Tennis in Hamburg: Deutsche Nummer eins will, dass Zuschauer überrascht nach Hause gehen


Ein langer Atemzug, dann ein tiefes Auspusten. Britta Wend (30) nimmt sich Zeit für diesen Aufschlag. Früh im ersten Satz liegt Deutschlands beste Rollstuhl-Tennisspielerin im Achtelfinale der Hamburg Wheelchair Open, die parallel zu den Hamburg Ladies Open am Rothenbaum stattfinden, gegen die Britin Lucy Shuker 0:3 zurück. Jetzt bloß nicht verkrampfen.

Wend wirft den Ball hoch und schlägt auf. Shuker retourniert, doch Wend ist schnell. Mit kurzen, kraftvollen Schüben beschleunigt sie, greift ans Rad, dreht den Sportrollstuhl um 180 Grad, holt mit rechts aus und peitscht den Ball zum Winner ins Feld. Die Faust schnellt nach oben. „Come on!“, ruft sie. Von der viel zu dünn besetzten Tribüne an Court 1 kommt ein einzelnes, aber lautes „Jawoll“.

Rollstuhltennis am Rothenbaum in Hamburg: Deutsche Nummer eins im Viertelfinale

Es ist ein Ballwechsel, der Werbung macht für das Rollstuhltennis und der zeigt, wie schnell der Rollstuhl dabei zur Nebensache wird. Schläger, Bälle, Platz und Zählweise sind dieselben wie im Tennis der gehenden Spielerinnen. Nur der Ball darf zweimal aufspringen. Auf dem Rang sorgt das zunächst noch für Verwunderung. „Der darf scheinbar zweimal aufkommen“, stellt eine ältere Dame leise fest. Wenig später verfolgen die rund 20 Zuschauer aber vor allem die Ballwechsel.

Nur aus einer großen Breite kann auch die Spitze entstehen.

Britta Wend (30), Rollstuhl-Tennisspielerin

Wend hat ihren nervösen Beginn da längst abgeschüttelt. „Dadurch wird man körperlich fest, dann fühlt sich alles nicht so locker an“, sagt die Bielefelderin nach dem Match. Sie dreht den ersten Satz noch, gewinnt ihn 7:5 und den zweiten deutlich mit 6:1. Nach dem Matchball schreit sie erneut ein lautes „Come on“, rollt anschließend in Richtung der Zuschauer, winkt und bedankt sich herzlich. Die kleine Gruppe auf der Tribüne applaudiert.

Hamburg Wheelchair Open zum ersten Mal parallel zu WTA-Event am Rothenbaum

Es ist zwar „nur“ die erste Runde des Feldes, das 16 Spielerinnen umfasst, doch schon die Premiere des Turniers ist ein besonderer Schritt. Erstmals findet ein internationales Damen-Rollstuhltennisturnier am Rothenbaum parallel zum WTA-Event statt. Es gehört zur höchsten Turnierebene und ist das größte seiner Art in Deutschland. Alle Teilnehmerinnen stehen in den Top 25 der Welt. „Mit dem Rollstuhltennis schlagen wir ein neues Kapitel auf“, sagt Turnierdirektorin Sandra Reichel.

Rollstuhl Tennis

Britta Wend (r./30) gewann ihr Auftaktmatch in Hamburg gegen die in der Weltrangliste zwei Plätze vor ihr liegende Lucy Shuker aus Großbritannien mit 7:5 und 6:1.© Witters | Valeria Witters

Für Wend ist diese Bühne keineswegs selbstverständlich. Sie erlebt auf der Tour auch Turniere ohne Zuschauer und mit Bedingungen, die dem Anspruch der Athletinnen kaum gerecht werden. „Auch wir arbeiten professionell“, sagt sie. Dazu gehöre etwa, sich ordentlich aufwärmen zu können. „Leider haben wir nicht bei jedem Turnier die Bedingungen dafür. Deswegen ist es hier super. Ich fühle mich sehr wohl.“

Wend weiß, wovon sie spricht. Seit einem Unfall beim Akrobatiktraining 2019 lebt sie mit einer inkompletten Querschnittlähmung. Mit dem Rollstuhltennis begann sie erst vor wenigen Jahren, inzwischen ist sie Deutschlands Nummer eins und gehört zu den besten 20 Spielerinnen der Welt. Bundestrainer Niklas Höfken nennt ihre Motivation, Disziplin und Intelligenz ihre größten Stärken. Niemand im deutschen Rollstuhltennis arbeite so professionell wie sie.

Rollstuhltennis in Deutschland: Lange Zeit Stillstand, doch die Entwicklung ist nun da

Doch gerade darin liegt in Deutschland noch der Widerspruch. Auf dem Platz wirkt alles nach Spitzensport. Die Präzision, die Athletik, der Kampfgeist – all das beeindruckt. Dahinter aber scheinen in Deutschland vielerorts noch die Strukturen zu fehlen. Andere Nationen wie Großbritannien und die Niederlande hätten Rollstuhltennis von Beginn an ähnlich professionell gefördert wie olympisches Tennis, sagt Höfken. Mit fest angestellten Trainerteams, Physiotherapeuten und medizinischer Betreuung. Deutschland habe diese Entwicklung lange verschlafen.

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Wend und Höfken erkennen dennoch Fortschritte. Das Tempo und das Niveau seien in den vergangenen Jahren gestiegen, ebenso der Professionalisierungsgrad und die Förderung. „Das kommt mir entgegen“, sagt Wend. Der nächste Schritt müsse sein, die Tour besser auf diejenigen auszurichten, die den Sport professionell betreiben. Gleichzeitig dürfe der Breitensport nicht vergessen werden. „Nur aus einer großen Breite kann auch die Spitze entstehen.“

Am Rothenbaum ist diese Spitze an diesem Tag sichtbar. Noch nicht vor vollen Rängen, aber nah genug, um bei den Zuschauern etwas auszulösen. Wend formuliert ihren Wunsch schlicht: „Ich fände es schön, wenn die Leute ein wenig überrascht nach Hause gehen – wie cool das hier wirklich ist, was wir machen.“