Aus dem Stand auf die Longlist: Frankfurterin mit Romandebüt für Deutschen Buchpreis nominiert
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Erster Roman der Frankfurterin Miriam Carbe Diese "unerwünschte Tochter" hat Chancen auf den Deutschen Buchpreis
Die Frankfurterin Miriam Carbe hat es mit ihrem ersten Roman "Unerwünschte Töchter" gleich auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Der autobiografische Text verknüpft große historische Ereignisse mit den persönlichen Geschichten ihrer Vorfahrinnen.
Die Frankfurterin Miriam Carbe hat mit 58 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht. Bild © Verlag Hanser, Wolfgang Stahr, Collage: hessenschau.de
Fünf Jahre hat Miriam Carbe an ihrem Debütroman geschrieben. Immer mal habe sie sich zwei drei Stunden nach der Arbeit drangesetzt, erzählt die Frankfurterin im Gespräch mit der hessenschau.
Ein wichtiger Baustein dafür seien die Tagebuch-Aufzeichnungen gewesen, die sie von ihrer Mutter und Großmutter geerbt habe. "Es kam mir tatsächlich ein bisschen wie ein Auftrag vor, sie nicht einfach in den Keller zu räumen, sondern darüber zu schreiben", erzählt Miriam Carbe.
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04:23 Min.|Grete Götze
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Entstanden ist daraus ein Epochenroman, der sich über das zwanzigste Jahrhundert erstreckt, zwei Weltkriege und einen Mauerfall eingeschlossen, und mit der Geburt von Miriam Carbe selbst im Jahr 1967 endet. Die Autorin spinnt ihre Geschichte entlang der Tagebuch-Aufzeichnungen unterschiedlicher Generationen von Frauen: Urgroßmutter Margarethe, Großmutter Marianne, Mutter Monika und Miriam Carbe selbst.
Sie erzählt von ihrer Familie, die eigentlich aus Dresdens Bildungsbürgertum kommt, im Zuge der beiden Weltkriege aber verarmt und mehrfach umzieht. Immer wieder müssen die Frauen und Kinder Orte und lieb gewonnene Menschen verlassen. "Im Roman sind Frauen die zentralen Figuren, weil die Männer wie im Fall meiner Urgroßmutter in den Kriegen gefallen sind, oder wie mein Vater weggegangen", erzählt Carbe.
Rollenerwartungen versus Selbstverwirklichung
Die Frauen mussten sich überall selbst zurechtfinden und das Beste aus ihrer Situation machen. Die Autorin meint, ihre Vorfahrinnen hätten ein erfüllteres Leben führen können, wenn sie nicht durch die damaligen Erwartungen an Frauen eingeschränkt worden wären.
Ist das heute anders, in Zeiten gleicher Rechte? "In meiner Generation sind wir mit der Illusion totaler Gleichberechtigung aufgewachsen und haben dann im Berufsleben, in der Familienorganisation irgendwann gemerkt, dass das leider doch nicht stimmt", sagt die 58-Jährige. Sie arbeitet als Redakteurin bei arte.
Ein weiteres Thema ihres Romans ist der fast beiläufig erzählte Nationalsozialismus. Die Großmutter verliebt sich in den Staatsanwalt Alfred Carbe. Er unterschreibt in der NS-Zeit ohne innere Überzeugung Todesurteile für Deserteure, zum Beispiel für einen Maurer, der den Sinn des Krieges infrage stellt. Im Roman denkt Großmutter Marianne darüber so nach:
Zitat
So darf er nicht reden, hatte sie gesagt, aber gleich Todesstrafe? Ich bin Jurist, ich muss nicht denken, sondern nach geltendem Recht handeln. Und wenn ich es nicht unterschreibe, entscheidet der Kommandant, es ändert ohnehin nichts. Das stimmte natürlich, dachte Marianne. Sie waren nur kleine Rädchen in einem gewaltigen Getriebe, und der Krieg verwandelte den Tod in eine Alltäglichkeit.Zitat Ende
Miriam Carbe erzählt nicht moralisierend von ihren drei Vorfahren, die den Verbrechen der Nazis nichts entgegensetzen, und trotzdem versucht haben, das Beste für ihre unerwünschten Töchter rauszuholen.
Auch Miriam Carbe selbst ist eine titelgebende, unerwünschte Tochter. Entstanden aus einer Liaison ihrer Mutter, die seinerzeit an der Uni in Marburg einen nigerianischen Austausch-Studenten kennengelernt hatte.
Ein schwarzes, uneheliches Kind, das war in den Sechziger Jahren noch ein Skandal. Miriam Carbe versucht, mit ihrem Buch die Vorgeschichte des Skandals um ihre eigene Geburt aufzurollen. Und schlägt mit dem Thema Fremdenfeindlichkeit eine Brücke in die heutige Zeit.
Fremdenfeindlichkeit von gestern bis heute
"Wir sind in vieler Hinsicht viel weiter. Wir benennen heute Sachen klar als rassistisch, was man in der Zeit, die ich beschreibe, gar nicht gemacht hat." Andererseits gebe es einen totalen Backlash mit einer Partei, die als oberstes Programm den Hass auf alles als fremd Empfundene habe – "das finde ich paradox und auch erschreckend", sagt Carbe.
Für sie selbst, die drei erwachsene Kinder hat, ist die Geschichte mit dem knapp 600 Seiten fassenden Roman noch nicht auserzählt. In ihrem nächsten Buch soll es mehr um ihre eigene Geschichte gehen. Erst einmal kann man jetzt aber "Unerwünschte Töchter" lesen, ein leises, zugleich zeithistorisches und persönliches Buch.
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Miriam Carbe: “Unerwünschte Töchter”
Erschienen im Hanser Verlag. 576 Seiten, 26 Euro. Am 3. September liest Miriam Carbe in Vellmar.
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