Neues Ziel, heikler Moment: Migrations-Aufregung bei Lukaschenkos Nachbarn – was ein Experte rät


Stand: 23.07.2026, 14:05 Uhr

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Belarus instrumentalisiert offenbar wieder Migration, Lettland ruft um Hilfe. Ein Experte ordnet die Lage für die FR ein. Analyse.

Lettland hat einen Hilferuf an seine Nachbarn gesandt: Das baltische Land verzeichnet im Juli einen unerwarteten Sprung in der Zahl ankommender Migrantinnen und Migranten – just aus Alexander Lukaschenkos Belarus. Die Lage könnte düstere Erinnerungen wecken: Ab dem Jahr 2021 wurde die Grenze zwischen Belarus und Polen einerseits offensichtlich zum Schauplatz einer politischen Migrationsstrategie, andererseits aber auch massiven menschlichen Leids. Nun ist offenbar das nächste Land in den Fokus gerückt. Der Migrationsexperte Marcus Engler rät im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau indes vor allem zu „Ruhe und Gelassenheit“.

Ein lettischer Grenzschützer vor einem Grenzzaun zu Belarus, ins Bild montiert Alexander Lukaschenko

Auch Lettlands Grenze zu Belarus ist teilweise stark gesichert – Alexander Lukaschenko scheint aktuell gezielt Migration als politische Strategie zu nutzen. (Archivbilder) © Alexander Welscher/Tatan Syuflana/picture alliance/dpa/AP

Bis einschließlich Juni hatte die EU-Grenzschutzbehörde Frontex 2633 irreguläre Grenzübertritte an den „osteuropäischen Landgrenzen“ erfasst, also von der Slowakei bis hinauf nach Finnland – 39 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Lettland meldete nun laut Euronews allein für den 16. Juli 111 versuchte Übertritte. Doch die Zahlen bieten ein gutes Stück Interpretationsspielraum. Und auch der politische Kontext ist interessant. Denn für Belarus könnten sich gerade die politischen Interessen im Baltikum verschieben. In Lettland ist unterdessen im März die Regierungskoalition über den Streit um einen zunächst nicht entdeckten Drohneneinflug zerbrochen. Das Innenministerium hat Janis Dombrava von der nationalistischen Partei NA übernommen. Anfang Oktober wird gewählt.

Lukaschenkos Migrations-Spiel mit den EU-Staaten ist „real“ – aber die Zahlen verlangen einen genauen Blick

„Natürlich ist es real, dass Russland und Belarus eine politische Strategie gegen andere Länder einsetzen“, sagt Engler, Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung. Allerdings sei die Debatte über Migration in den angrenzenden EU-Staaten enorm auf Sicherheitsaspekte fokussiert – und gerade in Wahlkampfzeiten stark politisiert. Tatsächlich seien nie „sehr große Zahlen“ an Menschen in den baltischen Staaten oder Polen angekommen. Im Krisenjahr 2021 etwa waren es knapp 40.000 Menschen in Polen, über das Mittelmeer kamen damals 115.000. Engler verweist auch auf ein Detail in Frontex’ aktueller Halbjahresstatistik: Von den gut 2600 irregulär Ankommenden an den östlichen EU-Landgrenzen seien rund 2400 ukrainische Staatsangehörige gewesen.

Eine offizielle Aufschlüsselung für den Juli gibt es bisher nicht. Das lettische Innenministerium beantwortete eine Anfrage nach aktuellen Zahlen bis Donnerstagmittag nicht. Engler sagt indes: „Eine Prognose ist immer schwierig – aber ich würde nicht erwarten, dass wir nun eine vollkommen andere Dimension erleben werden.“ Der Migrationsweg über Belarus oder Russland ist logistisch einigermaßen komplex: Als 2021 die Zahlen in Polen anstiegen, waren auch die Zahlen von Flugankünften etwa aus arabischen Ländern in Moskau oder Minsk angestiegen. Die These lag nahe, dass Belarus und Russland Menschen per Flug an die EU-Grenzen lockten. Engler sieht gerade deshalb erprobte Ansatzpunkte für Gegenmaßnahmen: Sanktionen gegen Airlines etwa, Druck auf die Abflugländer oder Informationskampagnen.

Polen reagierte damals aber zugleich physisch. Das Land wehrte Ankommende mit massiven Grenzanlagen ab und schob sie oft gewaltsam zurück nach Belarus. Menschen hingen im Niemandsland der Grenze fest, einige erfroren im beginnenden Winter. Ähnliche Tendenzen sind nun in Lettland zu erleben: Man habe Tränengas und auch einen Warnschuss eingesetzt, um ankommende Migranten aus Belarus vom ungesetzlichen Grenzübertritt abzuhalten, meldete die lettische Armee laut der Agentur Reuters am Mittwoch.

Die Lage an Russlands und Belarus‘ Grenzen sei speziell, räumt Engler im Gespräch mit unserer Redaktion ein – etwa angesichts der Frage, ob beispielsweise belarussische Agenten die Grenze überschreiten. Bei allen verständlichen Sicherheitsinteressen bleibe aber ein pragmatischer Umgang geboten. Die EU hat zuletzt ihren migrationspolitischen Kurs verschärft. Der Experte rügte: „Abschottungspraktiken und gewaltsamer Umgang mit Migrantinnen und Migranten werden in diesem Umfeld nicht mehr kritisch hinterfragt.“ Motivationen und persönliche Lage der Ankommenden seien kein Thema mehr, unter anderem, weil die Arbeit von zivilgesellschaftlichen Akteuren teils kriminalisiert sei. Es gehe nahezu ausschließlich um „Belastung“ und gefühlte Bedrohung – dabei seien die aktuellen Zahlen gerade mit verstärkter europäischer Kooperation durchaus zu handhaben.

Trump schafft neue Lage für Lukaschenko – plötzlich Gutwetter mit Polen und Litauen gefragt?

Bleibt die Frage: Warum verändern sich gerade jetzt die Migrationsströme aus Belarus? Warum schlagen die Entwicklungen besonders hohe Wellen? Lukaschenko könnte mehrere Gründe für ein neues Vorgehen haben. Das Centre for Eastern Studies in Warschau etwa sieht die vergleichsweise kurze lettische Grenze als besonders verletzlich – es gebe Personalmangel beim Grenzschutz und Polens Grenze sei weit stärker befestigt. Wahrscheinlich spielt aber auch ein tiefergehendes tagespolitisches Kalkül eine Rolle.

Donald Trumps USA haben Sanktionen gegen Dünger-Exporte aus Belarus ausgesetzt. Allerdings fehlt Lukaschenko ein passender Exporthafen, wie der Experte Boris Ginzburg unserer Redaktion unlängst erklärte – geografisch günstig gelegene Optionen gäbe es in Polen oder Litauen. In Polen wurden laut Correctiv von Januar bis Mai 215 versuchte illegale Grenzübertritte registriert, ein Rückgang um 98 Prozent gegenüber 2025. Überhaupt schien sich Polen zuletzt mit Lukaschenko zu arrangieren. Litauen meldete laut Euronews am 16. Juli, mit den 111 Fällen offenbar einen Höhepunkt der versuchten Übertritte Richtung Lettland, nur zwei derartige Vorfälle. Auch von Chaos durch belarussische Schmugglerballons blieb das Land zuletzt weitgehend verschont.

Die Entwicklung trifft mit einem neuen Kurs in Lettlands Regierung zusammen. Erst am 28. Mai hat Dombrava das Innenministerium vom liberalkonservativen Rihards Kozlovskis übernommen – und den Kampf gegen irreguläre Migration zu einem seiner Hauptziele erklärt. Spätestens mit der neuen Entwicklung an der Grenze und dem öffentlichen Hilferuf steht dieser Programmpunkt weit oben in der öffentlichen Debatte. Schon Mitte Juli unterzeichnete Dombrava beim Nachbarn Litauen ein Abkommen, das den Einsatz von Grenzschützern im jeweils anderen Land erleichtern soll. In ein paar Wochen, am 3. Oktober, wählt Lettland ein neues Parlament. (Quellen: Frontex, Marcus Engler, Euronews, Reuters, Centre for Eastern Studies, Boris Ginzburg, Innenministerium Litauen, Correctiv, eigene Recherchen)