Konjunkturflaute: Diese Gründer trotzen der Krise


Als Hannah Kramer die Kündigung bekam, hatte sie plötzlich etwas, das sie vorher nicht hatte: Zeit. Und eine Frage: Wofür brenne ich wirklich? Kramer hatte mehr als zehn Jahre in einer Werbeagentur gearbeitet, zuletzt als Projektmanagerin. Nach ihrer Kündigung begann sie nachzudenken. Über sich, über ihre Arbeit, über das, was sie wirklich wollte. Und darüber, wofür sie in Zukunft ihre Zeit einsetzen wollte. Sie musste dabei immer wieder an ihre Großmutter denken. Sie wurde 101 Jahre alt, lebte bis zuletzt im eigenen Haus und konnte dort betreut werden. Ein Glück, das nicht viele Menschen haben. Je länger Hannah Kramer darüber nachdachte, desto mehr reifte in ihr ein Plan. Vor etwa eineinhalb Jahren hat sie das Unternehmen „Senioren WG mit Herz“ gegründet. Die 40-Jährige unterstützt ältere Menschen dabei, eine Wohngemeinschaft zu gründen, vermittelt passende Mitbewohner und sucht geeignete Immobilien. Außerdem hilft sie Angehörigen, eine Alltagshilfe für ihre Eltern zu finden oder eine 24-Stunden-Pflege zu organisieren. Bei Hannah Kramer wurde aus einer Kündigung ein Unternehmen.

Hannah Kramer von „Senioren WG mit Herz“
Hannah Kramer von „Senioren WG mit Herz“privat

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Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise, die Konjunktur schwächelt, die Zahl der Arbeitslosen wächst. Zugleich geschieht etwas, das nicht so recht in das düstere Bild passen will: Die Zahl der Existenzgründungen steigt. Mehr als 690.000 Gründer gab es im vergangenen Jahr, nach 585.000 im Jahr 2024. Warum wagen sich immer mehr Menschen gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten an eine Existenzgründung?

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Ali Sekeryemez hat lange bei Mercedes-Benz in Bremen gearbeitet, er war einer von vielen Schichtarbeitern dort. Die Autokrise sei nicht der einzige Grund dafür gewesen, sagt der 34-Jährige, dass er gekündigt und den Schritt in die Selbständigkeit gewagt hat. Seine neue Aufgabe hat er sich bei einigen Bekannten abgeschaut, die sich im Baugewerbe selbständig gemacht haben und im Auftrag der großen Mobilfunkanbieter Glasfaserkabel verlegen. „Mir wurde gesagt, dass man da gutes Geld verdienen kann“, berichtet Sekeryemez. Vor wenigen Wochen gründete er seine Firma Infranord. Einen Mitarbeiter hat er auch schon angestellt, allein ist das Verlegen der Kabel nicht zu schaffen. Zu manchen Kunden fährt Sekeryemez 150 Kilometer weit, arbeitet oft elf Stunden am Tag. Gegenüber der Schichtarbeit sei es trotzdem eine Verbesserung, sagt er.

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Viele Menschen erhoffen sich vom Schritt in die Selbständigkeit vor allem eines: mehr Freiheit. Keinen Chef, der sagt, wann sie im Büro zu sitzen haben. Keine Tagesordnung, die andere vorschreiben. Der Wunsch nach Unabhängigkeit ist nach wie vor einer der wichtigsten Gründe, sich selbständig zu machen. So steht es im jährlich erscheinenden KfW-Gründungsmonitor. Mehr als jeder vierte Vollerwerbsgründer nennt das als Motiv für seine Selbständigkeit. Die Angst vor Arbeitslosigkeit spielt dem Gründungsmonitor zufolge kaum eine Rolle. In den Beratungen der Industrie- und Handelskammern sieht das anders aus. Dort sagten im vergangenen Jahr 36 Prozent der angehenden Gründer, sie dächten über die Selbständigkeit nach, weil ihnen Erwerbsalternativen fehlten. Das ist der höchste Wert seit elf Jahren. Die beiden Befunde sind kein Widerspruch: Die KfW fragt Menschen, die schon gegründet haben. Die Industrie- und Handelskammern beraten hingegen auch jene, die noch überlegen. Der schlechte Arbeitsmarkt bringt also womöglich mehr Menschen auf die Idee, sich selbständig zu machen.

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Cristina Lopez (links) und Laura Bottin von „Anti Hustle Club“
Cristina Lopez (links) und Laura Bottin von „Anti Hustle Club“privat

Cristina Lopez und Laura Bottin haben oft genug ihre Arbeitsstelle gewechselt, um nicht mehr daran zu glauben, dass die nächste automatisch besser wird. Lopez arbeitete als Kommunikationsdesignerin und Grafikerin. Bottin kommt aus der PR und Kommunikation. Gesucht hatten beide bessere Arbeitsbedingungen, mehr Freiheit, echte Entwicklungsmöglichkeiten. Gefunden haben sie das in ihren früheren Jobs nicht. „Wir haben nach dem Studium angefangen zu arbeiten und uns gefragt, ob wir das so jetzt wirklich noch 40 Jahre lang machen müssen“, sagt Lopez. Beide fühlten sich ausgelaugt. Als Lopez im vergangenen Jahr etwas länger krank war, bereitete ihr schon der Gedanke daran Sorgen, wieder in ihren alten Job zurückzumüssen. Sollte es das wirklich gewesen sein? Nacheinander kündigten die beiden Schulfreundinnen ihre Arbeitsstellen. Anfang des Jahres gründeten sie dann ein kleines Unternehmen für Nahrungsergänzungsmittel. Doch schnell merkten Lopez und Bottin: Sie wollten nicht nur einfach ein Produkt verkaufen. Im Juni starteten sie auf Instagram und Tiktok den „Anti Hustle Club“. Hustle steht für „abrackern“. Auf ihren Kanälen erzählen Lopez und Bottin nun von ihrem Neustart. Mehrmals in der Woche laden sie Videos hoch. Die 35-Jährigen wollen anderen dabei helfen, über ihr eigenes Verhältnis zur Arbeit nachzudenken. Noch ist das kein Unternehmen, von dem sie leben können. Für die Zukunft können sie sich Workshops und Treffen für Gleichgesinnte vorstellen. Ob die beiden einmal davon leben können werden? Das wissen sie heute nicht. Noch beziehen beide Arbeitslosengeld. Hundert Tage geben sie sich, um zu sehen, ob aus ihrer Idee ein Geschäft werden kann.

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Wer gründet, gründet meist allein. Nur 14 Prozent der Gründungen fanden laut KfW im Team statt.

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Kristin Forster, Gründerin von Fadenelefant.
Kristin Forster, Gründerin von Fadenelefant.Fadenelefant

Seit wenigen Tagen ist Kristin Forster richtig selbständig. „Es ist schon so ein bisschen wie ohne Schwimmflügel“, sagt sie. Im Nebenerwerb begann Forster schon Ende 2022 mit ihrem Unternehmen „Fadenelefant“, damals war sie noch in Elternzeit. Eines Tages wurde der gelernten Konditorin und sozialpädagogischen Assistentin dann aber klar, dass sie nicht mehr in ihren alten Beruf zurückkehren wollte. Sie hat zwei kleine Kinder. Die Selbständigkeit mache sie flexibler, sagt Forster. Ihre Firma verkauft Produkte rund ums Nähen und Selbermachen. Zum Beispiel Stoffe und sogenannte Patches zum Aufbügeln. Sie sei zufrieden mit der bisherigen Entwicklung, sagt Forster. Mehrmals die Woche packt sie Ware, bringt Pakete zu Fuß zur Post, kümmert sich um den Onlineshop und den Auftritt in den sozialen Medien. Auf großem Fuß leben will Forster nach eigenem Bekunden nicht. Ihre Familie habe es gut, sagt sie. Schön wäre es, wenn irgendwann ihr Mann in das Unternehmen einsteigen könnte; noch arbeitet er als Angestellter. Das nächste Unternehmensziel: ein Lastenfahrrad. Dann müsste Kristin Forster mit den Paketen nicht mehr zu Fuß zur Post gehen.

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Nicht jede Gründung beginnt mit einer Kündigung. Im Gegenteil: Vier von zehn Gründern bleiben zunächst angestellt. Sie bauen ihre Selbständigkeit nebenher auf. Oder sie suchen sich auf anderen Wegen finanziellen Rückhalt.

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Tanja Kulisch-Ziemens von „The Great Moneyverse“
Tanja Kulisch-Ziemens von „The Great Moneyverse“privat

Tanja Kulisch-Ziemens blickt auf ein langes Berufsleben als Angestellte zurück. Die 51-Jährige arbeitete früher für die Beratungsgesellschaft PWC und war am Aufbau der nationalen Abwicklungsbehörde beteiligt, die später in der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) aufging. Der Wunsch nach Eigenständigkeit schlummerte schon lange in ihr. „Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und bin damit aufgewachsen“, sagt sie. Vor zwei Jahren begann sie, als Freelancerin beratend tätig zu werden. Das gab ihr die Sicherheit und das nötige Einkommen, um sich an ihre eigentliche Mission heranzuwagen. Vor ein paar Monaten hat Kulisch-Ziemens das Start-up The Great Moneyverse gegründet. Die Firma entwickelt ein Handyspiel, das Kindern den Umgang mit Geld beibringen soll. Dafür hat sich die Gründerin einige Unterstützung geholt. Zwei Entwickler, einen Künstler, eine Marketingexpertin und eine Assistentin hat sie eingestellt. Um ihren Traum wahrzumachen, greift Kulisch-Ziemens tief in die Tasche: Das Vorhaben finanziert sie bislang aus ihrem Ersparten, Investoren hat sie noch keine.

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Niemand arbeitet so viel wie Selbständige. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Besonders hoch ist der Anteil langer Arbeitszeiten unter Selbständigen, die Angestellte haben: 44,5 Prozent von ihnen arbeiten mehr als 48 Stunden in der Woche. Bei Soloselbständigen sind es immerhin 23 Prozent. Zum Vergleich: Unter den vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern leisten nur 4,1 Prozent mehr als 48 Wochenstunden. Ihre durchschnittliche Arbeitszeit lag zuletzt deutlich darunter, bei 40,2 Stunden pro Woche.

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Tim Stutzenstein (links) und Chris Schneider von „Erste Liebe“
Tim Stutzenstein (links) und Chris Schneider von „Erste Liebe“privat

Es gibt einen Satz, den man oft von Menschen hört, die einmal gekellnert haben, eine teure Siebträgermaschine in der Küche stehen haben oder jedes Wochenende einen Cappuccino außer Haus trinken: „Irgendwann mache ich mein eigenes Café auf.“ Meistens bleibt es bei diesem Satz. Bei Chris Schneider war es anders. Dabei hatte Schneider einen Job im Vertrieb, für den ihn viele beneideten. Das Gehalt war stattlich, er konnte im Homeoffice arbeiten und hatte damit viel Freiheit. Doch nach mehreren Jahren mit dieser Stelle fühlte er sich ausgelaugt. Ende 2024 entschied sich Schneider, dass es so nicht weitergehen könne. Gemeinsam mit seinem besten Freund Tim Stutzenstein gründete er das Café „Erste Liebe“ in Köln. In den ersten Monaten arbeitete Schneider unter der Woche noch in seinem alten Job, am Wochenende für das Café. Das ging, solange es nur ein Pop-up ohne feste Adresse war. Als die beiden Gründer die richtigen Räume fanden, kündigte Schneider kurz darauf seine alte Stelle. Das Café hat lange auf, morgens gibt es Frühstück und Kaffee, abends Naturweine. „Früher war ich nach fünf Arbeitstagen am Wochenende ausgelaugt. Jetzt arbeite ich viel mehr und komme trotzdem jeden Tag gern hierher“, sagt Schneider. Klar gibt es auch Schwierigkeiten. Die Margen sind klein, Mitarbeiter schwer zu finden. Aber insgesamt funktioniere das Konzept, sagt Schneider. „Und ich weiß, wofür ich es mache. Es ist etwas, das ich für mich tue – und nicht für irgendjemand anderen.“

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Die Bundesregierung hat ein Interesse daran, dass mehr Menschen gründen. „Mehr Start-ups bedeuten mehr Innovation, mehr Wachstum und mehr Arbeitsplätze“, sagt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Dafür müssten „aus jungen Unternehmen globale Player“ werden.

Mehr als ein Viertel der Gründerinnen und Gründer des Jahres 2025 würden ihr Unternehmen laut KfW als Start-up bezeichnen. Wenn Katherina Reiche von Start-ups spricht, legt sie vermutlich strengere Kriterien an. Die Definition des Start-up-Verbands lautet: Junge Unternehmen mit einer innovativen Idee und großem Wachstumspotential.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden 3053 solche Start-ups gegründet, schon fast so viele wie im gesamten Jahr 2025. Der Startup-Verband hat eine Erklärung für den Anstieg der Gründungszahlen gefunden: Künstliche Intelligenz. Jedes dritte Start-up beschäftige sich heute mit KI, das sei ein „zentraler Treiber der Gründungsdynamik“.

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Mariya Rajendran von „AI2Connect“
Mariya Rajendran von „AI2Connect“privat

„Dass KI gerade ein Trendthema ist, öffnet sicher leichter erste Türen“, sagt Mariya Rajendran. Mit ihrem Unternehmen AI2Connect entwickelt sie KI-Agenten für die Logistikbranche, die wiederkehrende Abläufe automatisieren. Die Suche nach Investoren, berichtet Rajendran, sei trotz KI-Boom schwierig. Auch dass sie als Frau in einer traditionellen Männerbranche arbeitet, empfindet sie nach wie vor als herausfordernd. Von ihrem Vorhaben abbringen lassen will sie sich indes nicht. Dafür ist sie schon zu weit gekommen. Im Alter von 24 Jahren zog Rajendran von Bulgarien nach Deutschland, um Informatik zu studieren. „Ohne Wohnung, mit sehr schlechten Deutschkenntnissen, aber mit sehr viel Optimismus“, erzählt sie. Zunächst arbeitete sie bei großen Konzernen wie Miele und Siemens. Später sammelte sie als Freelancerin erste Erfahrungen in der Selbständigkeit. Dabei stellte sie fest, wie ineffizient manche Abläufe in der Logistikbranche waren. Sie gründete ihre Firma im März 2025. Mittlerweile beschäftigt sie sechs Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit.

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Die Menschen gründen aus sehr unterschiedlichen Situationen heraus: manche aus der Arbeitslosigkeit, andere aus dem sicheren Job, wieder andere aus der Elternzeit. Sicher ist: Die neue Selbständigkeit fällt in eine Zeit großer wirtschaftlicher Unsicherheit. Nicht jede Gründung entsteht aus der Sorge vor einem Arbeitsplatzverlust. Aber alle zeigen, dass Menschen ihre Situation selbst in die Hand nehmen wollen.

Das ist ein gutes Zeichen, auch wenn nicht jede Gründung Erfolg hat.

Das Ifo-Institut befragt zusammen mit dem Dienstleister Jimdo regelmäßig Unternehmer in Deutschland danach, wie sie ihre aktuelle Lage bewerten. Wenn mehr Befragte ihre Lage für gut halten als für schlecht, gibt es ein Plus; ist es umgekehrt, gibt es ein Minus. Im August kam dabei folgendes Ergebnis heraus:

Soloselbstständige und Kleinunternehmen: -17 Prozent

Gesamtwirtschaft: +1,7 Prozent

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Sarah Appel von „iss glücklich“
Sarah Appel von „iss glücklich“-privat-

Sarah Appel machte sich Mitte 2025 selbständig. Sie bietet mit ihrem Unternehmen „iss glücklich“ Ernährungscoachings für Frauen an. Um sich auf die Selbständigkeit vorzubereiten, nahm sie selbst an einem Gründungscoaching teil. Dafür musste sie an ihre Ersparnisse. Bald merkte sie: Das Coaching brachte ihr nicht, was sie brauchte. Die Umsätze blieben niedrig, der Gründungszuschuss lief aus. Anfang des Jahres wusste sie: So geht es nicht weiter. Sie spürte Existenzangst, bekam eine Panikattacke. Im Januar entschied sich Appel, einen Nebenjob zu suchen. Jetzt arbeitet sie 25 Stunden in einer Physiotherapiepraxis, einmal in der Woche gibt sie einen Pilates-Kurs. „Mir ist eine riesige Last von den Schultern gefallen“, sagt sie. Erst als der Druck nachließ, lief es auch mit dem eigenen Unternehmen besser. Appel bekommt mehr Kundenanfragen, erzielt erste Erfolge. Ihr Wunsch ist es weiterhin, irgendwann nur noch selbständig zu arbeiten. Aber nicht um jeden Preis.