Deutschland in Krisen nur bedingt handlungsfähig: Was die neue Sicherheitsstudie verrät


Stand: 07.10.2026, 20:02 Uhr

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Informationen, Verfahren und Befugnisse kommen bei komplexen Krisen noch nicht zusammen. Das zeigt die ab heute öffentliche Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“.

Die Drohne ist zu sehen, sogar der mutmaßliche Standort ihres fernsteuernden Piloten lässt sich orten. Doch der Betreiber des ausgespähten Werksgeländes darf nicht eingreifen. Bis die Polizei kommt, ist das Fluggerät verschwunden. Mit diesem Beispiel aus Bremen beschreibt eine neue Studie eine gefährliche Schwäche der deutschen Sicherheitsarchitektur: Zwischen dem Erkennen einer Bedrohung und der gemeinsamen Reaktion geht entscheidende Zeit verloren.

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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit The European.

Die Untersuchung „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“ des Vereins AFCEA Bonn kommt zu einem ernüchternden Befund. Deutschland verfügt über leistungsfähige Behörden, Unternehmen und Einsatzkräfte. Doch ihre Informationen, Verfahren und Befugnisse greifen bei komplexen Krisen nicht zuverlässig ineinander. Die Studie liegt dem DefenceNewsletter vor, ab heute (7. Oktober) darf über sie berichtet werden.

Nach Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle

Daran, dass Russland hinter der Sprengstoff-Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle steckt, gibt es lauf Bundesregierung keinen Zweifel. (Archivfoto) © Hendrik Schmidt/dpa

Rheinmetalls Digitalchef Timo Haas verortet das Problem im Bremer Beispiel hinter der technischen Erkennung. Betreiber, Polizei, Flugsicherung und Bundeswehr verfügen über unterschiedliche Informationen und Handlungsmöglichkeiten. Ob eine Drohne aus Neugier, zur Werksspionage oder im staatlichen Auftrag fliegt, lässt sich nicht ohne Weiteres feststellen. Während die Beteiligten die Lage bewerten, verstreicht das Zeitfenster zum Eingreifen.

Brigadegeneral Thomas Hambach, Kommandeur des Landeskommandos Bayern, beschreibt die militärische Logik dahinter: „Russland orientiert sich an dem, was wir militärisch auch täten: Man greift am besten die Schnittstellen an, die Zuständigkeitsgrenzen.“

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Ein deutliches Urteil – mit Grenzen

Das Problem reicht indes weit über die Drohnenabwehr hinaus. Ein Stromausfall kann zur gleichen Zeit Kommunikation, Verkehr und Krankenhäuser lahmlegen – ganz oder zumindest partiell. Ein Cyberangriff auf einen Zulieferer kann einen Energieversorger beeinträchtigen. Jede Stelle bearbeitet ihren Ausschnitt; wie die Ereignisse zusammenhängen und welche Hilfe Vorrang hat, bleibt womöglich ungeklärt.

Die Untersuchung stützt sich auf 55 Interviews mit 61 Gesprächspartnern, eine Online-Befragung von Anbietern mit 72 auswertbaren Antworten und die Auswertung weiterer Quellen. Von den online Befragten halten 61 Prozent Deutschland in komplexen Lagen für eingeschränkt und 15 Prozent für nicht handlungsfähig. Niemand vergibt das Urteil „voll handlungsfähig“.

Das ist ein Warnsignal aus der Praxis, keine repräsentative Vermessung des Landes. Die Studie benennt ihre Grenzen ausdrücklich: Technologie- und Verteidigungsunternehmen sind unter den Gesprächspartnern stärker vertreten als die kommunale Ebene. Zu den Studienpartnern gehören unter anderem Arvato Systems, Google Cloud, Airbus, AWS und secunet.

Auch der internationale Vergleich ist als Bewertung der Autoren zu lesen. Deutschland erhält für den Aufbau seiner Sicherheitsstrukturen 14 von 30 möglichen Punkten, die Ukraine 22, Finnland und die Niederlande jeweils 27. Bewertet werden unter anderem die Zusammenarbeit zwischen Behörden, zivile und militärische Verbindungen sowie die Krisenvorsorge. Der Vergleich ist bislang nicht extern geprüft; er misst den organisatorischen Aufbau, nicht die tatsächliche Bewährung im Ernstfall. In jedem Fall bleibt Luft nach oben. (von Olaf Hürtgen)