Deshalb gibt es an Kirchweih Ente und Auszogene: Volkskundlerin erklärt Traditionen zum Fest


Stand: 18.10.2026, 07:59 Uhr

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WG: FLM Glentleiten Kirchweih

An Kirchweih gibt es traditionell Aus‘zogene. © Archiv

An Kirchweih feiern all Kirchen zusammen ihren Geburtstag. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gehört das Fest zur bayerischen Tradition.

Wenn in Bayern Kirchweih gefeiert wird, steckt das Herzblut des ganzen Dorfes drin. Doch während sich in der einen Region alles um die Kirta-Hutschn dreht, steht in anderen Orten der Tanz rund um einen Baum mit stolzem Kranz im Mittelpunkt. Volkskundlerin und Autorin Dorothea Steinbacher aus Ising am Chiemsee erklärt in unserem Kirchweih-Spezial die Vielfalt der Traditionen.

„Ein guter Zeitpunkt zum Feiern“: Expertin erklärt Hintergründe zu Kirchweih

Darum feiern wir Kirchweih:

Die Weihe, also der Geburtstag, wird schon seit vielen Jahrhunderten festlich begangen. Seit 1866 gibt es ein festes Datum. „Die Obrigkeiten entschieden, dass es einen verbindlichen Termin für alle gibt, den dritten Sonntag im Oktober“, erklärt Dorothea Steinbacher. Bis dahin feierten die Gemeinden am Namenstag des Kirchenpatrons. Und weil es viele Dörfer mit vielen Kirchen gab, wurde viel gefeiert. Auch die Nachbargemeinden nahmen gerne teil. „Dieses ausufernde Feiern wollte man ein wenig einbremsen“, so die Expertin. Zwar wird eben seit Mitte des 19. Jahrhunderts überall in Altbayern im Oktober gefeiert, häufig aber auch noch am Namenstag des Patrons.

Expertin Dorothea Steinbacher.

Expertin Dorothea Steinbacher. © Gnter R.Mller

Ein ganz besonderes Fest: „Man muss sich vorstellen, wie das Leben damals funktioniert hat. Das dörfliche Leben war geprägt von Bauern, Handwerkern und Tagelöhnern. Ende Oktober war die Ernte eingebracht, die Stadl gefüllt, die Tiere nicht mehr auf der Weide“, sagt die Volkskundlerin. „Es war eine Zäsur des bäuerlichen Wirtschaftsjahres, die Umstellung von Sommer- auf Winterwirtschaft. Ein guter Zeitpunkt, um zu feiern.“ Und das ausgiebig: Eine richtige Kirchweih dauert bis Dienstag, manchmal auch bis Mittwoch. Genug Zeit, um alte Bräuche mit Leib und Seele auszuleben. Egal, ob der Anlass Kirwa, Kirta, Kirchweih oder sogar Kirmes heißt.

Hinter den Bräuchen steckt viel Symbolik

Baum und Kranz: Die Bräuche rund um Kirchweih unterscheiden sich regional stark, weiß die Chiemgauerin. Eine Hochburg von Baum und Kranz ist das Amberg-Sulzbacher Land. Dort ist die Kirwa gerade wegen ihres Baumaufstellens und Kranzbindens immaterielles Kulturerbe. Es geht viel um Zusammenhalt und Gemeinschaft. Die Burschen schlagen den Kirwabaum (wie er in der Oberpfalz heißt), die Rinde bekommt geritzte Muster. Die Dirndl binden Kränze und verzieren diese mit Blumen und Bändern. Beim Aufstellen durch blanke Muskelkraft sind alle dabei.

Kirchweih/Kirmes: Kirmesbaumstellen auf dem Tanzplatz an der Kirche in Offheim.

Kirmesbaumstellen auf dem Tanzplatz an der Kirche in Offheim. © Nadja Quirein

Das Austanzen ist der Höhepunkt und für so manches Paar der Anfang eines gemeinsamen Lebensweges. Dorothea Steinbacher: „Kirchweih war immer ein Anlass, an dem sich junge Menschen kennenlernen konnten.“ Das ist heute nicht anders. Baum und Kranz haben eine gewisse Symbolik: Als geschlossener Kreis symbolisiert der Kranz Unendlichkeit und Gemeinschaft. Die frischen, grünen Nadelzweige stehen für Lebensfreude und Naturverbundenheit. Die Mädchen treffen sich einige Tage vor dem Fest, um die Kränze zu schmücken. In den meisten bayerischen Dörfern gibt es entweder einen Kirchweih- oder einen Maibaum. Die Rituale rund um das Bewachen und Aufstellen des Baumes ähneln sich meist.

Kirta-Hutschn und Schlemmen: Kirchweih ist ein Spaß für Groß und Klein

Kirta-Hutschn: Auch beim Brauch des Schaukelns auf der Kirta-Hutschn geht es um Gemeinschaft. Dorothea Steinbacher: „Früher holten die Burschen die unverheirateten Dirndl nacheinander zu Hause ab, da gab es meist einen Schnaps und eine Schmalznudel als Wegzehrung. Und in einer Scheune wartet dann die Hutschn.“ Die Schaukel besteht aus einem großen Holzbalken, der mit Ketten aufgehängt wird. Zwei Burschen schieben an, der Rest der Dorfjugend vergnügt sich. Schilder am Ortseingang laden zum Schaukeln auf dem entsprechenden Hof ein. Auch in manchen Freilichtmuseen gibt es Kirta-Hutschn.

Ebersberg Kita Hutschn Trachtler , Trachtenheim

Beim Kirta-Hutschn ist Spaß garantiert. © STEFAN ROSSMANN

Völlerei: Kirchweih wurde schon immer in besonderem Ausmaß gefeiert. „Früher war das der Anlass, um sich einmal richtig satt zu essen. Für viele wie Mägde und Knechte war satt essen alles andere als selbstverständlich.“ In einem Buch hat Steinbacher einen Kirchweih-Speiseplan von 1952 für 18 Personen entdeckt: Am Sonntag wurden Pfannkuchensuppe, Hasenragout, Semmelknödel von 60 Semmeln, gesottenes Schweinefleisch, Blaukraut, Röstkartoffeln, gebratenes Schweinefleisch, Knödel, Leberknödel, rote Rüben, Sellerie, Endiviensalat, zweierlei Gänse gebraten und Salate gereicht.

Zur Nachspeise gab es Semmelkoch, eine Art Semmelauflauf. Zwetschgenkuchen, Zwetschgendatschi und Bier, so viel man mochte. Und dann gibt es ja noch das berühmte Schmalzgebäck. „Schmalz hatte früher jeder Haushalt. Es war die einfachste und ehrlicherweise auch die einzige Art, wie man schnell und ausreichend kleine süße Gebäckteile herstellen konnte.“ Die Kirchweihnudeln werden traditionell überm Knie ausgezogen, daher auch der Name Aus´zogene. Dass an diesem Wochenende besonders viel Geflügel auf den Speisekarten zu finden sind, hat seinen Grund. „Hühner, Enten oder Gänse hatten auch die ärmeren Bauern, kapitale Schweine nur die Reicheren.“

Tipps und Termine für das ganze Jahr

Ob Fasching, Kirta oder Sankt Martin – das Jahr ist voller Brauchtumstermine. Bestens zu organisieren sind sie mit dem „Altbayerischen Festtags- und Brauchtumskalender“ (19,90 € im Buchhandel). Er enthält Namenstage, Festtage und Bauernregeln. Dazu u. a. einen Aussaat- und Pflanzkalender, den 100-jährigen Kalender sowie die Mondzeiten für Gesundheit und Wohlbefinden. Mehr als 2000 Veranstaltungstipps haben die Autorinnen Dorothea Steinbacher und Judith Kumpfmüller zusammengetragen: Märkte, Ausstellungen, Wallfahrten und vieles mehr. Als Schmankerl obendrauf gibt’s heimische Rezepte.

Der altbayerische Festtags- und Brauchtumskalender.

Der altbayerische Festtags- und Brauchtumskalender. © Altbayerischer Festtags- und Brauchtumskalender.

Diese Bedeutung hat die Fahne an den Kirchtürmen

Zachäus-Fahne: Am Kirchweihsonntag wird im Gottesdienst traditionell die Geschichte vom Zöllner Zachäus gelesen. Das Lukas-Evangelium erzählt, wie der verhasste Zöllner auf einen Baum gestiegen ist, um Jesus besser bei seinem Einzug nach Jerusalem zu sehen. Da soll er sich seine rote Hose zerrissen und so ein Zipfel von seinem weißen Hemd herausgespitzt haben. Daher die rote Fahne mit dem weißen Kreuz. Sie weht auch an diesem Wochenende wieder auf Bayerns Kirchtürmen.