zunehmend zu Gegenwehr. Die NGO HateAid erstattete in Deutschland jüngst Anzeige gegen Meta, auch die österreichische Datenschutzbehörde warnte vor rechtlichen Folgen.

Relevant ist hierzulande etwa der Upskirting-Paragraf im Strafgesetzbuch, der 2021 eingeführt wurde. Wer gegen den Willen einer Person Videos "der Schamgegend, des Gesäßes, der weiblichen Brust oder der diese Körperstellen bedeckenden Unterwäsche" aufnimmt, dem droht eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten. Werden die Aufnahmen veröffentlicht, sind sogar zwölf Monate möglich. Dasselbe gilt, wenn private Fotos oder Videos dazu benutzt werden, um Menschen im Internet bloßzustellen ("Cybermobbing").

Auf einem Tisch liegen Smartglasses von RayBan.
Weißes Licht soll erkennbar machen, dass die Smartglass gerade aufnimmt. Ob das ausreicht, wird von Juristinnen gerade heftig diskutiert.

Aber auch vermeintlich unverfängliche Aufnahmen können illegal sein. Laut Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) muss transparent sein, wenn gefilmt wird. Bei Smartglasses ist das oft nicht der Fall. Zwar gibt es ein Aufnahmelicht an der Brille, für Passanten ist das aber mitunter schwer zu erkennen. Und selbst, wenn die Aufnahme transparent erfolgt: Videos oder Fotos von Personen, die nicht zugestimmt haben, können den Datenschutz verletzen. Als Faustregel gilt: Je stärker die Aufnahmen eine bestimmte Person ins Visier nehmen, desto eher sind sie illegal, auch im öffentlichen Raum. Betroffene können sich bei der Datenschutzbehörde beschweren oder gar vor Gericht ziehen.

Regeln oder verbieten?

Das Problem ist freilich: Betroffene wissen oft gar nicht, dass sie gefilmt werden. Das Aufnahmelicht an der Brille, auf das Meta hinweist, hilft da kaum. Wer nichts ahnt, kann sich nicht zur Wehr setzen. Und: Als Privatperson hat man wenig Möglichkeiten, unbekannte Täter auf eigene Faust ausfindig zu machen.

Braucht es also gesetzliche Nachschärfungen? Vielleicht sogar ein Verbot? In Deutschland ist diese Debatte voll angelaufen. Schon jetzt gibt es in der Bundesrepublik einen Paragrafen, der Aufnahmegeräte verbietet, die als Alltagsgegenstände getarnt sind. Ob das Verbot auch für Smartglasses gilt, wird nun heftig diskutiert.

Das österreichische Justizministerium verweist auf STANDARD-Anfrage auf die strengen EU-Datenschutzregeln, die schon jetzt gelten. "Eigene gesetzliche Maßnahmen des BMJ, speziell für Smartglasses oder KI-Brillen, sind derzeit nicht vorgesehen", heißt es. Auch das Staatssekretariat für Digitalisierung sieht bei den straf- und zivilrechtlichen Regeln "grundsätzlich keinen fundamentalen Anpassungsbedarf". Man wolle aber prüfen, ob es zusätzliche Regeln für mehr Transparenz brauche. "Wer aufgezeichnet wird, sollte das auch erkennen können." Von einem generellen Verbot hält man dagegen wenig. Das würde "Innovation bremsen, ohne das eigentliche Problem zu lösen". Auch auf europäischer Ebene ist derzeit keine eigene Smartglass-Regulierung geplant. Ein Sprecher der EU-Kommission verweist auf STANDARD-Anfrage auf den soliden rechtlichen Rahmen, den es über die DSGVO und die KI-Verordnung schon jetzt gibt.

Wohin die Reise geht

Bei aller Kritik an ihnen: Smarte Brillen sind gekommen um zu bleiben. Apple, Samsung, Google und Snap arbeiten neben Meta an ihrer Interpretation dieser Idee. Es braucht das nächste große Ding, das man zusätzlich zu Smartphones, Kopfhörern und Smartwatches verkaufen kann. Die Aktionäre dieser börsennotierten Unternehmen sind von satten Gewinnen verwöhnt. Um diesen Status Quo zu erhalten, braucht es neue Ideen.

Erfolgreich können die Geräte aber nur dann sein, erklärte Samsung-Chef James Choi kürzlich, wenn man das "Vertrauen der Bevölkerung gewinnen" kann. Gesichtserkennung würden die Samsung-Smartglasses deshalb nicht unterstützen, obwohl das technisch möglich sei, sagt Choi. Denkbar seien lediglich Spezialeinsätze in geschlossenen Systemen – etwa in Spitälern, wo Ärzte Patienten kontaktlos identifizieren und Krankenakten einsehen könnten. Für die private Nutzung seien diese Möglichkeiten aber zu gefährlich – und in einigen Ländern sogar lebensgefährlich. Etwa in Diktaturen: Spitzel könnten durch eine regimekritische Demonstration gehen und live Gesichtsdaten an die Behörden schicken.

Samsung nennt bisher, genau wie Google, als Kernfunktion für sein künftiges Produkt die Live-Übersetzung, die Navigation oder eben Fotos und Videos aus der eigenen Perspektive. Insgeheim hoffen in der Branche aber alle, dass personalisierte KI-Assistenten schon bald ein Niveau erreichen, mit dem sie zur "Killeranwendung" für Smartglasses werden.

Das Ziel lautet: Smartglasses als ständiger Begleiter für jedermann und jedefrau, wie derzeit Smartphone und Smartwatches. Als Accessoire, in verschiedenen Farben und Ausführungen. Die sportliche Variante für Rad- oder Skifahrer, das bunte Modell für die Geburtstagsparty und das seriöse Gestell fürs Büro. Man sieht so viele Möglichkeiten des Konsums, dass das Silicon Valley das nächste milliardenschwere Hardware-Ökosystem wittert. Bleibt die Frage, ob Regierungen hier schneller und effektiver agieren als bei Social Media und KI – oder ob wir mit den Brillen in den nächsten Digitalisierungs-Super-GAU laufen. (Alexander Amon, Jakob Pflügl, 30.8.2026)

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